Wie Sehen uns hilft, gesund zu bleiben

Er liefert uns 80 Prozent der Informationen über unsere Welt - dabei ist er gern mal ein Blender.

Erkennen, was wirklich wichtig ist


Dank unserer Augen fallen wir nicht von Treppen, laufen nicht gegen Bäume und nähern uns keinem Zähne fletschenden Hund. Für das Erkennen von Überraschungen und Gefahren - Freund oder Feind? - sind die Augen bestens ausgerüstet, denn sie reagieren blitzschnell auf Bewegungen. Die Kehrseite dieser eigentlich lebenswichtigen Eigenschaft: Auch unsere modernen Medien mit den vielen schnellen Bildfolgen beanspruchen ständig Aufmerksamkeit. Im Körper können diese schnellen Bewegungen jedoch Dauerstress erzeugen, weil der Organismus permanent in Alarmbereitschaft gesetzt wird.

Tipps gegen Herbstdepression

Nicht nur für die körperliche Unversehrtheit, auch für unser soziales Überleben sind die Augen wichtig: Innerhalb einer Zehntelsekunde können wir in den Gesichtern anderer Menschen Stimmungen und Absichten lesen und finden uns so besser im Beziehungsdschungel zurecht. Kein Wunder also, dass sich schon Babys besonders intensiv für menschliche Gesichter interessieren und bereits ganz früh wissen, welche Bestandteile ein Gesicht ausmachen: Punkt, Punkt, Komma, Strich.

Tatsächlich ist der Sehsinn ein recht verlässlicher Wegbegleiter: Er kann Formen, Farben, Entfernungen und Bewegungen ziemlich genau erkennen und unterscheiden. Grün ist grün, und ein Kreis ist ein Kreis. Meistens stimmt das. Nur manchmal mogelt das Auge ganz trickreich. In der Mitte der Netzhaut, wo der Sehnerv austritt, haben wir keine Sinneszellen - dort ist der so genannte blinde Fleck. Weil wir aber wissen, dass eine durchgezogene Linie auf einem Blatt Papier keine Lücke hat, ergänzt das Gehirn fehlende Stück einfach. Sehen und erkennen ist eben nicht dasselbe; Erfahrung, Bewertungen und Gefühle helfen uns, optische Eindrücke sinnvoll einzuordnen.

Was beeinträchtigt das Sehen ?

Zu viel Licht und Langeweile

Richtig schlecht für die Augen ist zu viel Sonne: UV-Strahlung reizt die Bindehaut, lässt die Linse schneller altern (grauer Star) und schädigt die Netzhaut durch die Bildung von aggressiven Sauerstoffradikalen. Negativ wirken sich auch zu einseitige Sehgewohnheiten aus. Wer die Augen viele Stunden am Tag überwiegend auf dieselbe Entfernung einstellt - beim Fernsehen, Lesen oder am Computer -, schadet ihnen auf zweifache Weise: Durch zu wenig Lidschläge werden sie trocken und gereizt, außerdem verlieren sie mit der Zeit die Fähigkeit, sich flexibel auf verschiedene Entfernungen einzustellen. Wer fast nur im Nahbereich arbeitet, hat ein höheres Risiko für Kurzsichtigkeit. Auch Medikamente können das Sehen beeinträchtigen, etwa Antihistaminika (gegen Allergiesymptome), die den Augeninnendruck erhöhen und den grünen Star fördern können.

Was hat eine grüne Wand mit meinr Laune zu tun ?

Wie wir mit dem Sehsinn heilen können

Knallgelbe Rapsfelder, darüber leuchtend blauer Himmel, zartgrünes Frühlingslaub oder graue Betonwände in Vorstadtsiedlungen: Farben sprechen Gefühle an und können Stimmungen und Wohlbefinden beeinflussen. Versuche haben gezeigt, dass Menschen in blau gestrichenen Räumen schneller frieren als in Zimmern, die eher in "warmen", bräunlich-roten Farben gestrichen sind. Britische Forscher fanden passend dazu gerade heraus, dass Rottöne Frauen deutlich besser gefallen als Männern.

