Das Geheimnis der Entspannung

Schlapp, urlaubsreif und ein bisschen mies gelaunt machte sich Balance-Autorin Verena Stirn auf den Weg zu den Shaolin-Mönchen. Fasziniert entdeckte sie das Geheimnis der Entspannung.

Berge haben etwas Heilendes, sagen die Buddhisten, weil sie so unendlich viel größer sind als wir. Und etwas Heilendes hat auch die Begegnung mit Mönchen - vor allem, wenn man sie inmitten von Bergen trifft. Jeden Sommer lädt das Tiroler Posthotel in Achenkirch zwei Mönche des berühmten chinesischen Shaolin-Tempels ein, die den Gästen Einblicke in ihre Lebensphilosophie gewähren: Sie meditieren täglich mit den Erholungssuchenden, führen in die Bewegungslehren Qigong und Tai-Chi ein, energetisieren verspannte Körper mit Massagen und verblüffen mit ihrer spektakulären Kung-Fu-Kampfkunst. Das Ganze in der gemütlichen Landhausstil-Atmosphäre des Hauses, mit einer 5000 Quadratmeter großen Wellnesslandschaft und Bio-Mahlzeiten. Asien in den Alpen - das kann leicht im Kitsch enden, tut es hier aber nicht. Im Gegenteil. Die Spiritualität, die von den Mönchen ausgeht, versöhnt Körper und Seele.

Das Geheimnis der heiteren Ausgeglichenheit: Meditation

In den frühen Morgenstunden betrete ich den Meditationsraum - und etwas beginnt. Ein anderer Rhythmus. Ein angenehmes Gefühl von Verlangsamung. Vor mir auf dem Boden sitzt kerzengerade und mit klarem Blick ein junger buddhistischer Mönch in leuchtend orangefarbener Kutte auf einer dünnen Bastmatte, um ihn herum sind schon ein paar andere Gäste versammelt. Nachdem ich mich ihm gegenübergesetzt und die Beine übereinander geschlagen habe, gibt er knappe Anweisungen auf Chinesisch, die uns der am Rand stehende Dolmetscher übersetzt: für die nächsten 30 Minuten Augen zu, Rücken gerade, Atem fließen lassen und keine Gedanken festhalten. Doch ungebeten schieben die sich immer wieder zwischen mich und die angestrebte Stille in meinem Körper. Bis ich es irgendwann schaffe, mich nur auf meinen Atem zu konzentrieren. Ich lenke meine ganze Aufmerksamkeit nach innen. Jetzt spüre ich, wie mit der Ausatmung Spannung entweicht und wie sich mit jedem Einatmen mehr Gelassenheit in mir breit macht. Und tatsächlich stellt sich für einen kurzen Moment eine absolute Leere ein.

Euphorisiert und von Kopf bis Fuß erfrischt, verlasse ich den Raum. Regelmäßige Meditation führt zu grundlegenden Veränderungen im Gehirn, fanden amerikanische Neuropsychologen unlängst in einer großen Studie mit tibetischen Mönchen heraus. Die Aktivität im linken Stirnhirn ist demnach um einiges höher als bei Nichtmeditierenden. Und genau dieses Hirnareal hält schlechte Gefühle im Zaum, das sorgt für die heitere Ausgeglichenheit, die so viele Buddhisten auszeichnet. Ergebnis: Glück ist eine Fertigkeit, die sich lernen lässt wie das Spielen eines Musikinstrumentes, und wer übt, wird immer besser darin. Wunderbar, finde ich. Meine Hirnhälfte wird sich nach drei Morgenmeditationen zwar noch nicht verändert haben, ich merke allerdings: Die empfundene Stille macht süchtig.

