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Musiktherapie Wie Musik Schmerzen lindert

Musiktherapie: Kind spielt Gitarre
© AAlves / Shutterstock
Musik macht gute Laune und entspannt. Inzwischen wird sie in Form einer Musiktherapie sogar vermehrt zur Behandlung von Erkrankungen eingesetzt.

Inhaltsverzeichnis

Musik ist Balsam für die Seele

Ein wahrer Hormoncocktail flutet Körper und Kopf, wenn man bewusst Musik hört – jedenfalls dann, wenn es angenehme Töne sind. Die Musik wirkt wie Sex direkt auf das Belohnungssystem im Gehirn: Endorphine, körpereigene Opiate, werden ebenso ausgeschüttet wie das anregende Dopamin, beide sorgen für Glücksgefühle und Wohlbefinden. Die Gänsehaut beim Musikhören nennen Forscher deshalb sogar "Hautorgasmus". Und einer der Gründe, warum eine Musiktherapie mittlerweile bei allerhand Beschwerden empfohlen wird.

Musik macht glücklich

Den Glückseffekt von Musik kennt man schon ziemlich lange. Im Alten Testament beispielsweise gibt es die Geschichte vom schwermütigen König Saul, der David herbeirufen lässt, damit dieser ihm auf der Harfe vorspiele. Und in der griechischen Medizin setzten Ärzt:innen Heilgesänge ein, um Leiden zu mildern. Doch immer mehr verdichten sich die Anekdoten zu handfestem Wissen: Musik kann tatsächlich heilende Kräfte haben. Musik hören, selbst machen oder singen – alle Formen haben spezielle Wirkungen.

Schluss mit Ängsten und Depressionen dank Musiktherapie

Im Gehirn gibt es nicht nur ein Areal, das für Musik zuständig ist; die Töne bringen ein ganzes Netzwerk von Nervenzellen zum Klingen: Sie wirken im Großhirn, das für die bewusste Wahrnehmung und für Erinnerungen zuständig ist, im Kleinhirn, das Bewegungen und Gleichgewicht steuert, sowie im limbischen System, dem Gefühlszentrum.

Die vielen Gehirnareale, die vor allem beim bewussten Musikhören beansprucht werden, könnten erklären, warum man dabei ziemlich leicht in eine entspannte Selbstvergessenheit geraten kann, ähnlich einer Meditation, bei der man an nichts anderes mehr denkt. Und in der auch Schmerzen weniger wahrgenommen werden: Studien zeigen, dass chronische Schmerzpatienten weniger Schmerzmittel benötigen, wenn sie mit Musiktherapie behandelt werden. 

Musiktherapeutische Behandlung von Depressionen

Auch bei der Behandlung von Depressionen kann eine Musiktherapie nachweislich unterstützen, indem sie Ängste löst und bei der Entspannung hilft. Die garantiert wirksame Musik für ein besseres Gefühl gibt es allerdings nicht. "Bei der Auswahl sind die Hörgewohnheiten wichtig, da das Wohlgefühl für den Entspannungseffekt mitentscheidend ist", sagt Beatrix Evers-Grewe, erste Vorsitzende der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft. Sie empfiehlt eine Orientierung an den eigenen Vorlieben.

Die Musik im OP

Musik nach dem Geschmack ihrer Patient:innen lassen einige Musik-Mediziner:innen inzwischen sogar während Operationen laufen. Denn Studien haben gezeigt: Jede:r zweite Patient:in braucht unter Musikeinfluss weniger Beruhigungsmittel, bei einigen Eingriffen kann die richtige Musik sogar das Schmerzmittel ersetzen. Messungen ergaben, dass durch diese Musiktherapie deutlich weniger Stresshormone im Körper unterwegs sind – das könnte das Schmerzempfinden verringern, vermuten Forscher:innen.

Weniger die hübsche Melodie als vor allem den Rhythmus machen viele Wissenschaftler:innen inzwischen als den entscheidenden Stresskiller in der Musik aus. Die regelmäßige Struktur könnte verschiedene Körperprozesse, die bei Stress aus dem Takt geraten, wieder synchronisieren. Der Musik-Rhythmus kann offenbar dem Biorhythmus auf die Sprünge helfen: So senkt eine Musiktherapie bei Patient:innen auf der Intensivstation Herzrhythmus und Blutdruck und normalisiert bei Epileptiker:innen die Hirnströme. Und Parkinson-Patient:innen, die Schwierigkeiten mit dem Laufen haben, können oft im Takt von Musik wieder leichter gehen.