Ein hellgrüner Zug wird leiser wahrgenommen als ein roter - das konnten Prof. Hugo Fastl und Dr. Christine Patsouras von der Technischen Universität München 2004 mit Versuchspersonen zeigen. Wer an einer Hauptverkehrsstraße lebt, könnte sich demnach womöglich mehr subjektive Ruhe mit einem lindgrün gestrichenen Wohnzimmer verschaffen, selbst wenn der Geräuschpegel objektiv unverändert bleibt.

Kein Wunder also, dass Farben auch therapeutisch eingesetzt werden - von den frühesten Hochkulturen an bis heute. Viele Heilpraktiker und anthroposophisch orientierte Ärzte versuchen, mit Farben auf Körper und Seele einzuwirken: etwa über Farblampen, farbige Kleiderstoffe, Farbpunktur (Behandeln der Akupunktur-Meridiane mit Farben) oder die Farbgestaltung von Behandlungsräumen. Wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit gibt es nur wenige, aber die Erfahrungen von Therapeuten und Patientinnen zeigen, dass solche Behandlungsformen besonders bei Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Rheuma, Schlafstörungen, chronischen Verspannungen und psychischen Leiden sinnvoll sein können.

Mangels verlässlicher Studien ist es allerdings schwierig, Erfolg versprechende Methoden von reinem Wunschdenken abzugrenzen, wie auch der Farbpsychologe Prof. Harald Braem einräumt: "Von ominösen Therapien gegen Krankheiten würde ich abraten. Aber für das Wohlbefinden spielen Farben tatsächlich eine sehr wichtige Rolle. Wenn Sie einen gestressten Manager eine Stunde lang in einen blau gestrichenen Raum setzen, fühlt er sich erholt und ruhig. Und orangefarbene Brillengläser heben nachweislich die Stimmung.

" Ein zweites Heilmittel ist Licht - das wirkt bei einer durch Lichtmangel bedingten echten Winterdepression mindestens genauso effektiv wie ein Antidepressivum. Bis vor kurzem dachte man, durch Licht würde lediglich die Bildung des vermeintlich depressionsfördenden Hormons Melatonin im Gehirn unterdrückt. Neueste Forschungsergebnisse legen aber nahe, dass durch die Unterdrückung der Melatoninbildung die innere Uhr wieder richtig gestellt wird. Denn die geht bei winterdepressiven Menschen offenbar falsch - das erkennt man auch daran, dass sie praktisch immer unter Schlafstörungen leiden. Die einfachste Methode gegen Winterdepression: konsequent jeden Tag eine halbe Stunde ins Freie gehen, solange es hell ist. Außerdem: statt Schummerlicht helle Lampen in der Wohnung anmachen. Und bei einem anhaltenden Stimmungstief vielleicht eine spezielle, besonders helle Lichttherapie-Lampe kaufen.

Was wenn die Sinne gestört sind ?

Flackern, Flimmern, Flecken: wann man solche Signale ernst nehmen sollte

Sehstörungen können viele Ursachen haben. Oft sind sie harmlos: Wenn etwa die Welt vor unseren Augen verschwimmt, so brauchen wir vielleicht einfach nur einen Moment Ruhe. Fast alle Menschen sehen außerdem ab und zu so genannte Mouches volantes: Punkte, Flecken und Fäden im Blickfeld, die durch kleine Trübungen des Glaskörpers verursacht werden. Bei manchen Betroffenen rückt die Sehstörung aber so stark in den Fokus der Wahrnehmung, dass sie zu einer belastenden Krankheit wird. Wer immer mehr Flecken, Schlieren oder Lichtblitze sieht oder unter anderen irritierenden Sehstörungen leidet, sollte beim Arzt untersuchen lassen, ob ein behandlungsbedürftiges Problem dahintersteckt. Doppelbilder sehen wir, wenn ein Auge plötzlich zu schielen beginnt, zum Beispiel bei großer Müdigkeit oder unter Alkoholeinfluss. Besteht das Problem jedoch dauerhaft, können ernsthaftere Störungen die Ursache sein - eine ärztliche Abklärung ist ratsam. Viel später als diese Fehlwahrnehmungen bemerken Menschen übrigens, wenn sich ihr Gesichtsfeld von den Rändern her allmählich einschränkt. Deswegen bleibt der grüne Star (auch Glaukom genannt), der aus einem Missverhältnis von Augeninnendruck und Netzhautdurchblutung entsteht, meist lange unerkannt.