Das Geheimnis der Beweglichkeit und Harmonie: Qigong

Auch auf die nachmittäglichen Qigong-Stunden freue ich mich täglich mehr. Qigong ist eine sanfte Art der konzentrierten Bewegung, die die Harmonie zwischen Körper und Geist anregen und festigen soll. Das ist - nach dem Zen-Buddhismus - die Voraussetzung für ein langes und gesundes Leben, denn aus dieser Harmonie entspringt die Lebenskraft. Wir lernen Grundübungen, die leicht aussehen, aber schwer nachzumachen sind. Immer wieder macht der anleitende Mönch Shi Yantao die Übungen vor, ohne dabei zu reden, nichts stört die Konzentration, die sich von Minute zu Minute mehr auf uns überträgt, bis auch unsere Bewegungen irgendwann fließender und harmonischer werden. Und wir kommen damit dem Ziel langsam näher: einer Beruhigung, Ordnung und Belebung des Qi-Flusses, also des Energieflusses. Dass sich regelmäßiges Üben tatsächlich äußerst positiv auf die Vitalität der Lunge, den Blutdruck und das Immunsystem auswirkt und Stress nachhaltig abgebaut wird, haben chinesische Forscher natürlich längst nachgewiesen.

Das Geheimnis mentaler Stärke: Kung-Fu

Wir haben viel geübt und meditiert, jetzt kommt der Moment des Staunens. Abends geben die Mönche eine eindrucksvolle Vorstellung ihrer spektakulären Kung-Fu-Kampftechnik, bei der nicht nur aus dem Stand hoch und weit gesprungen wird, sondern auch mit voller Wucht Stahlrohre gegen Schlüsselbeine und Schädel geschlagen werden, ohne sie zu verletzen. Nur mit einem starken Geist kann man seinen Körper kontrollieren - diese Erkenntnis ist Basis für das Kung-Fu-Training, das die Shaolin Mönche mehrmals täglich absolvieren. Das ganze Qi wird beim Kung-Fu an den Punkt gelenkt, wo der Schlag zu erwarten ist - und "fängt" diesen auf. Kaum zu glauben und noch ziemlich lange zu üben, denke ich.

Das Geheimnis frischer Energie: die Shaolin-Massagen

Die Woche ist gerade mal halb herum, und ich bin total entspannt. Und neugierig, was die Shaolin-Massage noch bewirken kann. Im Massageraum. Nur eine Liege und ein weißes Baumwolltuch, mit dem man zugedeckt wird. Auch bei der Massage dreht sich alles um das Qi, das möglichst ungehindert durch die Meridiane fließen soll. Blockaden des Qi, also der Energie, führen oft zu Muskelsteife, sprich Verspannungen, wie in meinem Nacken und den Schultern. Der 24-jährige Kung-Fu-Meister Shi Yansheng steht am Kopfende der Massageliege und ich höre, wie er seine Handflächen aneinander reibt, spüre, wie er sie mir dann auf das Gesicht legt. Zwei-, dreimal wiederholt sich das, bis sich ein wohlig-warmes Gefühl vom Kopf über den Rest meines Körpers in großen langsamen Wellen ausbreitet.

Kurz bevor ich wegdämmere, beginnt jedoch ein anderer Rhythmus: Wie Trommelwirbel bewegen sich plötzlich seine Hände (oder sind es doch Stöckchen?) über meinen Kopf, Fingerkuppen kneten meine Nasenwände, Handkanten rollen über die Augenbrauen, Knöchel hämmern über Stirn und Hinterkopf. Mit der Zeit spüre ich nur noch ein komplexes Streichen, Pressen und Drücken, begleitet von schnalzenden und knackenden Geräuschen, und auf wundersame Weise schwebt danach mein Kopf auf dem Hals, ist der Brustkorb geweitet und die Schultern beweglich wie schon seit Monaten nicht mehr. Zum Abschluss ruhen zwei Hände warm und wohlig auf meinen Schultern - und ich fühle mich unglaublich leicht, wie ein Vogel.

