Thromboserisiko und die Pille: Die unterschätzte Gefahr

Die Pille erhöht das Thrombose-Risiko, das ist bekannt. Aber jede zehnte Frau hat, ohne es zu wissen, eine gestörte Blutgerinnung. Hormonelle Verhütung ist dann lebensgefährlich — und wird trotzdem verschrieben. Warum?

Seit ein paar Tagen schon spürte Karolin den Schmerz im Bein. "Es war so ein komisches Ziehen, tief innen drin", erzählt sie. Ihre Ärztin tippt auf Muskelkater. Angeschlagen fühlt Karolin sich da allerdings schon länger. Nämlich bereits kurz nachdem sie vor zwei Monaten begonnen hatte, die Pille zu nehmen. Gegen ihre Nierenschmerzen erhält sie ein Antibiotikum, weil die Mediziner eine Blasenentzündung vermuten.

Die damals 17-Jährige ist als Austauschschülerin in Dänemark. Sie will ihrer Gastfamilie nicht zur Last fallen und spielt deshalb die Beschwerden im Bein herunter. Aber als sie morgens in der Schule plötzlich nicht mehr laufen kann, sorgt ihre Freundin dafür, dass sie ins Krankenhaus kommt.

Dort stellt sich heraus: Karolin hat weder Blasenentzündung noch Muskelkater, sondern eine schwere Thrombose. Die tiefe Vene im rechten Bein ist verschlossen, vom Knöchel bis zum Nierenbecken. Karolin kommt gerade noch rechtzeitig. Einige Blutgerinnsel haben sich auf den Weg in ihre Lunge gemacht und verstopfen sie. Das kann schnell lebensgefährlich werden.

Die Pille erhöht das Thromboserisiko

Karolin hatte Glück: Jährlich sterben in Deutschland rund 100 000 Menschen an den Folgen einer Thrombose oder Lungenembolie, ein kleiner Teil von ihnen junge Frauen. Denn die Erkrankung ist kein Alte-Leute-Leiden. Allerdings wird eine Thrombose gerade bei jüngeren Menschen oft sehr spät erkannt, denn sie macht wie bei Karolin anfangs oft kaum oder sehr unterschiedliche Beschwerden. 

Rein rechnerisch ist das Risiko gering – nur zwei von 10 000 Frauen erkranken innerhalb eines Jahres –, aber bestimmte Faktoren steigern die Gefahr: Übergewicht und Rauchen etwa – und hormonelle Verhütung. Etwa fünf bis sieben von 10 000 Frauen, die die Pille nehmen, erleiden eine Thrombose, eine ähnliche Wahrscheinlichkeit hat der Verhütungsring. Bei den neueren Pillen verdoppelt sich die Rate auf bis zu 14 von 10 000

Eine angeborene Blutgerinnungsstörung vergrößert die Gefahr

Oft übersehen wird dabei immer noch ein weiterer Risikofaktor. Durch eine angeborene Blutgerinnungsstörung nämlich erhöht sich die Thrombose-Wahrscheinlichkeit um das Zehnfache. Als Karolin im Krankenhaus untersucht wird, stellt sich heraus: Ihr Risiko ist mit der Pille sogar hundertfach so hoch. Denn sie hat eine sogenannte Faktor-V-Leiden-Mutation von beiden Elternteilen geerbt. Da ein Gen am Gerinnungsfaktor V verändert ist, klumpt das Blut leichter und es bilden sich schneller Blutgerinnsel, sogenannte Thromben.

Solche Mutationen können der Grund dafür sein, wenn Thrombosen familiär gehäuft auftreten. Und sind gar nicht so selten: "Fast zehn Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter haben erblich bedingt eine erhöhte Neigung zu Thrombose, ohne es zu wissen", sagt die Frankfurter Professorin Edelgard Lindho-Last, Spezialistin für Gerinnungsstörungen. Ob jemand Träger solcher Mutationen ist, lässt sich durch genetische Tests nachweisen.

Aber sollte die wirklich jede machen lassen? "Ein generelles Screening, also einen Test für alle jungen Frauen, halte ich nicht für sinnvoll", erklärt Gynäkologe Professor Ludwig Kiesel von der Universität Münster. Er fordert aber, dass Frauenärzte vor der Verschreibung der Pille gezielt und ausführlich nach Thrombosen in der Familie fragen. Das werde noch viel zu wenig getan, sagt Lindho-Last: "Bei mir im Hörsaal berichtet nur jede zweite Studentin, dass ihr Frauenarzt wissen wollte, ob es Thrombosen in der Familie gebe."

Gibt es Alternativen zur Pille?

Die beste Prävention: Generell sollte die Pille mit dem niedrigsten Risiko verschrieben werden. Nämlich die der zweiten Generation, etwa mit Levonorgestrel. "Ich finde es völlig unverständlich, dass das nicht passiert", so die Expertin. Sie erklärt es damit, dass die Pharmaindustrie jedes Jahr neue Antibabypillen auf den Markt bringe.

Die Pille sei heute wie ein Lifestyle-Präparat, bei dem es oft mehr um glatte Haut gehe als um die Verhütung. Die neueren Präparate wirken zudem leicht entwässernd, sodass Frauen etwas abnehmen. Der Preis dafür: mehr Thrombosen. "Ich habe jeden Tag junge Frauen mit schwersten Lungenembolien bei mir. Die sind 17, 18, 25 und haben die Pille genommen, meist die neuen der dritten oder vierten Generation. Wenn da gewissenhafter die Vorgeschichte erhoben und nach der Familie gefragt worden wäre, hätte man die Erkrankungen zum Teil vermeiden können."

Für Frauen, die von ihrem erhöhten Risiko wissen, gibt es Alternativen. Von einem Pillenwechsel jedoch raten Ärzte eher ab, da Nebenwirkungen vor allem im ersten Jahr auftreten. "Man sollte sich nicht verunsichern lassen", so Kiesel, "aber Warnzeichen wie schmerzende Beine, unerklärliche Rücken- schmerzen oder Atemnot ernst nehmen." Dann heißt es: ab zum Arzt und unbedingt auf die Pille hinweisen. Karolin selbst hat jetzt eine Spirale. Die Stützstrümpfe, die sie zwei Jahre tragen musste, ist sie seit Kurzem los. Blutverdünner aber nimmt sie immer noch, vermutlich lebenslang.

Verhütung ohne Risiko:

Ungefährlich in Sachen Thrombose sind Verfahren ohne Hormone: Kupferspirale und –kette, Diaphragma sowie natürliche Methoden (z. B. Zykluscomputer). Auch Hormonspirale und Mini-Pille erhöhen das Risiko laut Studien nicht.

Immer wichtig: die individuelle Beratung durch Arzt/Ärztin. 

Bei uns erfahrt ihr alles, was wichtig ist, wenn ihr die Pille absetzen wollt.

BRIGITTE 23/2017

Wer hier schreibt:

Edith Heitkämper
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