Stress macht noch lange keine Depression

Es scheint so, als würden Depressionen zunehmen. Aber stimmt das wirklich? Über psychische Erkrankungen und ihre Behandlung gibt es noch jede Menge Missverständnisse. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Gibt es heute wirklich mehr Depressionen?

Immer wieder vermelden Krankenkassen, dass psychische Erkrankungen zunehmen. Laut BKK Gesundheitsatlas 2015 etwa haben sich die Tage, die Arbeitnehmer deswegen krankgeschrieben werden, seit 2003 mehr als verdoppelt. Grund dafür ist jedoch nicht, dass Depressionen und andere seelische Leiden häufiger, sondern dass sie sichtbarer werden. Laut Gesundheitssurvey des Robert-Koch-Instituts erfüllen etwa acht Prozent der deutschen Bevölkerung innerhalb eines Jahres die Kriterien einer Depression - und diese Rate ist seit mindestens 14 Jahren konstant.

Frau mit Anti-Baby-Pille in  der Hand

Mittlerweile trauen sich Menschen nur eher, über psychische Probleme zu reden - und Mediziner sich eher, entsprechende Diagnosen auszusprechen. Früher stellte man dagegen körperliche Probleme in den Vordergrund, wie etwa Rückenschmerzen. "Trotzdem brauchen wir eindeutig noch mehr Aufklärung und Ermutigung, sich Hilfe zu holen", so Dr. Iris Hauth, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weißensee. Denn, so ein Ergebnis des Faktenchecks Gesundheit der Bertelsmann-Stiftung: Die Hälfte der an Depressionen Erkrankten ist nicht in Behandlung.

Werden immer mehr Psychopharmaka verschrieben?

Ja, die Verordnungszahlen von Antidepressiva steigen. Laut eines OECD- Berichts innerhalb von vier Jahren um 46 Prozent. Einen Zuwachs gibt es vor allem bei den sogenannten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI). Immer wieder wird behauptet, hinter den steigenden Zahlen stecke die Pharmaindustrie, die ständig neue Indikationen schaffe, um Gewinne zu maximieren. "Natürlich ist es richtig, kritisch auf den Einfluss der Pharmalobby zu achten, und natürlich sollten die Mittel nur eingesetzt werden, wenn sie wirklich indiziert sind", so Professor Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik für Psychotherapie und Psychiatrie der Uni Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Denn auch wenn SSRI als gut verträglich gelten, können sie Nebenwirkungen haben. "Das Risiko einer leichtfertigen Verschreibung aber ist bei uns gering." Europaweit rangiert Deutschland zusammen mit Griechenland auf dem letzten Platz, was die Einnahme von Antidepressiva angeht. In Spanien und Portugal etwa werden sie weitaus öfter eingesetzt. "Noch ist es so, dass die große Mehrheit, die ein Antidepressivum bräuchte, es nicht bekommt. Weil nicht alle Betroffenen Hilfe suchen und weil in Deutschland die Skepsis vor Psychopharmaka insgesamt groß ist", so Hegerl. "Das Problem der Unterversorgung ist bei uns also größer als das der Überversorgung."

Machen Antidepressiva abhängig?

"Auch wenn das immer noch viele Menschen glauben, stimmt es eindeutig nicht", so Hauth. "Sie nehmen gezielt auf Stimmung und Antrieb Einfluss." Wie effektiv sie dabei sind, wird allerdings unter Experten heftig diskutiert. Der US-Psychologe David Kirsch etwa kommt aufgrund von Studien zu dem Schluss, dass die Mittel bei leichten und mittelgradigen Depressionen Placebos nicht überlegen seien, allenfalls bei der schweren Form hätten sie einen leichten positiven Effekt. "Viele dieser Untersuchungen haben methodische Mängel und sind auf den Alltag nicht übertragbar", hält Hegerl dagegen. Und es gibt auch Studien, die eine Wirkung der Medikamente belegen.

Eindeutig erwiesen ist, dass die Wirkung der Medikamente individuell verschieden ausfällt - manchmal müssen Präparate gewechselt werden, bis es Patienten besser geht. Und: Nicht immer sind Antidepressiva sinnvoll und erforderlich. Die im Winter erschienenen Behandlungsleitlinien sehen bei leichten Depressionen, die sich nach 14 Tagen nicht von allein bessern, Psychotherapie vor, bei mittelgradigen Psycho- oder Pharmakotherapie (oder auf Wunsch beides) und bei schweren eine Kombination beider Behandlungen. "Dieses Therapieschema beruht auf der Auswertung aller verfügbaren Studien und hat hohe Evidenz", so Hauth.

Wie entstehen Depressionen überhaupt?

Tatsächlich ist das nicht wirklich verstanden. "Klar ist, dass Botenstoffe im Gehirn eine Rolle spielen", so Hegerl. "Aber eigentlich ist das auch trivial: Bei Depressionen sind die Hirnfunktionen verändert, und diese werden nun mal von Botenstoffen gesteuert." Bekannt ist, dass die meisten Antidepressiva auf das Serotonin-System wirken, also auf Nervenzellen, die über diesen Neurotransmitter Signale übertragen. SSRI etwa bewirken, dass das in den Spalt zwischen den Neuronen ausgeschüttete Serotonin dort länger verbleibt. "Aber es wäre zu einfach zu sagen, Depressiven mangele es an Serotonin, und das müsse man ausgleichen", sagt Hegerl. "Unser Hirn ist viel komplizierter."