Durch den Druck der Hände und die flinken Fingerbewegungen haben sich so viele Kapillaren und Blutgefäße geweitet, dass unmittelbar große Mengen Sauerstoff durch mich hindurchströmen und den ganzen Organismus vitalisieren, erklärt mir anschließend Dr. Hu Ji, die TCM-Ärztin des Hotels. Und weil die Technik sich bis in tief greifende Muskelschichten auswirkt, wird auch der Muskelstoffwechsel gesteigert, und ich kann deutlich spüren, wie energiegeladen ich bin.

Gelassenheit: 24 Stunden lang

Meine Tage verlaufen fast immer nach dem gleichen Muster - nichts Aufregendes. Und doch ist dieser Aufenthalt etwas Besonderes. Es muss an den Mönchen liegen. Allein sie zu beobachten entspannt und energetisiert zugleich. Vielleicht, weil sie sich ohne Hast bewegen, aber gleichzeitig so zielgerichtet, als ob sie in jedem Augenblick wissen, was sie im nächsten tun. Vielleicht auch, weil sie etwas verkörpern, das so ganz anders ist als wir selbst: Wie können sie so ausgeglichen sein, wo sie doch auf so vieles verzichten - Familie, Individualität, die Freiheit, dorthin zu gehen, wo man möchte? Oder gibt gerade der freiwillige Verzicht auf das, was jeder glaubt haben zu müssen, Klarheit und Freiheit? Nach einer Woche bekommt man eine Ahnung von der Harmonie zwischen Geist und Körper, dem Innen und Außen. Und von der Lebenskraft, die in uns steckt. Nach meiner letzten Qigong-Stunde lasse ich den Blick noch einmal über das Alpenpanorama wandern und denke wie einst Virginia Woolf in einem glücklichen Moment: "Leben, steh still hier."

Drei Selbstbehandlungs-Tipps zur "Erhaltung eines langen Lebens"

Bauchmassage Diese Massage stärkt das Qi und sorgt für Ausgeglichenheit. So geht's: Flach auf den Rücken legen, Hände übereinander auf den Bauchnabel legen und so lange kreisförmig rund um den Nabel reiben, bis einem wohlig warm ist und der Bauch angenehm stimuliert ist (dauert ca. drei Minuten). Dann den Dantian-Punkt (eine knappe Handbreit unterhalb des Nabels) mit drei aneinander gelegten Fingern zwei bis drei Minuten lang kneten und pressen. Anschließend die gleiche Massage eine Handbreit links neben dem Nabel und eine Handbreit unterhalb am Ende des Brustbeins durchführen. Zum Abschluss mit der ganzen Handfläche mit leichtem Druck über den Bauchnabel streichen.

Dritter Weiler am Fluss Akupunkturpunkt, sorgt für neue Kraft und Erholung. So findet man ihn: Knie beugen, vier Finger an den Unterrand der Kniescheibe anlegen und von hier aus eine Daumenbreite nach außen wandern. Diesen Punkt nun mit zwei Fingern 50-mal an jedem Bein mit mittlerem Druck pressen und kneten.

Die emporsprudelnde Quelle Akupunkturpunkt, stärkt die Konstitution, beseitigt innere Unruhe. So findet man ihn: Er liegt zwischen den beiden vorderen Fußballen in einer Vertiefung, ungefähr zwischen dem ersten und zweiten Drittel der Sohle (ohne Zehen gerechnet). Den Punkt mit dem Daumen sanft 50-mal pro Seite reiben.

Drei QiGong-Grundübungen

Stehen wie ein Baum Diese Übung sorgt nicht nur für einen optimalen Qi-Fluss, sondern mit der Zeit auch für eine gelassene, wache Haltung nach dem Motto: "Niemand kann mich umwerfen". So geht's: Die Hände übereinander eine knappe Handbreit unter den Bauchnabel legen. Hier liegt der so genannte Dantian-Punkt, das Zentrum des Körpers, der Atmung und der Energie. Füße schulterbreit, Knie leicht gebeugt, Rücken gerade, Kopf aufrecht. Stellen Sie sich vor, die Wirbelsäule wäre durch eine Art Krokodilschwanz verlängert, mit dem Sie sich am Boden abstützen, und gleichzeitig verbindet eine Schnur Scheitel und Nacken mit der Decke. Mehrere Minuten lang so stehen bleiben und die Aufmerksamkeit immer wieder auf den Dantian-Punkt lenken.

