Yoga-Guru Jassemyn: "Der Selbsthass war mein ständiger Begleiter"

Jessamyn Stanley

Jessamyn Stanley traute sich lange nur im grauen Schlabberlook ins Yogastudio. Jetzt unterrichtet die Fernfahrertochter aus North Carolina Yoga für jede Figur und jedes Alter.

Wenn sich Neulinge bei Jessamyn Stanley zur Yoga-Stunde in Durham, North Carolina, einschreiben, hört sie oft die zögerliche Frage: "Bist du die Rezeptionistin oder die Lehrerin?" – "Ich bin die Lehrerin!", antwortet Jessamyn mit einem breiten Lächeln, und sie ahnt schon, was kommt.

"Dann fällt ihnen fast immer das Gesicht auseinander, und der entsetzte Blick sagt: Ogottogott, das wird heute eine lahme Stunde! Die meisten denken automatisch, wer dick ist, kann kein gutes Yoga machen." Jessamyn setzt lachend hinzu. "Ha! Denen zeige ich eine Kick-Ass-Stunde!"

Jessamyn nennt sich "fett", genauer: eine "fat femme", eine dicke, feminine Lesbe. 

So stellt sie sich vor, so steht es unter ihrem Namen auf ihrer Internet-Seite. "Ich bin dick und stark", sagt sie stolz. Sie kann elegant in einen Kopfstand gleiten oder einbeinig im Königstänzer balancieren. Aber als sie vor sechs Jahren mit dem anfing, fand sie keine Lehrer, "die einem sagen können, was man mit dem Bauch anstellt, wenn er bei der Vorwärtsbeuge im Weg ist, oder wenn einen der eigene Busen im Kopfstand fast erstickt." (Die Lösung für Letzteres: Man nimmt einen Gurt, ein übliches Hilfsmittel im Yoga, und spannt ihn knapp oberhalb der Brust.)

Wie ihr geht es Hunderttausenden. Seit Jessamyn ihre Yoga-Praxis auf dokumentiert, folgen ihr 300 000 Fans. Wer "Yoga“ googelt, sieht zu 90 Prozent Fotos von jungen, weißen Frauen, die kein Gramm zu viel auf den Hüften haben. "Ich fand es nahezu unmöglich, mich mit diesen eindimensionalen Bildern zu identifzieren", sagt Jessamyn. "Im Yoga Studio bin ich immer die Fetteste im Raum und fast immer die einzige Schwarze. Die Szene ist definitiv sehr weiß, und zwar wohlhabend weiß."

Yoga kommt aus Indien, inzwischen praktiziert es jeder 15. Amerikaner.

Es gibt Yoga-Studios, vor allem in Los Angeles und New York, in denen Frauen nur mit komplettem Make-up, perfekt sitzendem Silikonbusen und den neuesten Lululemon-Leggings den herabschauenden Hund wagen. Mehr noch als in Deutschland müssen Ältere, Übergewichtige oder eher unsportlich Veranlagte nach Studios suchen, in denen sie sich wohlfühlen. "Die Leute reden darüber, wie viele Stunden sie in der Woche schaffen und in welchem In-Laden sie ihre Leggings kaufen", sagt Jessamyn.

"Das schreckt Leute wie mich ab. Ich bin Studienabbrecherin, ich konnte mir bis vor Kurzem gar keine regelmäßigen Studio-Stunden leisten." Es gibt zwar inzwischen Bewegungen, Yoga-Studios in ärmeren und "schwärzeren" Vierteln anzusiedeln, doch sie entwickeln sich langsam, denn mehr Geld ist in den wohlhabenderen Gegenden zu holen. Jessamyn nennt ihr Yoga "Every Body Yoga", Yoga für jeden, und meint: jeden Körper, jede Hautfarbe, jedes Alter, jeden Geldbeutel.

Ihre Kurse kann man sich auch online ansehen, sie kosten, je nach Länge, zwischen 10 und 60 Dollar. "Wow, ich wusste nicht, dass Dicke das auch machen können!" ist der häufigste Kommentar, wenn sie ein Foto von sich im Spagat online stellt, gefolgt von: "Ich will das auch können. Wie fange ich an?" Heute lehrt Jessamyn Stanley weltweit, und in ihre Yoga-Stunden kommen viele, die wie sie nicht der Barbie-Norm entsprechen.

