Ayurveda in Indien: Wellness pur? Fehlanzeige!

Eine Ayurveda-Kur in Indien? Das klingt nach Wohlfühlen und Verwöhntwerden, nach Exotik und fremden Ländern. Tatsächlich ist es ein Abenteuer - mit glücklichem Ausgang.

Irgendwo im tropischen Bergwald in Kerala, Südindien: Der Massagetisch ist eine geschnitzte Holzwanne, für weichliche Europäer wie mich liegt eine Plastikmatratze darauf. Zwei indische Masseure signalisieren durch Gesten: Jetzt geht's los. Man reicht mir einen Lendenschurz zur schicklichen Bedeckung, ich krabbele auf den Tisch, lege mich hin und freue mich auf eine entspannende Massage.

Fehlanzeige.

Neue BRIGITTE-DVD: Fünf Yoga-Workouts für eine tolle Figur

Erst mal wieder hinsetzen - und zwar aufrecht mit ausgestreckten Beinen und Armen. Bitte ausprobieren: Das strengt mächtig an, vor allem, wenn es geschlagene zehn Minuten dauert. Die Hüftbeugermuskeln in der Leiste ächzen und hinterher gibt's Muskelkater. Fünfzig Minuten dauert die Massage, die Arme müssen zur Seite und nach oben, endlich darf ich mich wenigstens hinten abstützen. Ich werde auf die linke Seite gelegt und dann auf die rechte. Am Ende alles wieder zurück bis zum Sitzen. Von oben bis unten mit Öl bedeckt flutsche ich auf der Matratze herum wie ein Stück Seife und werde von den Masseuren gewendet wie ein Schnitzel.

Deren Hände sind rau, Durchblutung und Peeling sind inbegriffen. Nicht einzelne Muskeln werden geknetet, es wird in langen Strichen massiert, immer synchron von zwei Seiten: von der Hüfte bis zum Fuß, vom Hals zur Hüfte, vom Nacken über den Rücken zum Oberschenkel oder gar die ganze Körperlänge bis zu den Füßen. Das Öl wird auf einem Gasbrenner erwärmt, den Geruch werde ich zwei Wochen nicht mehr los. Ein angenehmer Geruch, kräftig, erdig, würzig. Aber allgegenwärtig.

Eine Woche lang bekomme ich jeden Tag die ayurvedische Ganzkörpermassage "Abhyangam": Sie leitet meine Ayurveda-Kur ein, soll den Körper für die folgende Behandlung stimulieren. Die Muskeln gewöhnen sich an die Anstrengung, irgendwann nicke ich sogar ein, während die Masseure mich bearbeiten. Nach jeder Massage werde ich abgewischt und halte eine Stunde Bettruhe - einschlafen darf ich nicht, damit der Kreislauf nicht zu tief absackt.

Gegen Stirnhöhlenbeschwerden und Verspannungen im Nacken bekomme ich Nasyam: Öl in die Nase. Den Anfang machen eine Gesichtsmassage - nun wirklich entspannend - und Kräuterdampf, mit einem Tuch an die Nase gewedelt. Zum Schluss werden einige Tropfen Öl in die Nase geträufelt und hochgezogen. Das Öl brennt etwas im Rachen, aber bald kommen die Dinge in Fluss. Wieder eine Stunde Regeneration, auf dem Rücken liegend. Und nach einer Woche wird ausgeleitet: ein Dampfbad am Morgen, dann pflanzliches Abführmittel. Drei Sitzungen später darf ich Reissuppe zu mir nehmen.

Fünfmal am Tag gibt es Medikamente: wässrige und alkoholische Pflanzenauszüge, in denen nicht nur Blatt und Blüte, sondern auch Wurzel und Rinde klar erkennbar sind; manche harmlos, manche zum Schütteln. Tabletten, Sirup und eine Substanz, die vor allem aus Rohrzuckermelasse und Pfeffer besteht. Dazu Konsultation der beiden Ärzte, Yoga, keralesische Hausmannskost - ein volles Programm.

Die nächsten sieben Tage sieht mein Tag so aus:

6 Uhr: Tee ans Bett, zur Anregung des Stuhlganges. Pflanzensud. Kleiner Morgenspaziergang. 7 Uhr: Yoga. 8 Uhr: Frühstück, süße Fladen mit Bananen, aber auch Gemüsemasalas. Am Sonntag Toast mit Marmelade! Hinterher Tabletten und Sirup. 9 Uhr: Konsultation durch zwei Ärzte. 10 Uhr: Kräuterbeutelmassage (Ilakizhi): Leinenbeutel mit Kräuter in Öl gekocht werden fast siedend auf die Haut getupft. Gerade wenn der Schmerz einsetzen will, sind die Beutel wieder weg von der Haut. Dauert eineinhalb Stunden und heizt den Körper ziemlich auf. Gegen Gelenkbeschwerden und entzündliche Prozesse. Hinterher Medizin. 11.30 Uhr: Regeneration. 12 Uhr: Mittagessen mit keralesischer Hausmannskost, vegetarisch. Hinterher Medizin. 14 Uhr: Stirnguss mit Öl (Siro Dhara): 50 bis 70 Minuten lang läuft warmes Öl aus einem Gefäß in dünnem Strahl über die Stirn. Das Gefäß wird dabei hin und her bewegt - als streiche ein warmer Finger sehr sanft über die Stirn. Sehr hilfreich, wenn das Hirn jenseits der Vierzig nach viel Stress nicht mehr so richtig funktionieren will. Hinterher Medizin. 15 Uhr: Regeneration. 16: Spirituelle Fußmassage - wenn mein Yogalehrer Lust hat: Das ist nämlich sein Privatservice. 17 Uhr: Yoga. 18 Uhr: Abendessen, hinterher Medizin. 20 Uhr: Massagen für Nacken, Rücken und Knie wegen einiger hartnäckiger Probleme. 22 Uhr: Letzte Medizin und ab ins Bett.

