Geruchssinn: Beschützer und Verführer

Er ist Beschützer und Verführer zugleich - und der direkte Draht zu unseren Gefühlen. Ohne ihn würden wir oft die falschen Entscheidungen treffen.

Was gut riecht, tut auch gut

Zumindest meistens. Wie der Geruchssinn uns von Geburt an gesund hält.

Riechen ist der unmittelbare Weg zu unseren Emotionen - und damit ein Garant für schnelles, unbewusstes Handeln. Denn mit jedem der 20.000 Atemzüge, die wir täglich einziehen, registrieren wir in Bruchteilen von Sekunden einen Geruch, zum Beispiel einen gefährlichen wie Rauch oder einen wohltuenden wie Kaffeeduft, der meistens positive Assoziationen in uns weckt. Auch vor dem falschen Partner kann uns der Geruchssinn schützen - wenn wir die Signale richtig zu deuten wissen.

Eine Untersuchung an der Universität Bern hat gezeigt, dass Paare, die sich scheiden ließen, relativ ähnliche Eigengerüche haben. In den Glücksehen riechen die Partner verschieden. Ähnliche Immunsysteme verursachen ähnliche Gerüche - und das wirkt eher abstoßend. Frauen finden den Körperduft von Männern, deren genetischer Gewebemarker sich stark vom ihrem eigenen unterscheidet, besonders attraktiv.

Tipps gegen Herbstdepression

Sie wählen damit unbewusst eine möglichst breite Mischung an Genen, was für gesunde Nachkommen sorgt. Apropos gute Gene: Etwa 350 Gene sind allein für das Riechen zuständig, die größte Genfamilie des Menschen. Schon die primitivsten Einzeller orientieren sich mit Hilfe dieses Sinnes, und auch Spermien folgen ihrer "Nase" zur Eizelle - die angeblich nach Maiglöckchen duftet. Der Fötus ist bereits in der 28. Schwangerschaftswoche so gut mit Riechzellen und den notwendigen Nervenbahnen ausgestattet, dass er nicht nur sofort nach der Geburt dem Duft der Brustwarzen folgt, sondern seine Mutter schon nach wenigen Tagen am Geruch erkennen kann.

Auch gute und schlechte Lebensmittel können Neugeborene bereits auseinanderhalten: Vanilleduft quittieren sie mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck, bei faulen Eiern und altem Fisch verzieht sich ihre Miene. Alles andere, vor allem die Bewertung von Gerüchen, wird in der Kindheit gelernt.

Leider sind wir dann viel zu schnell festgelegt auf ein Gut oder Schlecht. Die norwegische Duftforscherin Sissel Tolaas plädiert deshalb für mehr Offenheit: "Wir ordnen Gerüche zu schnell in zu wenige Kategorien ein. Doch warum? Ich glaube, man könnte Gerüchen auch neutral begegnen."

Je früher eine Geruchsprägung erfolgte, desto schwieriger ist es, diese "auszuschalten". Auch das ist eine Schutzfunktion: Schließlich ist das, was einem die Eltern beigebracht haben, sicherlich gut. Und viele schöne Erinnerungen verbinden wir mit bestimmten Gerüchen.

Was, wenn der Geruchssinn schweigt?

Er ist schwer kaputt zu kriegen, aber wenn, fehlt uns ein großes Stück Lebensgenuss.

Nach vier bis sechs Wochen wird eine Riechzelle durch eine neue Zelle ersetzt, die sich aus einer neuronalen Stammzelle bildet. Ein schneller Reparaturmechanismus, der sicherstellt, dass das wichtige Riechorgan immer auf der Höhe ist. Nach einem starken Schnupfen erholt sich der lädierte Geruchssinn deshalb bald wieder.

Anders ist es, wenn die Riechzellen nachhaltig geschädigt werden. Zum Beispiel durch starke chemische Reize: Wer viel raucht oder über lange Zeit scharfe Chemikalien einatmet, kann seine Riechschleimhaut empfindlich schädigen. "Gefährdet sind Kettenraucher, die mehr als 20 Zigaretten pro Tag rauchen", so der Riechlangt forscher Professor Dr. Thomas Hummel an der Universitätsklinik Dresden.

