So präzise wie kein Automat ...

... und immer im Einsatz. Die fünf Sinne sind unsere unermüdlichen Helfer. Sie sorgen für uns und stärken unser Wohlbefinden. Deswegen setzt auch die Medizin mehr und mehr auf ihre heilende Wirkung.

Seine Freunde nennen ihn Batman. Der Kalifornier Dan Kish ist blind, doch das hindert ihn nicht daran, mit dem Fahrrad durch die Stadt zu kurven. Oder allein in die Berge zu steigen. Mit der Zunge schnalzend bewegt er sich durch die Welt und zeichnet mit dem Echo ein Bild, auf dem kein Laternenmast, kein Hydrant und keine Bordsteinkante fehlen. Batman sieht mit den Ohren, wie eine Fledermaus. Und wir Sehenden staunen maßlos: Von dem, was unsere Sinne zu leisten vermögen, haben wir kaum einen Schimmer. Doch seit wir dem Menschen ins Hirn gucken können, fällt Licht ins Reich der Sinne: ein Eldorado auch für die Medizin. Musik, Farben, Düfte, Geschmack und Berührungen werden zu Heilmitteln - selbst bei schweren Krankheiten. Um dieses Potenzial unserer Sinne zu nutzen, müssen wir aber zunächst verstehen, wie sie funktionieren.

Tipps gegen Herbstdepression

Ergreifen wir einen Becher Kaffee, registrieren tausende von Sensoren in den Fingerkuppen, wie stark das Gewicht die Haut verformt. Entspricht es nicht dem erwarteten Gewicht, wird binnen 80 Millisekunden der Druck auf die Becherwand korrigiert, damit uns das Gefäß nicht aus der Hand gleitet. Dank dem Tastsinn führen wir den Becher zum Mund, nicht zur Nase, und unsere Lippen sind zur rechten Zeit so geformt, dass sie eine Flüssigkeit aus exakt diesem Gefäß aufnehmen können. Netzhaut und Riechzellen haben das Getränk längst als Kaffee identifiziert, die Geschmacksknospen auf Zunge und Gaumen bestätigen die Tatsache, prüfen Temperatur, Konsistenz und Verträglichkeit und geben dem Magen Befehl zur Bereitstellung von Verdauungssäften. Ist die Milch im Kaffee verdorben, speien wir das Getränk aus, ohne nachzudenken. Bei jedem erneuten Griff zum Becher, bei jedem Schluck werden all die Informationen aktualisiert - unter Berücksichtigung der veränderten Situation im Körper. Die siebte Tasse Kaffee schmeckt anders als die erste - die bittere Note nimmt zu und signalisiert uns: genug Koffein.

Das Kaffeetrinken ist ein derart komplexer Vorgang, dass unser Verstand damit überfordert wäre und deswegen gar nicht erst behelligt wird. Wie beim Fahrradfahren oder Skilaufen. Nur Unerwartetes gelangt in unser Bewusstsein - der Fußgänger etwa, der uns vors Auto springt, oder die plötzliche Stille, wenn wir an einer lauten Straße wohnen. Außerdem jene Reize, auf die wir bewusst unsere Aufmerksamkeit lenken. Das Kirchengeläut in der Nacht verklingt ungehört, das Schreien unseres Babys hingegen weckt uns. Die Sinne sind nicht nur Werkzeuge der Lebenslust, sondern grundsätzlich unser Draht zur Welt; sie sind unsere unermüdlichen Handlanger, unsere persönliche Wachmannschaft - auf Patrouille selbst dann, wenn wir schlafen; sie erlauben uns ständig, auf Autopilot zu schalten und dennoch so geschmeidig zu agieren, wie es kein Automat je wird tun können.

