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Auf der Suche nach mehr Energie

Energiesuche: Glückliche Frau
© Billion Photos / Shutterstock
BRIGITTE BALANCE-Autorin Anne-Bärbel Köhle hat sich gefragt: Woher kommt eigentlich meine Energie? Und wo versteckt sie sich bloß manchmal?

Wo, bitte, steckt eigentlich mein körpereigenes Kraftwerk? Wenn ich das wüsste, könnte ich vielleicht den Hebel umlegen, mehr Energie durch meinen Körper strömen lassen. Wäre durchaus hilfreich an Tagen, an denen ich mich durchs Leben schleppe, als wäre ich hundert Jahre alt. Qi heißt die Lebenskraft, die in der Vorstellung der Traditionellen Chinesischen Medizin durch die Leitungen des Körpers fließt.

Mein Qi stockt. Ich habe keine Lust, laufen zu gehen. Zum Aufräumen muss ich mich aufraffen, als hätte ich nicht eine leicht verdreckte Küche vor mir, sondern den Bau einer Pyramide. Sogar meine beste Freundin anzurufen strengt mich an. Nicht die erste Energie-Krise meines Lebens. Aber immer wieder versetzt sie mich in Panik. Was, wenn ich mich so ausgepowert fühle, weil es bei meiner Lebenskraft um bald verbrauchte Erdölvorräte geht - und leider nicht um erneuerbare Ressourcen?

Wer bremst? Der Körper oder der Kopf?

Klarheit muss her. Schließlich gibt es ganz verschiedene Energieräuber, und der wahre Übeltäter will erst einmal gefunden sein. Was, wenn ein körperliches Problem hinter der Trägheit steckt? Eisenmangel zum Beispiel: Wer wenig Eisenlieferanten wie Hülsenfrüchte und Fleisch auf den Tisch bringt, schleppt sich irgendwann die Treppe hoch wie ein adipöser Asthmatiker. Das Problem lässt sich mit einem einfachen Bluttest beim Arzt erkennen und ist bei den meisten Menschen binnen weniger Wochen mit Medikamenten behoben.

Der zweite Verdächtige in Sachen fehlende Energie: Sportabstinenz. Jeder weiß: Energie kommt eher aus Muskeln als aus gemütlichen Fettzellen. Aber wenn man sich gerade so richtig schlapp fühlt, jagt einem schon die kleinste Joggingrunde so viel Respekt ein wie fitten Menschen nur der Ironman. Da hilft nur eins: trotzdem aufraffen. An solchen Tagen tut es auch ein Walkinglauf oder ein Spaziergang.

Wenn aber trotz Gesundheit und Bewegung das innere Schwungrad nicht richtig will, ist meist der trickreichste Energieräuber am Werk - der eigene Kopf. Es sind diese Momente, in denen man überlegt, ob es nicht eine Lösung wäre, einfach alles stehen zu lassen und anderswo ein neues Leben zu beginnen: jede Menge Arbeit. Dann noch die Steuererklärung. Das Bad wird gerade renoviert. Und übermorgen reist die Verwandtschaft an. Seit Wochen geht das so. Mit dem Resultat, dass ich irgendwann so fremdbestimmt und erschöpft durchs Leben schlurfe, als wäre es gar nicht mehr meins.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Wenn es denn so einfach wäre. Wer sich so schlapp fühlt, hat unter Umständen nicht mehr die nötigen Ressourcen, um seine persönlichen Krafträuber wegzukicken. Irgendwann geht es nur noch darum, die Tage halbwegs zu überstehen.

Die Energie fließt nur, wenn das Drumherum stimmt

Merkwürdigerweise reagiere ich auf Belastungen nicht immer so. Es gibt auch Phasen, in denen ich den größten Stress nicht nur locker wegstecke, sondern ihn geradezu herrlich finde. Dann macht es mir Spaß, Elternsprecherin zu sein, in einer Woche drei Artikel zu schreiben, meinen Flur knallgrün zu streichen und abends auch noch ins Kino zu gehen.

In solchen Momenten erlebe ich das, was Psychologen als "Selbstwirksamkeit" beschreiben: ein wundervolles Gefühl, sich in Balance zu befinden, Dinge bewirken zu können, die sich positiv für einen selbst auswirken. Menschen mit dieser Grundeinstellung, sagt der Göttinger Hirnforscher Prof. Gerald Hüther, lernen leichter, haben mehr Spaß am Leben, wissen, wo ihre Grenzen sind. Sie erleben sich als stark und souverän. Voraussetzung dafür: Sie tun Dinge, die sie als sinnhaft erleben und die ihnen nicht von außen auferlegt (Stichwort: Verwandtschaftsbesuch! Finanzamt!) werden.