Musiktherapie: Wie Menschen durch Musik zusammenfinden

Aber nicht nur das Zusammenspiel verschiedener Körperfunktionen lässt sich durch Musik in den Takt bringen – sie verbessert auch die Schwingungen zwischen Menschen. Dass riesige Säle plötzlich wie ferngesteuert im Gleichtakt zu Musik klatschen, ist dabei nur ein äußeres Zeichen: Eine japanische Studie hat gezeigt, dass zumindest bei Männern, die gemeinsam mit anderen musizieren, weniger aggressiv machendes Testosteron im Blut kursiert, dafür aber mehr vom sogenannten Bindungshormon Oxytocin, das soziale Beziehungen intensiviert.

Musikmachen – neues Selbstbewusstsein tanken 

Der Griff in die eigene Musiksammlung ist eine praktische Schnellhilfe, um die heilsame Wirkung von Musik zu erfahren. In einigen Fällen aber ist selbst Musizieren wirkungsvoller. "Bei einer psychotherapeutischen Zielsetzung ist aktives Musizieren das Mittel der Wahl", erklärt Evers-Grewe. Und zwar am besten bei einem ausgebildeten Musiktherapeuten.

So eine aktive Musiktherapie kann nachweislich bei folgenden Beschwerden helfen:

  • chronische Schmerzen, zum Beispiel Kopfschmerzen
  • Behandlung von Depressionen oder Angststörungen 

In der Musiktherapie können Patient:innen lernen, mit Instrumenten ihre Gefühle auszudrücken – und so auch neues Selbstbewusstsein tanken. Das kann auch in ambulanten Einrichtungen passieren.

"Die Art, wie man Instrumente spielt, ist oft sehr eng verbunden mit der Art, wie man das Leben insgesamt angeht", sagt Beatrix Evers-Grewe. Wählt ein:e Patient:in beispielsweise erst einmal zaghaft die Triangel, schlägt sie:er wahrscheinlich auch im echten Leben eher leise Töne an, ist ziemlich zurückhaltend und hat wenig Selbstvertrauen. "Das Medium Musik bietet die Möglichkeit, spielerisch ein Stück weit in eine nicht vertraute Richtung zu gehen und zu experimentieren", erklärt die Expertin den Effekt der künstlerischen Therapie. "Es ist wie ein ständiges Als-ob: Auch wenn ich nur ein Triangelspieler bin, spiele ich jetzt mal, als ob ich ein Trommler wäre und übernehme dadurch eine wichtigere und lautere Rolle."

Welche Instrumente kann ich bei einer Musiktherapie spielen?

Für musikalische Anfänger:innen stehen in der Musiktherapie einfach zu spielende Schlag- und Saiteninstrumente bereit, z. B.:

  • Trommeln
  • Xylofon
  • Gong
  • Harfe
  • Leier

Vorkenntnisse braucht man dafür nicht – nur ein wenig Mut, sich an die Instrumente zu wagen. Wichtiger als musikalischer Wohlklang ist es in der Musiktherapie, sich überhaupt zu trauen, die eigenen Gefühle durch die Musik zum Ausdruck zu bringen. Damit lassen sich Ängste überwinden, verschiedene Reaktionen testen und man lernt, Situationen nach eigenen Wünschen zu beeinflussen.

Doch nicht nur bei psychischen Problemen hat sich die Musiktherapie bewährt: Auch Schlaganfallpatient:innen können z. B. mit Trommeln lernen, ihre Bewegungen nach einer Lähmung wieder zu koordinieren. Oft gelingt das Musizieren schon, obwohl normale Alltagsbewegungen noch nicht wieder möglich sind. Die Methode "Musikunterstütztes Training" wirkt einer Studie zufolge deutlich besser als Krankengymnastik und übliche Reha-Maßnahmen. Und bei Tinnitus, lästigen Ohrgeräuschen, kann eine spezielle Musiktherapie nachweislich helfen, mit dem Lärm im eigenen Kopf besser klarzukommen.

Singen: Fitness für Körper und Seele 

Die vielleicht effektivste Methode, die heilenden Kräfte der Musik zu spüren, ist es, den eigenen Körper als Instrument zu nutzen – und einfach loszusingen. Hier kommen 8 gute Gründe, häufiger zu singen:

1. Körperbewusstsein

Wer singt, entwickelt fast spielerisch ein tieferes Bewusstsein für seinen Körper, verbessert die Körperhaltung und steigert sein Selbstvertrauen. Aber auch die Gesundheit profitiert vom Trällern ganz beträchtlich: "Regelmäßiger Gesang bringt Herz und Kreislauf auf Trab und wirkt fast genauso wie eine Runde Jogging", sagt Wolfgang Bossinger, Experte für Musiktherapie. Singend wird die Atmung gleichmäßiger und tiefer, Sauerstoffaufnahme und Durchblutung werden angekurbelt. Die Produktion der Stresshormone Adrenalin und Kortisol wird gedrosselt und die Ausschüttung von Melatonin gesteigert – das Hormon sorgt für einen erholsamen Schlaf.