Unklar ist auch, was die Veränderung der Botenstoffe überhaupt auslöst. Eine Rolle spielen genetische Faktoren, aber sie lösen eine Depression nicht aus, sondern erhöhen nur das Risiko. "Momentan gibt es verschiedene Theorien, was genau hinter der Erkrankung steck", so Hegerl.

Eine - relativ aktuelle - vermutet, dass der Darm verantwortlich ist. Denn aus Tierversuchen weiß man, dass Störungen der Darmflora und dadurch verursachte Entzündungen die Psyche beeinflussen. Hegerl selbst hält etwas anderes für plausibler: "Etwa 60 Prozent der Betroffenen geht es durch Schlafentzug abrupt besser. Das weist auf einen Entstehungsmechanismus hin. Wir nehmen an, dass bei Depression ein permanentes Hyperarousal vorliegt - also ein konstant hoher innerer Erregungszustand mit Schwierigkeiten, einzuschlafen und sich zu entspannen. Durch Schlafdefizit wird die Einschlafneigung gefördert und dem Hyperarousal entgegengewirkt. Dieses Modell untersuchen wir zurzeit systematisch."

Welche Rolle spielen äußere Faktoren und Krisen als Auslöser?

"Depressionen verursachen Stress", erklärt Hegerl, "aber Stress spielt nicht zwangsläufig kausal eine Rolle." Der Experte ist der Ansicht, dass selbst viele Fachleute äußere Faktoren überschätzen, wenn es um die Entstehung von Depressionen geht -und dass dies eine effektive Behandlung verhindern kann. "Oft wird gesagt: Kein Wunder, dass der eine Depression hat, der hat ja auch viel Stress bei der Arbeit oder eine schwere Erkrankung oder gerade eine Trennung hinter sich. Dabei zeigen Studien, dass diese naive Ursachenzuschreibung gar nicht stimmt. Selbst wenn man all diese Probleme beseitigt, hätten viele noch eine Depression."

Erst im letzten November konnte eine Studie des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie belegen, dass Arbeitsplatzfaktoren keine Rolle für eine Depression spielen – selbst wenn der Begriff Burn-out dies suggeriert. "Stress zu reduzieren, ein bisschen ruhiger zu machen, mal in den Urlaub zu fahren, hilft dementsprechend nur wenig", sagt Hegerl, "und der Rat, sich mal wieder richtig auszuschlafen, kann sogar kontraproduktiv sein."

Der Experte beobachtet außerdem, dass die psychische Erkrankung gerade bei älteren Menschen nicht ernst genommen wird, weil Umfeld und Ärzte sie auf die Erfahrung von Verlust und Krankheit schieben: "Dabei ist eine Depression keine Begleiterscheinung, sondern eine Erkrankung, die konsequent behandelt werden muss." Und warum machen dann auch viele Betroffene für sich einen vermeintlichen Auslöser, wie Arbeitsbelastung, Mobbing oder Konflikte aus? "Eine Depression vergrößert alles, was negativ ist, und rückt es ins Zentrum", so Hegerl. "Sie sucht sich ihre Gründe also ein Stück weit selbst."

Sind Depressionen heilbar?

"Sie sind gut behandelbar", so Hegerl. Durch eine entsprechende Therapie geht es nach Angaben des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie mehr als der Hälfte der Betroffenen nach sechs Wochen besser. Weitere 20 bis 30 Prozent benötigen eine kompliziertere Behandlung, also etwa eine Kombination verschiedener Verfahren oder auch eine Elektrokrampftherapie, die eingesetzt wird, wenn Medikamente versagen. Bei fünf bis zehn Prozent der Betroffenen bleiben dagegen trotz aller Versuche dauerhaft Beschwerden zurück, wie etwa Schlafstörungen oder eine Antriebsstörung.

"Diese Probleme sind dann allerdings weniger stark ausgeprägt als in einer depressiven Episode", so Hauth. Die allermeisten Menschen sind nach Abklingen der depressiven Episode also wieder so lebensfroh und leistungsfähig wie vorher. "Eine Verletzlichkeit aber bleibt", sagt Hauth. "Das Risiko für eine erneute Episode bleibt erhöht." Studien zufolge liegt es bei 50 bis 85 Prozent. Umso wichtiger ist eine frühe Behandlung. "Mit Psychotherapie und Antidepressiva kann man die Gefahr eines Rückfalls deutlich senken", so Hegerl.

Nur traurig oder schon depressiv?

Einen ersten Anhaltspunkt gibt der recht einfache sogenannte "Zwei-Fragen-Test":

  1. Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?
  2. Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gern tun?

Wenn Sie diese beiden Fragen bejahen, sollten Sie sich an einen Arzt oder Psychotherapeuten wenden.

Die Diagnose Depression setzt voraus, dass mindestens zwei der drei Kernsymptome – depressive Verstimmung, verminderter Antrieb und Verlust von Freude und Interesse – über mehr als zwei Wochen bestehen. Dazu können weitere Beschwerden kommen wie Konzentrationsstörungen, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, Schlafstörungen, Zukunftsängste, Suizidgedanken, aber auch körperliche Symptome wie Appetitmangel, Rückenschmerzen oder Herzrasen. Je nachdem, wie viele Symptome vorliegen, wird zwischen leichten, mittelgradigen und schweren Depressionen unterschieden.
Mehr Infos: Hintergrundwissen, Hilfsangebote und einen Selbsttest bietet die Stiftung Deutsche Depressionshilfe unter www.deutsche-depressionshilfe.de

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann
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