Wie genau das Zusammenspiel abläuft, erkunden Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen geradezu fieberhaft. Und sie gelangen zu sensationellen Erkenntnissen: Der Tastsinn zum Beispiel integriert Gegenstände emotional ins Körperschema, was bedeutet, dass wir fühlen können, wie die Kugelschreiberspitze das Papier berührt. Der Hammer des Handwerkers, das Skalpell des Chirurgen werden zur erweiterten Hand. Die Außengrenze unseres Körpers, der physische Grenzverlauf des Ich, wird permanent neu definiert. Und zwar nicht durch das Auge. Bei Magersüchtigen etwa, das haben Studien ergeben, ist der Körpersinn defekt, die Selbstwahrnehmung weicht signifikant von der Realität ab. Hier bieten sich ganz neue Ansätze zur Heilung. Der Geschmackssinn verfügt nicht nur über Rezeptoren für die vier bekannten Geschmacksrichtungen süß, sauer, bitter und salzig, sondern noch über einen fünften, umami genannt, der Fleischgeschmack identifiziert. Die Vielfalt der Geschmackswahrnehmung, so begreifen wir, ist kein Luxus, sondern eine biologische Notwendigkeit. Der Geschmackssinn gewährleistet, dass das, was wir zu uns nehmen, auch in Energie umgewandelt wird, und sorgt für die Balance der Nährstoffe. Überhaupt: Die Rezeptoren auf der Zunge bestimmen unser Essverhalten - ein neuer Ansatz, um es zu beeinflussen?

Der Geruchssinn, wir ahnten es schon, funkt am Verstand vorbei direkt ins limbische System des Gehirns, wo Gefühl, Erinnerungen und unbewusste Eindrücke verortet sind. Ein Sinn, dessen Vormachtsstellung in der herrschenden Hierarchie der Sinne überdacht werden muss, ist der Sehsinn. Wir glauben, was wir sehen, das scheint nicht immer eine gute Idee zu sein. An der University of Pittsburgh wurden Probanden gebeten, ihren linken Arm auf den Tisch zu legen. Der Arm wurde abgeschirmt, so dass sie ihn nicht sehen konnten. Stattdessen legten die Forscher einen Gummiarm mitsamt Hand vor die Testpersonen. Auf den sollten sie sich konzentrieren, während der Versuchsleiter gleichzeitig die verdeckte echte Hand und die sichtbare Gummihand berührte. Acht der zehn Testpersonen gaben später an, die Berührung auf der Attrappe gefühlt zu haben. Konfrontiert mit zwei Möglichkeiten, Berührung gefühlt und Berührung gesehen, traut unser Gehirn dem Sehsinn mehr als dem Tastsinn.

Wie zuverlässig also ist unser Bild von der Wirklichkeit? Was ist das überhaupt: Wirklichkeit? Auch da finden wir endlich den wissenschaftlichen Beleg für das, was uns in so manchem Streit fast in den Wahnsinn treibt: Jeder hat seine eigene Wahrheit. Unser Bild von der Welt ist hochsubjektiv. Tragen wir den Arm in Gips, sehen wir plötzlich überall gegipste Menschen. Sind wir schwanger, haben wir das Gefühl, alle Welt pflanzt sich gerade fort. Offensichtlich dienen die Sinne allein dem Zweck, die für uns relevanten Informationen auszuwählen, damit wir überleben können.

Doch manchmal erleben wir etwas, was in keinem direkten Zusammenhang mit dieser Lenk-, Warn- und Leitfunktion steht. Wir riechen zum Beispiel den Duft einer Zimtschnecke, und ein Wintertag aus längst verschütt geglaubten Sedimentsschichten der Kindheit entfaltet sich vor dem inneren Auge, klar und vollständig in allen Einzelheiten: Da ist das orangefarbene Licht der Küche, die spürbare Gegenwart der Schwestern, das Gefühl von Kleinsein und Geborgenheit. Oder die ersten Akkorde eines Liedes, und der Schmerz einer vergangenen Liebe schnürt einem die Kehle zu. Oft registrieren wir den Vorgang gar nicht bewusst, sondern erleben nur so genannte "Einstimmungen", sind plötzlich missmutig, ohne zu wissen, warum. Gut möglich, dass nur die Kopfhaltung eines Gegenübers in der S-Bahn unbewusst die Erinnerung an einen unsympathischen Menschen wachgerufen hat.