2. Immunsystem

Auch die Körperabwehr kommt durch die Stimm-Musik auf Touren: Eine Studie der Universität Frankfurt zeigt, dass Singen den Anteil an Immunglobulin A im Speichel merklich ansteigen lässt – der Antikörper schützt vor Atemwegsinfekten. Proband:innen, die die Musik lediglich hörten, konnten ihre Abwehrkräfte hingegen kaum steigern.

3. Widerstandskraft

Und vielleicht am wichtigsten: Die selbst erzeugte Musik erhöht die psychische Widerstandskraft. Der Musikpsychologe Dr. Karl Adamek verglich Sängerinnen und Sänger mit nicht singenden Menschen. Sein Ergebnis: Menschen, die im Zuge einer Musiktherapie regelmäßig singen, sind zudem seelisch belastbarer und optimistischer, leiden seltener unter Frust oder Depressionen und können mit Problemen und Konflikten besser umgehen.

4. Sprachstörungen

Singen kann darüber hinaus als Therapie auch bei schweren Sprachstörungen helfen. So gelingt es Menschen, bei denen nach einem Schlaganfall das Sprachzentrum im Gehirn geschädigt ist, mit einer speziellen Musiktherapie mit Fokus auf Gesang (Melodic Intonation Therapy) über das Singen zur Sprache zurückzufinden, hat eine Studie gezeigt. Singen und Sprechen werden im Gehirn in zwei verschiedenen Gehirnarealen verarbeitet – und offenbar kann das Singareal die Fähigkeiten des zerstörten Sprachzentrums übernehmen.

5. Schlafstörungen

Bei Schlafproblemen eignet sich als Schlummerhilfe ruhige Musik mit abfallenden Melodien und rund 60 Beats pro Minute. Denn dieser Rhythmus entspricht etwa unserer Ruhe-Herzfrequenz.

6. Stress

Auch Yoga kann Teil einer Musiktherapie sein: Der sogenannte Bienen-Atem sorgt beispielsweise für tiefe Entspannung:

  1. Im Sitzen ruhig und tief atmen, dem eigenen Atem lauschen.
  2. Dann beim Ausatmen leise summen, die Lippen sanft schließen, die Vibration erspüren, hörbar durch die Nase einatmen.
  3. Fünf Minuten lang durchführen, dann normal atmen und dem Summen nachspüren.

7. Wut

Bei einer schwachen Abwehr solltest du Ärger nicht runterschlucken, sondern im Zuge einer aktiven Musiktherapie stattdessen ein paar Minuten singen. Aufgestaute Wut schwächt unser Immunsystem für Stunden und sorgt so für Infekte, Singen fährt es wieder hoch.

8. Depressive Verstimmung

Singend trickst du auch schlechte Laune aus: Da die Gesichtsmuskeln sich beim Singen anspannen, als ob wir lachen würden, schaltet unser Gehirn in beiden Fällen auf Fröhlichkeitsmodus um.

Die Musiktherapie in Praxen

In Kliniken und Praxen für Psychiatrie und Psychotherapie werden Einzel- und Gruppensitzungen angeboten, in denen Patient:innen entspannender Musik lauschen oder mit therapeutischer Unterstützung musizieren und singen. Behandelt werden unter anderem Menschen mit:

  • Depressionen
  • Suchterkrankungen
  • Ess- und Angststörungen
  • verhaltensauffällige oder behinderte Kinder.

Die Kosten für eine Musiktherapie werden jedoch von den Krankenkassen in der Regel nicht übernommen.

Du wünschst dir noch mehr Informationen zu sanften Heilmethoden? Hier erfährst du mehr über die Heilerde, die Milchsäurekur, die Kneipp-Kur, Osteopathie und Qigong.

Quellen

Decker-Voigt, H-H., Knill, P. J., Weymann, E.: Lexikon Musiktherapie, Hogrefe, 1996

Hörmann, K.: Musik in der Heilkunde: Lehrbuch / Wissenschaftliche Musiktherapie, Pabst, 2009

Baer, U., Frick-Baer, G.: Klingen, um in sich zu wohnen: Methoden und Modelle leiborientierter Musiktherapie, Affenkönig-Verlag, 2004

Hegi-Portmann, F.: Musiktherapie – Möglichkeiten und Wirkung freier Musik, Junfermann, 1993

sp Brigitte

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