OP statt Diät? Das empfiehlt der Experte bei Übergewicht!

Immer mehr Menschen mit extremem Übergewicht lassen sich den Magen verkleinern. Was der Eingriff bringt und warum auch Patienten mit anderen Krankheiten davon profitieren, erklärt Prof. Rudolf Weiner.

BRIGITTE: Die Deutschen sind so dick wie nie zuvor, ein Viertel der Erwachsenen gilt als fettleibig. Experten sprechen von einer Adipositas-Epidemie. Sind Operationen das Mittel, sie zu stoppen?

PROFESSOR WEINER: Am besten ist es natürlich, wenn Übergewicht gar nicht erst entsteht. Das Wichtigste ist darum immer die Prävention. Die Zuckersteuer wäre da eine Möglichkeit, bei der Ernährung von Kindern, dem Sportunterricht in der Schule müssen wir ansetzen. Aber wenn das Übergewicht nun mal da ist, dürfen wir die Leute nicht alleinlassen.

Selbst unter Ärzten gibt es diese Stigmatisierung: Das müssen die Dicken doch selbst in den Griff bekommen, sollen sie einfach nicht so viel essen. Der Orthopäde sagt: "Frau Meier, Ihr Knie ist schlecht, Sie müssen jetzt mal abnehmen." Aber wie das gehen soll, sagt er nicht. Ich sage: Ab 30, 40 Kilogramm zu viel gibt es nur eine effektive Maßnahme, dauerhaft viel Gewicht zu verlieren: die Operation.

Und was ist mit Diäten?

Bei Adipositas helfen keine Diäten mehr. Im Gegenteil: Sie sind mit daran Schuld, dass die Menschen überhaupt erst so schwer geworden sind.

Warum das?

Erst einmal muss man sagen: Weil Nahrung bei uns zu jeder Zeit verfügbar ist und wir uns gleichzeitig viel weniger bewegen, kommt Übergewicht, vor allem bei bestimmten genetischen Veranlagungen, ziemlich leicht zustande. Wer dann eine radikale Hungerkur macht, nur noch Möhren isst und sehr wenig Kalorien aufnimmt, dessen Körper entwickelt Gegenstrategien. Der Hunger nimmt zu und die Sättigung ab, sodass man nach einer Woche eine riesige Pizza verdrückt, bevor man das Gefühl hat, satt zu sein. Gleichzeitig stellt der Körper seinen Energiestoffwechsel um, schaltet auf Sparflamme und bleibt auf dieser, auch wenn nach der Diät wieder normal gegessen wird. Mit der Folge, dass nach einer Weile dann sogar mehr Gewicht drauf ist als vorher. Und nach der nächsten Hungerkur noch mehr.

Die meisten unserer Patienten haben eine lange Reihe von Diäten und anschließendem Jo-Jo-Effekt hinter sich - und fühlen sich deshalb als Versager. Dabei ist es ja keine Willensschwäche, die gegenläufigen körperlichen Prozesse sind einfach sehr mächtig.

Wie viel wiegen denn die Patienten, wenn sie zu Ihnen kommen?

Die Schwersten über 400 Kilo, aber das ist eher selten. Die meisten Menschen bringen 140 bis 180 Kilogramm auf die Waage.

Lassen sich Frauen und Männer gleichermaßen operieren?

Nein. Obwohl in der Bevölkerung mehr Männer als Frauen extremes Übergewicht haben, sind meine Patienten in der Mehrheit weiblich.

Und dann bekommen sie von Ihnen einen kleineren Magen, in den nicht mehr viel reinpasst, und nehmen ab?

Das Spannende an der modernen Adipositas-Chirurgie ist, dass sie gleich an drei Punkten ansetzt: Am Hunger, an der Sättigung und am Energiestoffwechsel. Es ist ein sehr komplexes Geschehen. Im Prinzip könnte man auch an der Hirnanhangdrüse ansetzen, dort werden Hunger und Energiehaushalt reguliert, aber an den Magen kommt man eben besser ran.