Auch Virusinfektionen wie Herpes und Influenza, einige Medikamente, Allergien oder Verletzungen, zum Beispiel bei einem Unfall, können die Riechstammzellen nachhaltig schädigen. "Anosmie" heißt dieser Zustand - "ohne Geruch". Mitunter kann es Jahre dauern, bis das Geruchsempfinden zurückkehrt. Manchmal spielen die Riechzellen in der Erholungsphase auch verrückt: Sie regenerieren nicht alle gleichzeitig, so dass manche Duftmoleküle nicht, andere besonders stark wahrgenommen werden. Dann können selbst angenehme Dinge plötzlich stinken.

Auch das Alter ist ein Risikofaktor: Mit 60 Jahren sind nur noch etwa 6 Millionen der ursprünglich 30 Millionen Riechzellen vorhanden. Zum Glück reicht das für den Alltag aus, doch erklärt es, warum ältere Menschen oft wenig essen - es schmeckt ihnen einfach nicht mehr.

Gut geschlafen? Wie wir Düfte einsetzen können, um zu heilen

Wenn Gerüche einen solch starken Einfluss auf unser Wohlbefinden haben, dann liegt es auf der Hand, dass man mit Düften Gesundheit und Wohlbefinden beeinflussen kann. Aromatherapie ist das Stichwort.

Duftmoleküle gelangen auf mindestens zwei Wegen in den Körper: Zum einen wird der Dufteindruck im limbischen System des Gehirns registriert und beeinflusst Gefühle und Wohlempfinden. Zum anderen gelangen Geruchsmoleküle in die Lunge und von dort aus in den Blutkreislauf, so dass sie direkt an den Zielorganen wirken können.

Lange befand sich die Aromatherapie in der Esoterik-Ecke und war damit für viele Ärzte und Forscher tabu, doch jetzt werden Düfte zunehmend erfolgreich eingesetzt.

  • Bei Schmerzen: In Süd-Korea war bei Frauen, die dreimal täglich jeweils zwei Minuten lang eine Mischung aus Basilikum, Lavendel, Rosmarin und Rose einatmeten, die subjektive Schmerzwahrnehmung - gemessen auf einer Schmerzskala - um sechs Punkte gesunken, bei der Kontrollgruppe lediglich um 3,2 Punkte.
  • Bei Schlafstörungen: Duftforscher Prof. Dr. Hanns Hatt von der Uni Bochum konnte aus Jasminduft ein Molekül isolieren, das nachweislich über die Nase ins Gehirn gelangt und dort an die gleichen Rezeptoren bindet wie bestimmte Beruhigungsmittel (Benzodiazepine).
  • Bei Angstzuständen: Von 200 Zahnarztpatienten hatten die, die im Wartezimmer den Duft von Orangen- und Lavendelöl schnupperten, deutlich weniger Angst.
  • Bei Husten: Die ätherischen Öle von Thymian wirken direkt in der Lunge schleimund krampflösend.

Das kleine Training: Das hält den Geruchssinn fit

Riechen lässt sich hervorragend trainieren. Parfümeure und Weintesterinnen machen täglich "Schnüffelübungen" und können, wenn sie gut sind, weit mehr als 10.000 Gerüche unterscheiden und vor allem auch benennen. Denn das wichtigste Geruchstraining findet im Grunde im Sprachzentrum statt, dort, wo der Geruchseindruck einen Namen bekommt. Zum Beispiel: Leder!

SCHLIESSEN SIE DIE AUGEN und schnuppern Sie konzentriert. Wie riecht die Topfblume, die Butter, der Nacken Ihres Kindes?

SAMMELN SIE GERÜCHE: Von jedem Spaziergang Geruchsproben mitbringen - in Gläschen oder nur im Kopf. Als Proben eignen sich auch Aromaöle und alltägliche Dinge wie Kaffee, Thymian, Zimt, Beeren oder Seife.

VERSUCHEN SIE, JEDEN GERUCH MIT MINDESTENS DREI WORTEN ZU BESCHREIBEN: Frisches Brot kann säuerlich, nach Hefe und Röststoffen riechen.

BRIGITTE Heft: 23/07 Foto: Brita Sönnichsen Text: Regina Naumann Mitarbeit: Jutta von Campenhausen, Bernhard Hobelsberger, Tanja Pöpperl

Wer hier schreibt:

Tanja Pöpperl
Themen in diesem Artikel
Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.