Es ist, als würde eine Tür geöffnet und ein kurzer Blick gewährt auf ein riesiges, ominöses Reich, in dem unser Leben gespeichert ist. Vergangenes, aber auch ein rätselhafter Teil Gegenwart, von dem wir nichts mitbekommen. Jede Sinneserfahrung hinterlässt Spuren. Von vielen Millionen Informationen pro Sekunde nehmen wir maximal 40 bewusst wahr, alle anderen versinken ohne Umwege in den Tiefen des Unbewussten. Das Unbewusste schläft nie, es hat seine Datenerfassung schon im Mutterleib begonnen und darüber hinaus Urerfahrungen der Menschheit archiviert. Es lenkt uns aus dem Off. Denn das Unbewusste ist neben dem Verstand das zweite System, mit dem wir Handlungen hervorbringen können. Hatte Freud das Unbewusste noch mit einem voluminösen Eisberg verglichen und das Bewusstsein lediglich mit dessen aus dem Wasser ragenden Spitze, weiß man heute, dass das Bewusstsein bestenfalls ein Schneeball auf diesem Eisberg ist. "Die Macht des Unbewussten über uns ist gewaltig", sagt der Neurowissenschaftler Gerhard Roth von der Uni Bremen. Und unsere Sinne sind der direkteste Draht dorthin - nicht nur nährt sich über sie das Unbewusste, sondern sie sind auch der Kanal, über den wir am unmittelbarsten mit uns selbst Kontakt aufnehmen können.

Ein reizvoller Gedanke, denn nicht nur unsere Ängste hausen dort, wie man lange glaubte, sondern auch unsere Kreativität, Ideen, Motive. Ein unerschöpfliches Reservoir also, das sich anzuzapfen lohnt. In das zu tauchen sich allerdings auch anbietet, um Depressionen, Ängste, Seelennöte zu heilen. Wortlos. Die Idee der Manipulation ist nicht neu. Kaufhäuser versuchen seit Jahrzehnten, uns durch die Berieselung mit bestimmter Musik zum Kauf zu animieren, und Kekshersteller forschen aus gutem Grund an dem richtigen Sound beim Biss in die Waffel. Die heilende Kraft der Sinneswahrnehmungen allerdings wurde von der Schulmedizin bisher leichtfertig als Hokuspokus abgetan. Doch jetzt belegen Studien, dass Musik bei Operationen den Bedarf an Betäubungsmitteln senkt, dass Gesang bei einem Alzheimer-Patienten Erinnerungen wachruft, auf die er verbal keinen Zugriff mehr hat, dass Farben Schmerzen und Ängste lindern, Düfte Depressionen mildern, Streicheleinheiten Frühgeborene besser gedeihen lassen. Wir lernen, dass Seelenzustände nicht nur bestimmte Körperhaltungen hervorrufen, sondern dass bestimmte Körperhaltungen auch Seelenzustände suggerieren können, die wiederum das Befinden beeinflussen. Body-Feedback nennt sich das, und der Körpersinn spielt hier eine zentrale Rolle.

Unsere Sinnesorgane sind die Klaviatur zu einem grandiosen Instrument. Eines, das wir nicht gut spielen. Wir hauen auf manche Tasten zu oft, lassen andere unberührt. So überreizen wir das Gehör, bis der Lärm uns krank macht, setzen uns der Flut greller Bilder aus, die uns unter Stress setzen. Geruch und Geschmackssinn hingegen lassen wir verkümmern, bieten die immergleichen Düfte und Geschmäcker und tun dies ohne Hingabe. Wir geizen mit Streicheleinheiten und Zärtlichkeiten.

Dabei bedürfte es nicht viel, nur ein bisschen mehr Aufmerksamkeit - von dem Moment an, da wir morgens die Augen aufmachen und das erste Licht registrieren, uns im Bad der Körperpflege widmen, Kaffeebohnen mahlen und die Banane fürs Müsli schneiden. Es bieten sich uns unendlich viele Möglichkeiten, Augenblicke zu sammeln. Je mehr wir unsere Sinne nutzen, desto feiner, geschulter werden sie. Je feiner sie sind, desto genussvoller und gesünder der Lebensverbrauch. Worauf warten wir noch? Setzen wir sie ein, unsere 2000 Sensoren an jeder Fingerspitze, unsere Millionen von Riechzellen und mehrere tausend Geschmackspapillen. Wir können gleich diesen Herbst so leben, dass die geballte Sinneskraft uns gut durch einen langen Winter bringt.

BRIGITTE Heft: 23/07 Fotos: Brite Sönnichsen Text: Anja Jardine Mitarbeit: Jutta von Campenhausen, Bernhard Hobelsberger, Tanja Pöpperl

Wer hier schreibt:

Tanja Pöpperl
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