"Ich brauche mehr Zeit!"

Peggy Berwanger, 29, ist Diplom-Betriebswirtin und arbeitet als leitende Managerin in einem Hamburger Fitness-Studio. Sie macht viele Überstunden, steht ständig unter Strom, und ihre Beziehung kommt öfter mal zu kurz.

Die Ausgangssituation

Peggy koordiniert den reibungslosen Ablauf der Kundenbetreuung, ist im Fitness-Studio pausenlos im Einsatz. Die Zeit rast. Und noch viel mehr, sobald ihr Vorgesetzter im Haus ist. Dann landet zusätzliche Arbeit auf ihrem Tisch und, klar, Peggy will alles perfekt machen. Zum Glück hat sie ein super Team von 15 Leuten, dennoch gibt sie ungern Aufgaben aus der Hand, macht die Dinge gern selbst. Nach der Arbeit hat sie keine Energie mehr und will nur noch ins Bett. Doch das Job-Karussell dreht sich in ihren Gedanken weiter. Ihren Freund aus Stuttgart sieht Peggy nur vier Tage im Monat, und selbst in dieser kostbaren Zeit schafft sie es kaum, sich fallen zu lassen. Sie sagt: "Ich hab schon während des Studiums viel gearbeitet, doch da war ich viel zufriedener. Jetzt hab ich das Gefühl, meine innere Ruhe ist weg, ich komm nicht voran, weiß nicht mehr, wo ich eigentlich hin will." Deshalb wünscht Peggy sich mehr Zeit - zum Nachdenken, Durchatmen.

Der Zeitforscher: Professor Dr. Karlheinz A. Geissler, Philosoph und Wirtschaftspädagoge an der Universität der Bundeswehr in München

"Tut mir leid, keine Zeit" ist eine der häufigsten Entschuldigungen in unserer Gesellschaft. Oft steckt aber kein wirkliches Zeitproblem dahinter. Denn: Wer über Zeitprobleme klagt, klagt über etwas anderes! Peggy sollte sich zuallererst fragen, warum sie zu viel arbeitet. Vielleicht ist es die Angst, etwas zu versäumen, wenn sie einen Gang zurückschaltet.

Dann sollte sie sich klarmachen: Zeit lässt sich nicht ändern. Und sie ist nicht knapp - denn jeden Tag kommt neue Zeit nach. Deshalb macht es keinen Sinn, wenn Peggy sich fragt, wie sie mehr Zeit gewinnen kann. Wichtig ist es, herauszufinden, wie sie mit ihrer Zeit sinnvoller und zufriedenstellender umgehen kann. Ich rate Peggy: Laden Sie die Zeit zu sich ein, entwickeln Sie zu ihr ein freundschaftliches Verhältnis. Dazu drei Tipps. Erstens: Jeder darf auch mal langsam sein. Langsamkeit kann sogar produktiver sein. Und manche Arbeit, die man liegen lässt, erledigt sich von selbst. Wenn Peggy zweitens durch bessere Organisation oder das Delegieren von Aufgaben zeitliche Freiräume schafft, darf sie die auch mal vertrödeln, bewusst Langeweile und Muße zulassen - statt diese gewonnene "Freiheit" für noch mehr Aufgaben zu nutzen. Drittens: Peggy sollte verinnerlichen, dass Zeit nicht immer Geld ist und vor allem: Zeit lässt sich eigentlich gar nicht sparen. Könnte man Zeit sparen, würde man diese ans Leben anhängen können. Doch die heute gesparte Zeit ist unwiederbringlich weg. Peggy sollte deshalb den Augenblick nicht aufschieben, sondern bewusst in der Gegenwart leben. Denn Leben heißt: Zeit haben.

Die Kommunikationstrainerin: Christiane Tantau, M. A., Soziologin und Personal- Coach, Hamburg

Peggy wird von zwei Glaubenssätzen angetrieben, die Druck erzeugen und ein gutes Zeitmanagement verhindern: "Sei perfekt!" und "Sei lieb!". Zum einen möchte sie ihren Job perfekt erledigen, zum anderen von allen gemocht werden. Folgende Strategie wird Peggy helfen: Als Teamleiterin muss sie lernen, Aufgaben zu delegieren. Das schafft sie, indem sie ihre Führungsposition für sich selbst verinnerlicht. Beim Delegieren sollte sie deutliche und genaue Aufgaben verteilen - das entlastet. Gegenüber ihrem Chef muss Peggy sich abgrenzen. Freundlich und bestimmt Nein sagen, wenn dieser ihr zu viele Aufgaben übertragen will. Zwei Dinge helfen Peggy künftig bei Stress: Sich bewusst daran zu erinnern, wie gut dieses "leichte Gefühl" ist, wenn man gelernt hat, sich abzugrenzen. Weiterhin hilft der Satz: "Ich mag mich, ich grenze mich ab, ich sage auch Nein." So fällt sie nicht in alte Verhaltensweisen zurück und gewinnt Zeit für sich selbst.

