Gelassenheit: Schluss mit To-Do-Listen!

Alles kann, nichts muss: Warum uns mehr Gelassenheit im Alltag gut tut. Gedanken über das Leben.

Das Altpapier muss raus. Beim Sortieren fällt eine alte Möbelhaus-Werbung heraus. "Müssen" steht auf einem Ortsschild. Darunter: Überall in Deutschland. Ich könnte ergänzen: Und das ständig. Ich fühle mich ertappt. Zum Beispiel heute beim Frühstück: Da schwirrten die Müssens über Marmeladenbrot und Müslischale wie ein aufgescheuchter Hornissenschwarm.

Ich: "Wir müssen dringend das Auto waschen. " Mein Freund: "Jetzt müssen wir erst mal auf den Markt. Und nachher muss ich zum Sport." Ich: "Denk an die Wäsche, die muss in die Maschine. Und die Steuererklärung steht auch noch an." Dazu landeten auf der To-do-Liste: Keller entrümpeln, Anja anrufen, das Profil bei Xing aktualisieren, endlich eine Röhrenjeans kaufen, damit bin ich ohnehin schon gnadenlos hinterher. Außerdem müssen wir heute Abend unbedingt mal wieder richtig ausgehen, es ist ja schließlich Wochenende...

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Wann haben wir eigentlich das letzte Mal das Leben auf uns regnen lassen, wie es die Schriftstellerin Rahel Varnhagen einmal ausdrückte? Haben uns einfach treiben lassen und abgewartet, was der Tag so bringt? Stattdessen legen wir nicht enden wollende Aufgabenlisten an, als wäre der Alltag ein wildes Tier, das man nur auf diese Weise bändigen kann. Ständig spüren wir seine Krallen im Nacken, die uns vorantreiben.

Mein Nacken jedenfalls ist so verspannt, ich kann schon nicht mehr richtig nach links und rechts schauen vor lauter Müssen, zähle selbst Verabredungen mit Freunden oder die Yoga-Stunde dazu. Hier läuft irgendetwas verkehrt.

"Das ist der Zeitgeist", sagt die Pädagogin Barbara Berckhan. Die Welt dreht sich immer schneller, und wir sollen alles im Auge behalten, um mitreden, vorausdenken, im richtigen Moment schlagfertig sein zu können. Ein dicker Kalender mit Terminen im Halbstundentakt darin, dazu massenweise Klebezettel am Rand - das gilt als schick.

"Unsere Aufmerksamkeit ist rund um die Uhr darauf konzentriert, etwas zu leisten", so Berckhan. "Das ist es, was zählt in unserer Gesellschaft. Zwar sind alle am Stöhnen, aber irgendwie auch stolz darauf, so gefragt und beschäftigt zu sein." Ich kann doch keinem erzählen, dass ich einen Tag lang nichts gemacht habe, wenn schon der sechsjährige Sohn meiner Freunde nach der Schule entweder Fußballtraining, Flötenunterricht oder Frühfranzösisch hat.

Mich erwischt der Zeitgeist blöderweise genau in der Rushhour des Lebens. So nennen Soziologen die Spanne zwischen Ende 20 und Anfang 40, in der sich heute die großen Lebensprojekte stauen. Karriere, Nestbau, Kinderkriegen - innerhalb weniger Jahre sollen wir alles hinbekommen, was über unsere Zukunft entscheidet: beruflich, familiär, finanziell.

"Dazu kommt ein gestiegenes inneres und äußeres Anspruchsniveau", so Berckhan. Das fängt schon bei Kleinigkeiten an. Für die Geburtstagsparty etwa reicht es nicht, einen Tiefkühlkuchen zu kaufen, es sollte schon die selbst gebackene Bio-Rübli-Torte sein. Eigentlich könnte das Backen Spaß machen - wäre es nicht Punkt 85 auf der gedanklichen To-do-Liste.

"Haben wir das Gefühl, etwas zu müssen, entwickeln wir automatisch einen inneren Widerstand", sagt Barbara Berckhan. "Der ist sehr subtil, aber wirksam und nimmt einem alle Lust." Außerdem erzeugt der ständige Druck Stress, der wiederum führt dazu, dass wir nicht mehr klar denken, nicht mehr zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden können. Wir entwickeln einen Tunnelblick, sehen irgendwann alles nur noch als Muss.

Müssen gibt es übrigens tatsächlich. Ein Dorf in Schleswig-Holstein, ein paar rote Backsteinhäuser und weite Wiesen, auf denen Kühe grasen. So ein Ort, an den man sich wünscht, wenn man schon beim Aufwachen erdrückt wird von allem, was noch zu erledigen ist. Das reale Müssen sieht eher aus wie Wollen.

Und wenn man genau hinschaut, ist es im Leben oft ebenso. Ich habe deshalb beschlossen, das Wort Müssen aus meinem Wortschatz zu streichen. Auf meinen Listen steht jetzt: Ich will in den nächsten zwei Wochen dies und jenes erledigen - und zwar, wann ich Lust dazu habe. Das bedeutet natürlich auch, dass ich lerne, meine Ansprüche etwas herunterzuschrauben und es auch mal ignorieren kann, wenn ein Berg Wäsche vor der Waschmaschine wartet.

Keine ganz leichte Übung, aber letztlich ist es doch so: Es bleibt ohnehin immer etwas liegen. Hat man eine Aufgabe erledigt, kommen garantiert zwei neue dazu. Der Slogan zum Ortsschild Müssen lautet übrigens: "Nichts müssen, aber alles können. " Das ist jetzt mein neues Mantra.

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