Was genau verändert sich durch die OP? Zum einen sinkt der Hunger, weil durch die Magenverkleinerung Hungerrezeptoren im Magen ausgeschaltet oder sogar entfernt werden. Zum anderen steigt die Sättigung, weil es beim Essen im nun kleineren Magen viel früher zur Dehnung der Magenwand kommt - und genau dieser Reiz ist für unser Gefühl, satt zu sein, verantwortlich. Das Entscheidende ist aber: Der Energiestoffwechsel wird angeregt. Das Wenige, das man noch zu sich nimmt, verbrennt man also stärker.

Das heißt: Man nimmt nicht nur ab, sondern hält das geringere Gewicht auch.

Genau.

Bessern sich dadurch auch die Folgeerkrankungen des Übergewichts wie zum Beispiel ein Diabetes mellitus?

Ja, und bei manchen passiert dies bereits, bevor sie überhaupt abgenommen haben.

Wie das?
Weil einige Verfahren, wie zum Beispiel die Magen-Bypass-OP, direkt auf den Stoffwechsel wirken. Danach werden bestimmte gastrointestinale Hormone freigesetzt, die zu einer Regeneration der Bauchspeicheldrüse führen. Diese produziert wieder Insulin, sodass die Patienten es dem Körper nicht mehr von außen zuführen müssen. Was sogar noch schneller geht: Die Leberfunktion verändert sich drastisch und die sogenannte Insulinresistenz geht zurück. Das körpereigene Insulin kann also wieder wirken.
Die Zuckerkrankheit ist damit weg?

Ja, und das für einen sehr langen Zeitraum. Sie kommt erst sehr viel später wieder, als echter Altersdiabetes, wie man ja früher auch gesagt hat, also mit 65 oder 70 Jahren. Weil die Zuckerkrankheit so viele negative Veränderungen mit sich bringt - Gefäßverkalkung, ein hohes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall, Augen-, Nerven- und Nierenschäden bis hin zu Dialyse und Transplantation -, bedeutet dies für die Menschen eine echte Lebensverlängerung. Mittlerweile wissen wir nämlich, dass diese typischen Diabetes-Folgen keine Endstadien sind, sondern sich wieder zurückbilden können. Das ist sensationell.

Hat man vorher nicht erwartet, dass Magen-OPs so umfassend wirken?

Nein. Vieles haben wir erst durch die Erfahrungen mit den Patienten gelernt. Die Adipositas-Chirurgie hat sogar einen gewaltigen Fortschritt in der Behandlung von Diabetes gebracht, weil man erst durch sie verstanden hat, welche Hormone wirken, und dann versucht hat, diese künstlich herzustellen. Die sogenannten GLP-1-Analoga, die jetzt zur Diabetes-Behandlung auf den Markt kommen, sind so entwickelt worden.

Ist eine Operation denn bei jedem erfolgreich oder gibt es auch Menschen, die danach gar nicht abnehmen?

Das kommt auf das Verfahren an. Das erste war in den 1990er-Jahren das Magenband. Das ist eigentlich nur eine Esshilfe, die die Nahrungsaufnahme einschränkt. Wenn man dann ständig Süßes isst, hilft es natürlich nicht. Aber die Adipositas-Chirurgie hat sich seitdem weiterentwickelt hin zu den modernen Verfahren, die mit den erwähnten komplexeren Effekten einhergehen. Außerdem gehört zum Eingriff und zur Nachsorge, die danach mindestens einmal im Jahr erfolgt, immer eine Ernährungsschulung und -beratung.

Die Adipositas-Chirurgie ist wegen möglicher Komplikationen teilweise auch umstritten. Wie sieht es denn mit den Risiken der Eingriffe aus?

Die gibt es auf jeden Fall, weil Operationen bei stark Übergewichtigen einfach generell eine größere Gefahr bergen als bei Normalgewichtigen. Die Zahlen der Krankenkassen zeigen aber, dass die Komplikationsrate an zertifizierten Adipositas-Zentren deutlich geringer ist als an anderen Kliniken und dass sie auch viel geringer ist im Vergleich zu einer OP an Gallenblase, Knie oder Hüfte.