Der Ayurveda-Experte: Dr. Dietrich Wachsmuth, arzt im Ayurveda-Zentrum Parkschlösschen in Traben-Trarbach

Nach ayurvedischer Lehre hilft Peggy in turbulenten Zeiten die Prana-Meditation. Sie sorgt für ein stabiles inneres Gleichgewicht durch bewusstes, vertieftes Ausatmen. Das wird Peggy entspannen, vor allem, wenn Sie möglichst zweimal täglich meditiert. So geht's: 15 bis 20 Minuten Zeit nehmen, sich bequem hinsetzen, die Augen schließen, bewusst etwas tiefer als sonst durch die Nase ein- und ausatmen. Wichtig ist das vertiefte Ausatmen. Stress, Säuren, Schmerzen und Spannungen sollen so aus dem Körper herausfließen, Leben und Energie mit dem Atem wieder hineinströmen. Peggy sollte während der Meditation auch ihre Körperempfindungen und Gefühle beobachten und alle Gedanken zulassen, die ihr durch den Kopf gehen. Wohlige Gefühle genießen, unangenehme wahrnehmen, nichts anstreben, nichts abwehren. Die Prana-Meditation fördert Gelassenheit und Klarheit und löst den Stress. Bewusster Atmen hilft auch außerhalb der Meditation!

... und das hat's gebracht:

Nach einer Woche

Nach dem ersten Coaching-Gespräch mit der Kommunikations-Trainerin war ich matt und müde, aber dann ist eine Art innere Ruhe eingekehrt. Plötzlich war der Wille da, das Delegieren endlich in Angriff zu nehmen. Da ist in mir etwas in Gang gekommen, und ich habe festgestellt, das Abgeben von Aufgaben ist gar nicht so schwer, wie ich gedacht hätte. Ich beginne deutlich zu sagen, was wie gemacht werden muss, grenze mein eigenes Aufgabengebiet ab und halse mir so nicht mehr die ganze Arbeit selbst auf. Das ist für uns alle im Team noch ungewohnt und neu, aber es fühlt sich ganz gut an. Das vertiefte Atmen ist Klasse. So komme ich zwischendurch immer wieder zu mir selbst und kann klar denken. Die Ansätze des Zeitforschers verstehe ich, aber sie sind mir zu theoretisch. Einfach zu weit weg vom wirklichen Leben.

Nach einem Monat

Jetzt ist der Knoten geplatzt. Jahrelang wollte ich alles schaffen und gut dastehen. Nun gehe ich tatsächlich nach acht Stunden Arbeit nach Hause und lasse Dinge liegen, die nicht eilen. Und manches erledigt sich wirklich von selbst. Ich genieße jetzt bewusst Langeweile und Stille. Die Atemmeditation lässt mich zur Ruhe kommen. Das Schlüsselerlebnis aber kam durch die Gedanken des Zeitforschers. Irgendwann nachts habe ich plötzlich begriffen, wie anders es sich anfühlt, Zeit nicht nur zu nutzen sondern "einfach" zu leben. Ich habe entschieden, meine Koordinationsstelle abzugeben und zurück ins Team zu gehen. Alle Aufgaben, die mich so gestresst haben, fallen weg. Fühlt sich total leicht an, mir fehlt nichts! Und so ganz allmählich kommt mein inneres Lächeln zurück. Für mich ist Freizeit inzwischen wertvoller als Geld und macht mich glücklicher als der Job. Da ist ein Prozess in Gang gekommen, mit dem ich nie gerechnet hätte. Ich weiß jetzt, dass nicht die Zeit das eigentliche Problem war. Dieses "Ich brauche mehr Zeit" war wohl eine Art Hilferuf. Dadurch musste ich mir eingestehen, dass ich ein Leben geführt habe, dass ich nie führen wollte. Aber für dieses Nachdenken über mein Leben hab ich mir vorher nie die Zeit genommen. Jetzt wage ich einen kleinen Neuanfang und bin gespannt auf das, was kommt.

Fotos: Max Missal (2), privat (3) Text: Stefanie Wiggenhorn BRIGITTE Balance Heft 02/2006

Wer hier schreibt:

Stefanie Wiggenhorn
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