Die Folge: Bei der Diagnose kann der Sehnerv schon deutlich geschädigt sein. In Deutschland leiden etwa eine Millionen Menschen unter dieser Krankheit, 50 000 sind daran erblindet. Da der grüne Star im Früh- stadium oft noch wirkungsvoll therapiert werden kann, raten Experten Risikogruppen wie Diabetikern und allen Menschen ab 40 Jahren zu einem Sehnerv-Check beim Augenarzt. Wer manchmal ein Flackern oder auch Zacken wahrnimmt, die aus dem Zentrum des Gesichtsfelds langsam nach außen wandern, sollte wissen, dass diese optischen Phänomene auf eine Migräne hindeuten, die gelegentlich sogar ohne Kopfschmerzen oder Übelkeit auftreten kann. Solche Sehstörungen sind meist vorübergehend - sie halten selten länger als eine halbe Stunde an. Wenn Sehstörungen sehr plötzlich auftreten und die gewohnte Wahrnehmung massiv verändern (zum Beispiel Gesichtsfeldausfälle), sollten Sie sofort ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Denn in seltenen Fällen können solche Symptome Anzeichen für einen Schlaganfall oder auch eine Netzhautablösung sein.

So halten Sie Ihre Augen fit

Gut für die Augen ist Abwechslung: den Blick in die Ferne schweifen lassen, dann wieder Gegenstände in verschiedenen Abständen fixieren. Die Augenmuskeln - für die Nah- und Ferneinstellung sowie die Beweglichkeit in alle Richtungen - lassen sich ebenso kräftigen wie alle anderen Muskeln. Ein individuelles Augentraining bei Sehproblemen bieten Optiker, die sich auf das so genannte Optometrische Visualtraining spezialisiert haben. - EINE GUTE AUGENÜBUNG GEHT SO: ein Auge zuhalten, den Arm auf der Seite des offenen Auges ausstrecken und den Daumen fest im Blick behalten, während der Arm sich langsam von oben nach unten und von einer Seite zur anderen bewegt. Der Kopf bewegt sich dabei nicht.

- ENTSPANNEN: Augenübungen können über verschiedene Nervenverschaltungen mit der Nackenmuskulatur auch bei Nackenverspannungen helfen. Gut ist das so genannte Palmieren: die gewölbten Handflächen vor die offenen Augen legen, es sollte möglichst wenig Licht durchdringen. Dann mehrere Minuten lang auf einen imaginären Horizont schauen.

- DRUCK ABBAUEN: Entspannungsübungen für den ganzen Körper können positiv für die Augen sein, so die ganzheitlich arbeitende Augen- und Sehtrainerin Kerstin von Langsdorff. Ihre Erfahrung: "Wer einen zu hohen Augeninnendruck hat, steht meist auch im Leben sehr unter Druck."

- AUSREICHEND FEUCHTIGKEIT: viel trinken, Zimmerpflanzen und Luftbefeuchter, Spaziergänge im Regen - das tut gut.

- ESSEN FÜR GESUNDE AUGEN: Das sind nicht nur Möhren, sondern auch Grünkohl, Kürbis, Paprika oder Tomaten - alles Lieferanten der Radikalfänger Lutein und Zeaxanthin. Zink in Rindfleisch, Leber und Käse ist ebenfalls gut für die Augen.

- SCHNELLE HILFE FÜR MÜDE AUGEN: Ohr-Akupressur. Einfach die Mitte des Ohrläppchens einige Minuten lang kräftig drücken und kneten.

BRIGITTE Heft 24/07 Texte: Sabine Thor-Wiedemann, Regina Naumann, Antje Kunstmann

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann
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