Schlafstörungen durch Mann im Bett

Frauen schlafen schlechter. Sind die Hormone schuld? Wohl kaum. Unsere Nachtruhe wird uns schlicht geklaut - und oft sind Männer an den Schlafstörungen schuld.

Kennen Sie diesen Werbespot? Schauplatz: Ein nächtliches Schlafzimmer. Mann hustet, Frau wälzt sich schlaflos. Mann kümmert sich nicht, Frau steht auf. Öffnet den Medizinschrank und... Den Rest kann man sich denken. Happy End.

Mich packt bei solchen Filmchen immer ein großer Zorn. Sind wir Frauen auf nächtliche Ruhestörungen eigentlich grundsätzlich abonniert? Und das nicht nur, wenn Säuglinge zu stillen oder fiebernde Kinder zu trösten sind? Hat die Frau "als Gesundheitsmanagerin der ganzen Familie", wie es auf neudeutsch so schön heißt, Tag und Nacht im Einsatz zu sein? Weil man von Männern offenbar nicht erwarten kann, dass sie sich ein adäquates Hustenmittel besorgen? Oder, wenn sie Krach machen, auf dem Sofa schlafen?

Ist ja nur ein Beispiel von vielen. Seit Jahren landen auf unseren Redaktionsschreibtischen immer wieder die Ergebnisse der Marketing-Bemühungen diverser Hersteller von Potenzpillen. Deren gemeinsames Anliegen: Jetzt sollen wir Frauen mit ran. Und den schwächelnden Partner zum Arzt schleppen, wenn er den Weg nicht allein findet. Viagra-Hersteller Pfizer hält zu diesem Zweck ein vorgedrucktes Kärtchen für Frauen bereit: "Ich will. Mit zum Arzt."

Ich will nicht mit zum Arzt. Ich will mich nicht mitten in der Nacht um Hustensaft kümmern. Ich wundere mich aber überhaupt nicht darüber, dass die Häufigkeit von Schlafstörungen bei Frauen etwa doppelt so hoch ist wie bei Männern. Dieses Problem entsteht übrigens, so zeigen Studien, erst im Laufe eines Frauenlebens.

Zum Beispiel durch das männliche Schnarchen. Der Schlafkiller Nummer eins tritt bei Männern nicht nur doppelt so oft auf wie bei Frauen. Frauen gehen auch noch viel rücksichtsvoller damit um. Das zeigte eine Studie der britischen University of Surrey. Sie belegte auch, dass Frauen eher auf ihre eigene nächtliche Erholung verzichten, als ihren Nerven sägenden Partner zu stören. Männer sind da weit weniger duldsam. Im Ergebnis, so rechneten die Forscher aus, werden Frauen von ihren schnarchenden Männern fünf Stunden Schlaf pro Woche geklaut.

Schlafmangel macht krank. Der Stoffwechsel entgleist, der Blutzuckerwert steigt, die Schilddrüsenfunktion wird gestört, die Produktion des Stresshormons Kortisol nimmt zu, das Risiko für Diabetes und Herzinfarkt steigt. Um nur mal die gängigsten Probleme zu benennen.

"Ein Zimmer für sich allein", forderte die Schriftstellerin Virgina Woolfe 1929 und formulierte damit einen der meistzitierten Texte der Frauenbewegung. Die Forderung ist achtzig Jahre später offenbar kein bisschen veraltet. Und für unsere Nächte gilt sie mehr denn je.

Warum diese Kolumne?

Frauen sind bekanntlich das starke Geschlecht. Sie kümmern sich um Verhütung, schlucken die Pille, ertragen Spritzen und Spiralen. Sie bekommen Kinder und durchwachen Nächte. Manchmal erst, nachdem sie strapaziöse Behandlungen der Reproduktionsmedizin auf sich genommen haben. Im Berufsleben machen Frauen im Durchschnitt die schlechter bezahlten Jobs, haben mehr zu kämpfen und weniger Anerkennung: Das alles belastet die Gesundheit. Frauen leiden doppelt so oft wie Männer an Depressionen, und sie bekommen zunehmend auch Krankheiten, die lange als typisch männlich galten: Herzinfarkt, Schlaganfall oder Lungenkrebs.

BRIGITTE-Autorin Irene Stratenwerth

Trotz all dem haben Frauen eine höhere Lebenserwartung. Weil wir uns mehr um unsere Gesundheit kümmern? An der ärztlichen Behandlung jedenfalls kann es nicht liegen: Viele Studien zeigen, dass weibliche Patientinnen schlechter behandelt werden als Männer. Zum Beispiel mit Medikamenten, die nur an männlichen Probanden getestet wurden und bei Frauen weniger gut wirken.

Ist es gefährlich, eine Frau zu sein? Lesen Sie mehr über neue Studienergebnisse, die aktuelle Gesundheitspolitik oder den Alltag in Arztpraxen und Kliniken in der Kolumne von BRIGITTE-Autorin Irene Stratenwerth. Und diskutieren Sie mit. Ab sofort jede Woche auf Brigitte.de.

Text: Irene Stratenwerth Foto: Silke Goes Illustration: Tim Möller-Kaya

Wer hier schreibt:

Irene Stratenwerth
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