Ein Satz für mehr Energie. So viel steht fest: Mein inneres Kraftwerk wohnt im Kopf. Meine Energiereserven sind keine endliche Erdölquelle, sondern eher ein Sonnenkraftwerk. Die Ressourcen sind schier unerschöpflich - aber die Energie fließt eben nur, wenn das Wetter stimmt. Es kommt also darauf an, für genug Sonne in Hirn und Seele zu sorgen. "Grundsätzlich geht es beim Thema Energie darum, zu sich selbst gut sein zu können", sagt Christel Lenz, Psychotherapeutin aus Korschenbroich. Die Expertin hat sich auf das Thema Energiepsychologie spezialisiert, einen neuen Forschungszweig, der in Deutschland erst seit wenigen Jahren bekannt ist.

Therapeutin Lenz weiß: Das Gehirn raubt oft so viel Energie, weil ungute Glaubenssätze die eigenen Kraftquellen verschatten. Mein Mantra könnte momentan lauten: "Ich fühle mich müde und habe mein Leben nicht im Griff." Mit dieser inneren Einstellung jedoch komme ich noch nicht mal auf den dünnsten grünen Zweig.

In Gesprächen mit ihren Patienten ermittelt Therapeutin Lenz, woher diese Glaubenssätze bei ihren Patienten stammen. Im zweiten Schritt nutzt sie Wissen aus der Traditionellen Chinesischen Medizin: In Muskeltests stellt sie fest, welche Energieleitbahnen im Körper derzeit nicht optimal funktionieren. "Psychische Probleme sorgen immer für Blockaden", so die Psychotherapeutin. Solche Blockaden löst sie mittels Klopfakupressur, indem sie die betroffenen Meridiane nach den Prinzipien der Akupressur abklopft. "Die Technik können die Patienten unter Anleitung selbst lernen." Meist fühlen sie sich sofort besser.

Energie ist da: Jetzt und Hier!

Mit den schattigen Gedanken ist es manchmal aber auch wie mit echten Wolken: In dem Moment, wo man ganz genau hinschaut, lösen sie sich auf. Für den amerikanischen Arzt Prof. Jon Kabat-Zinn bringt deshalb "die Übung der Achtsamkeit" den effektivsten Energieschub. Mit speziellen Übungen zur Körperwahrnehmung und einfachen Geh- und Sitzmeditationen bringt der Mediziner Menschen bei, wieder mehr Gefühl für sich zu entwickeln. Diese achtsamkeitsbasierte Stressreduktion ("Mindful Based Stress Reduction") hilft, aus dem elenden Lebensgefühl der Fremdbestimmtheit auszusteigen.

Kabat-Zinn lehrt die Menschen, Situationen zunächst einfach nur wahrzunehmen und nicht zu bewerten - weder positiv noch negativ. Wenn ich die kaputten Fliesen aus meinem Bad entferne, tue ich ausschließlich das. Wenn ich die Akten für meine Steuer sortiere, konzentriere ich mich nur darauf - ohne ein Gefühl des Genervtseins. Wenn ich müde bin, spüre ich, wie meine Lider auf die Augäpfel drücken und mein Körper schlaffer wird. Wer achtsam ist, hört die leisen Botschaften aus dem Inneren besser, merkt schneller, wenn sich die Batterien leeren - und kann besser gegensteuern. Ich jedenfalls schnappe mir jetzt meine Joggingschuhe und laufe in genau dem Tempo, das mir guttut. Sonst nichts. Mal spüren, was passiert.

Informationen zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion unter: www.mbsr-verband.de

Deuten Sie die Zeichen

Schlappheit und fehlende Energie sind manchmal Anzeichen für ernsthafte körperliche Erkrankungen. Wenn die Energie einfach nicht wiederkommen will, sollten Sie beim Arzt eine Blutuntersuchung machen lassen. Knapp ein Drittel der Deutschen leidet beispielsweise unter Schilddrüsenproblemen: vom beginnenden Jodmangel bis hin zu massiven Über- oder Unterfunktionen.

Das schmetterlingsförmige Winz-Organ in unserer Kehle steuert nämlich nahezu alle lebenswichtigen Vorgänge unseres Körpers. Arbeitet es nicht ausreichend, bildet sich eine Unterfunktion. Das Resultat: ständige Erschöpfung, Gewichtszunahme, Haarausfall. Auch wenn die Schilddrüse zu viel Hormone produziert, kann das passieren. Mit einem Bluttest kann der Arzt feststellen, ob ein Schilddrüsenproblem vorliegt, und dann unter Umständen mit Hormonen gegensteuern.

BRIGITTE Balance 02/08 Text__Anne-Bärbel Köhle, Michaela Rose Foto: Getty Images

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