Stammzellforschung: Frische Eizellen von frischen Frauen

Die neue wöchentliche BRIGITTE.de-Kolumne über aktuelle Gesundheitspolitik und -forschung. Diesmal: Warum Stammzellforschung für Frauen gefährlich ist.

BRIGITTE-Autorin Irene Stratenwerth

Jede Woche neue Schlagzeilen. In der Klonforschung herrscht derzeit Goldgräberstimmung. Der jüngste Coup ist kalifornischen Forschern gelungen: Aus einer weiblichen Eizelle und dem Erbgut einer männlichen Hautzelle haben sie angeblich einen Embryo geklont.

Solche Experimente sind aus vielen Gründen fragwürdig. Über die Frage, ob ein im Labor erzeugter Embryo als werdender Mensch mit eigener Würde (und eigenen Rechten) zu betrachten ist, wird von Medizinethikern und Theologen vehement gestritten.

Ein Aspekt kommt in der Debatte allerdings oft viel zu kurz. Der Kölner Klonforscher Jürgen Hescheler formuliert ihn diese Woche im "Spiegel" so: "Die Zufuhr an möglichst frischen Eizellen von möglichst jungen Frauen ist in dieser Forschung der entscheidende Punkt, an dem die meisten Wissenschaftler scheitern."

Die kalifornischen Forscher verbrauchten für ihren Versuch 29 frische Eizellen, gespendet von drei jungen Frauen. Die näheren Umstände sind unbekannt. Der koreanische Forscher Hwang Woo Suk, der vor zwei Jahren als Wissenschaftsbetrüger aufflog, hatte seine eigenen Mitarbeiterinnen als Eizell-Spenderinnen missbraucht. Junge Frauen, die ihre eigene Gesundheit und Fruchtbarkeit aufs Spiel setzten - für einen medizinischen Fortschritt, der noch völlig ungewiss ist.

Eizellspenden sind belastend und riskant. Die Hormonbehandlung zur Vorbereitung des Eingriffs steht im Verdacht, Krebs zu erregen. Jede zehnte Frau leidet nach der Behandlung unter Nebenwirkungen wie Zysten, Depressionen oder Schmerzen; bei einer von hundert kommt es zu einem lebensbedrohlichen Überstimulationssyndrom - mit Nierenversagen, Schlaganfällen oder Lungenembolien. Auch das "Abernten" der Eizellen, ein operativer Eingriff, hat seine eigenen Risiken.

Kein Wunder, dass Eizellen weltweit Mangelware sind. In England wird jetzt Kinderwunsch-Patientinnen angeboten, ihre überschüssigen Eizellen für die Wissenschaft zu spenden - gegen einen Preisnachlass von 1500 Pfund bei der In-Vitro-Fertilisation. 100 Frauen sollen schon eingewilligt haben, nur 15 allerdings kamen als Spenderinnen in Frage. Unter anderem, weil IVF-Patientinnen oft nicht mehr ganz jung sind.

BRIGITTE berichtete im Herbst 2005 über kriminelle Methoden, mit denen junge Frauen in Rumänien für 250 Euro als Eizellspenderinnen geworben und mit schweren gesundheitlichen Folgen allein gelassen wurden. Nach dieser Reportage ahnt man, wie der enorme Bedarf der Wissenschaft gestillt werden könnte: Arme junge Frauen gibt es schließlich überall auf der Welt. Deutsche Forscher werden indessen nicht müde, sich über die repressive Politik zu beklagen, die hierzulande eine Forschung an neu erzeugten embryonalen Stammzellen verbietet.

Doch jetzt gab es auch mal ganz andere Nachrichten: Das Berliner Max-Planck-Institut, so ist zu lesen, ist erfolgreich und europaweit führend in der Entwicklung eines Verfahrens, mit dem menschlichen Hautzellen in Stammzellen verwandelt werden können. Keine Frau muss dafür nur eine einzige Eizelle hergeben. Möglicherweise, so spekulieren jetzt Wissenschaftler, gehört die "verbrauchende Embryonenforschung" früher oder später der Vergangenheit an.

Da ist frau doch mal froh, in einem Land zu leben, in dem die Eizellspende verboten und Embryonenforschung nur sehr begrenzt möglich ist. Wo Forscher deshalb manchmal sogar auf bessere Ideen kommen. Und es ein bisschen weniger gefährlich ist, eine Frau zu sein.

Was ist Ihre Meinung zum Artikel und zur Eizellenspende? Schreiben Sie es uns in den Kommentaren!

Text: Irene Stratenwerth Illustration: Tim Möller-Kaya Foto: Silke Goes

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