Der große Ball Durch die langsamen Aufwärtsbewegungen dieser Übung wird unter anderem die Atmung harmonisiert. Das beruhigt das Herz und reguliert den Kreislauf. So geht's: Füße schulterbreit, Arme locker hängen lassen, dann die Finger vor dem Bauch verschränken, so als halte man einen großen Ball. Die Arme anheben, als ob man mit ihnen den Ball umfährt, bis die Hände auf Augenhöhe sind. Von hier aus drückt man mit nach wie vor geöffneten Armen und den verschränkten Händen den imaginären Ball langsam nach unten, bis er im Boden versunken ist. Die Kreisbewegung wiederholen, dabei die verschränkten Hände nach außen drücken und diesmal hoch über dem Kopf enden lassen. Die Verschränkung lösen und Arme langsam seitlich zurückführen, einmal tief ein- und ausatmen, und die Übung weitere viermal wiederholen.

Bogenschießen Diese Übung baut Spannung auf, die das Qi stärkt und den Körper so energetisiert. So geht's: Füße zusammen, dann linken Fuß seitlich ausstellen und leicht in die Knie gehen. Die Arme seitlich öffnen und tief einatmen. Fäuste ballen und Arme vor der Brust am Handgelenk überkreuzen, die linke Hand liegt dabei innen. Anschließend den linken Arm nach links ausstrecken und dabei aus Daumen und Zeigefinger ein V formen, so dass man dazwischen einen Pfeil ablegen könnte. Der Kopf folgt der Bewegung der linken Hand. Der rechte Arm zieht nach rechts, als ob er die Sehne des Bogens spannt. Dabei tief ausatmen. Beide Arme wieder öffnen, zurück zur Mitte drehen, einatmen und das Ganze zur anderen Seite wiederholen. Insgesamt dreimal zu jeder Seite. Danach Füße wieder zusammenstellen, Hände vor der Brust zusammenlegen und langsam nach unten bis zum Dantian führen.

Shaolin

Das Kloster, wichtigstes buddhistisches Glaubenszentrum in China, wurde 495 n. Chr. von einem indischen Mönch gegründet und war der »Geburtsort« des Zen-Buddhismus. Die Lehre beruht unter anderem auf vier klaren Handlungsanweisungen:

1) Die Achtsamkeit für den eigenen Körper und Geist schulen. 2) Das lebenswichtige Qi durch entsprechende Übungen ungehindert im Körper fließen lassen. 3) Mögliche Blockaden und Krankheiten durch Akupressur aufheben und optimalerweise auch heilen. 4) Den Körper durch einen starken Geist beherrschen.

Noch heute bleiben die im Kloster lebenden Shaolin-Mönche vom modernen, weltlichen Leben weitgehend unberührt, sie sind vielmehr bestrebt, die Tradition ihrer Vorgänger mit Meditation und Andacht, Qigong und Kung-Fu fortzusetzen.

Der Ort der Ruhe

Posthotel Achenkirch DZ mit Vollpension inkl. freier Benutzung der 5000 qm großen Bade- und Thermenwelt mit diversen Saunen, Dampfbädern, Aromagrotten, Solebecken, Indoor- und Outdoorpools, Fitness-Studio und Sportkursen etc.

Ab 139 Euro pro Person. Die Mönche sind voraussichtlich bis Mitte September 2006 im Hotel. Meditations-, Qigong- und Tai-Chi-Stunden sind kostenlos, eine Shaolin-Massage kostet ab 62 Euro.

6215 Achenkirch/Tirol in Österreich Tel. 0043/5246/6522 www.posthotel.at

BRIGITTE balance Heft 02/2006

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