Eine Fülle von Verhaltensempfehlungen soll außerdem helfen, sich wirklich auf den Geist des Ayurveda einzulassen. Wir Patienten sollen am Tag nicht schlafen, auch nicht während der Ruhezeiten nach den Behandlungen. Wir sollen nicht mehr als 15 Minuten am Stück lesen oder fernsehen (nach Möglichkeit gar nicht), nicht in die Sonne gehen und uns nicht körperlich anstrengen, aber auch nicht länger als 15 Minuten sitzen. Sex während der Kur und der nachfolgenden Regenerationszeit ist tabu, möglichst drei Monate lang. Aufgestanden wird vor 6 Uhr und zu Bett geht es vor 22 Uhr. Und, ganz wichtig: an schöne Dinge denken und unangenehme Gedanken fernhalten.

Zeit, mit den anderen Kurgästen zu reden, bleibt kaum. Aber nach 17 Tagen Kur habe ich mich deutlich erholt, Knie- und andere Gelenk- und Muskelschmerzen sind weg oder fühlbar gelindert. Die leichte, aber ballaststoffreiche vegetarische Kost, nicht etwa scharf, sondern eher mild gewürzt, hat die Verdauung reguliert. Ich bekomme noch ein paar Medikamente mit, die mir gegen den Heuschnupfen helfen sollen. Und die Empfehlung, mir täglich ein paar Tropfen Sesamöl in die Nase zu träufeln. Das erweist sich als Geheimtipp für alle möglichen Atemwegsbeschwerden, aber auch bei Brummkopf und Verspannungen, vorbeugend wie lindernd.

Das sollten Sie beachten

Ayurvedische Massagen und die typisch keralesischen Behandlungen wie Stirnguss, Nasyam und Kräuterbeutelmassage kann man auch in speziellen Ayurveda-Kurkliniken in Deutschland bekommen.

Für eine Kur in Indien sprechen jedoch gleich mehrere Punkte. So ist der medizinische Standard in Indien vom Staat vorgegeben: Nur studierte Ärzte mit dem Titel Dr. ayurved. und staatlicher Prüfung werden als ayurvedische Ärzte zugelassen. Auch die ayurvedischen Masseure und Krankenschwestern sind staatlich geprüft. In Deutschland ist der Begriff Ayurveda ist nicht geschützt, es gibt es keine unabhängige Stelle, die das Qualitätsniveau garantiert.

Viele Ayurveda-Medikamente können nicht nach Deutschland eingeführt werden, weil sie als Heilmittel nicht zugelassen sind. In Indien wird etwa zum Massieren kein einfaches Sesamöl verwendet, sondern auf den jeweiligen Zweck abgestimmtes medizinisches Öl. Und überall wo es auf Frische ankommt, sind in Indien die Wege kurz.

Zudem kosten die Kuren erheblich weniger als in Deutschland - wer ohnehin nach Indien reisen wollte, spart. Unter Umständen ist der Preisunterschied so groß, dass eine Kur in Indien selbst mit Flug nicht mehr kostet als eine Kur in Deutschland.

Für eine Ayurveda-Kur in Indien müssen Sie einiges an Zeit einplanen. Drei Wochen sollte man veranschlagen, wenn man mehr will als Erholung und "Wellness", bei schweren Krankheiten unter Umständen mehr. Zu jeder Kur gehört eine Regenerationszeit, die zwei- bis dreimal so lang ist wie die Kur selbst. In dieser Zeit ist jegliche Belastung zu vermeiden - körperliche, seelische oder mentale.

Reise-Infos

Der indische Bundesstaat Kerala ist Ayurveda-"Kernland". Kuren kann man aber im Prinzip überall in Indien, auch an klassischen Urlaubsorten wie Goa. Auf westliche Patienten eingerichtete Kliniken haben manchmal deutsche Vertretungen, bei denen man pauschal buchen kann. In Indien kann man noch günstigere Preise finden als bei der Buchung von Deutschland aus.

Es gibt Kliniken, die für westliche Gäste eher auf Regeneration und Wellness ausgerichtet sind und Urlaubsfeeling bieten. Andere Kliniken sind Krankenhäuser, in denen es ausschließlich um Heilung geht. Und es gibt Kliniken, in denen man beides Tür an Tür findet. Wer nicht gut englisch spricht, sollte darauf achten, dass in der Klinik ein Dolmetscher vorhanden ist.

Die beste Reisezeit ist von Dezember bis März, danach wird es sehr heiß und trocken. Im Gebirge von Kerala findet man ein für Europäer sehr angenehmes Klima bis in den Juni hinein.

Eine ausführlichere Variante des Textes lesen Sie hier.

Text: Martin Fütterer Foto: Hauke Dressler/look-Foto
Themen in diesem Artikel
Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.