Ich habe Patienten, die stehen auf der Warteliste für eine Herztransplantation, aber weil sie zu schwer sind, kann die gar nicht gemacht werden. Nicht einmal ein Zahnarzt würde diese Menschen noch operieren. Wir tun es. Und dann nehmen die Patienten ab und könnten am Herzen operiert werden, aber sie müssen es gar nicht mehr, weil sich die Herzfunktion durch die Gewichtsreduktion bereits wieder verbessert hat. Sie können plötzlich wieder Treppen steigen und alles. Das zu erleben ist großartig.

Sind Ihre Patienten dann auch irgendwann wieder schlank?

Die meisten wollen es vorher nicht hören, aber: Sie verlieren nur einen bestimmten Prozentsatz des Übergewichts. Eine Frau, die bei 1,60 Meter Körpergröße 160 Kilo gewogen hat, wird also niemals wieder Ideal- oder auch nur Normalgewicht haben. Sie schafft vielleicht 80 Kilo, und schon das ist eine enorme Entlastung.

Wie sind die Richtlinien: Ab wann kann überhaupt operiert werden?

Voraussetzung sind ein Body-Mass-Index über 40 bzw. 35 mit Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck, und ausgeschöpfte konservative Methoden, also Ernährungs- und Bewegungsprogramme. Diese Richtlinien gelten international. Aber trotzdem unterscheidet sich Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern: Bei uns sind die Patienten die dicksten und die ältesten.

Der Eingriff ist keine Regelleistung und wir erhalten die Kostengenehmigung von der Krankenkasse oft erst, wenn jemand kurz vor der Nierentransplantation steht, bettlägerig ist und von der Feuerwehr mit einem Kran aus dem Fenster geholt wird, weil er 300 Kilo wiegt. Und natürlich ist es dann schon fast zu spät und eine OP wirklich ein Risiko. Operieren müsste man eigentlich viel früher: Die junge Frau etwa, die nach zwei Kindern ihre 130 Kilo nicht mehr runterkriegt, krampfhaft Diäten macht und immer schwerer wird, die Psychopharmaka nehmen muss, weil der Leidensdruck so stark ist.

Diese Fett-Weg-OPs gibt es

Laut Krankenhausreport der Barmer GEK vom letzten Jahr hat sich die Zahl der sogenannten bariatrischen Eingriffe, also der Übergewichts-OPs, zwischen 2006 und 2014 verfünffacht. Etwa 8500 Eingriffe werden derzeit jährlich in Deutschland durchgeführt; das macht etwa 12 auf 100 000 Einwohner; in Frankreich sind es trotz der viel geringeren Adipositas-Verbreitung dreimal so viele. Im Wesentlichen kommen drei verschiedene Verfahren zum Einsatz:

Magenband: Verstellbares Silikonband, das um den Magen gelegt wird und die Nahrungsmenge begrenzt, die dieser in einer bestimmten Zeit aufnehmen kann. Das Magenband findet mittlerweile kaum noch Anwendung, weil die anderen Verfahren um ein Vielfaches effektiver sind.

Schlauchmagen: Ein Teil des Magens wird längsseitig abgeteilt und entfernt; die Größe des Restmagens beträgt zehn bis 20 Prozent des ursprünglichen Organs.

Magen-Bypass: Ein kleiner Teil des Magens wird abgeschnürt und direkt an den Dünndarm angeschlossen; der größere Teil des Magens ist nicht mehr am Verdauungsprozess beteiligt.

Alle Verfahren werden laparoskopisch, das heißt per Schlüsselloch-Chirurgie mit kleinen Schnitten in der Bauchdecke durchgeführt. Zum eigentlichen Eingriff kommen Ernährungsberatung und eventuell Verhaltenstherapie sowie an allen zertifizierten Zentren eine lebenslange Nachsorge mit ärztlichen Kontrollen und Ernährungsberatung mindestens einmal im Jahr (Adressliste der Zentren auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie, www.dgav.de). Außerdem müssen dauerhaft bestimmte Vitamine, Mineralstoffe und Eiweiß zugeführt werden, um Mangelerscheinungen zu vermeiden.

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Diät
Ein Artikel aus der BRIGITTE Heft 08/17
Interview: Antje Kunstmann
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