Die Yoga-Positionen, die sie anleitet, mögen die gleichen sein wie in vielen anderen Studios, aber ihr Kommentar dazu ist ausschließlich aufbauend und positiv, gespickt mit diversen F-Wörtern, F wie fuck, fett und feministisch. "Wir Übergewichtige sind die Mehrheit", sagt sie, "man sieht uns nur nicht so oft in den Medien." Wenn sie "fett" sagt, will sie das übrigens nur als Platzhalter verstanden wissen: "Da kann jeder seinen eigenen Körperhass-Bullshit einsetzen. Du bist zu dünn, zu blass, zu schmalbrüstig, egal, es ist wirklich völlig egal, was andere über dich denken." Statt "Wie sehe ich aus?" fragt sie lieber: 

"Wie fühlt sich das an? Es geht darum, präsent zu sein und mit sich selbst in Verbindung zu kommen." 

Jessamyn trägt bei unserem Treffen in Los Angeles hautenge Leggings und einen knappen Sport-BH, der ihr üppiges Dekolleté und nackten Bauch freigibt, und sie sprudelt vor Witz und Wortwucht. Auf ihren rechten Oberarm hat sie sich eine Zeile von Rapper Nas tätowieren lassen: "Whose world is this? The world is yours" – Wem gehört die Welt? Die Welt gehört dir. Darunter das Motto ihres Staates : Esse quam videri. Mehr Sein als Schein.

In der Yoga-Industrie ist sie mit ihrem raspelkurzen Afro, ihrem Nasenring und ihren bunten Klamotten eine wohltuende Abwechslung zu den unnatürlich perfekten Bildern vieler bekannter Yogalehrer. Sie ist eine der buntesten Vertreterinnen der Body-Positive-Bewegung: Männer und Frauen, die dafür werben, alle Körper so zu feiern wie sie sind.

In Amerika, gerade in den Metropolen, ist der Druck, botoxgeglättet und silikonverstärkt ewig jung zu bleiben, viel aggressiver als in Deutschland, aber ebenso hat sich dort auch die Gegenbewegung verstärkt: Auch wenn der Body Positive-Aktivismus heute überwiegend online stattfindet, ist es doch für viele enorm wichtig, Gleichgesinnte zu finden – Menschen wie Jessamyn, die sich anfangs nur in grauen Schlabberklamotten ins Studio wagte, um ihre Fülle zu verbergen.

Jessamyn kämpfte gegen ihr Gewicht, seit sie denken kann.

Sie wuchs in North Carolina auf, das Essen in den Südstaaten ist sehr kalorienreich, auch das Schulessen; ihre Mutter Tangela Stanley, Hausfrau und sehr gesundheitsbewusst, mixte zwar schon Jahre, bevor das schick wurde, für die ganze Familie Grünkohl-Smoothies und rührte Chia-Samen ins Frühstücksmüsli, aber dann erkrankte Tangela an einer Virusinfektion schwer und war jahrelang ans Bett gefesselt. Weil ihr Vater Jesse deswegen als Fernfahrer zwei Jobs gleichzeitig schultern musste, blieben Jessamyn und ihr Bruder Gabriel weitgehend sich selbst überlassen.

"Wir saßen vor dem Fernseher, ernährten uns von Nudeln, und unsere Körper blähten sich zu Ballons auf." Trotzdem träumte Jessamyn von einer Karriere als Cheerleaderin. "Wir lebten in einer überwiegend weißen Nachbarschaft, ich wollte so dünn, so weiß und so schön sein wie diese Nymphenwesen und hoffte, ich würde eines Morgens schlank aufwachen, mit einer glatten Mähne statt meiner Krause." Ihre Familie versuchte sanft, sie davon abzuhalten, um ihr die Enttäuschung zu ersparen, aber als pummeliger Teenager bewarb sie sich dennoch. Die Cheerleader an ihrer Schule lachten sie aus, sie heulte tagelang. "Der Selbsthass war mein ständiger Begleiter", sagt sie.

Ein ähnlich frustrierendes Erlebnis hatte sie, als eine Freundin sie zu einer Yoga-Stunde mitnahm, und zwar ausgerechnet zum Bikram Yoga mit Temperaturen von 40 Grad. Jessamyn hechelte sich durch die ersten 20 Minuten, flüchtete dann schwitzend in die gekühlte Lobby und kroch anschließend wieder zurück auf ihre Matte, um dort den Rest der Stunde heulend in der Kleinkind-Stellung ihr ureigenes Mantra zu rezitieren: Siehst du, du kannst das nicht, das ist nichts für dich. Sie schwor sich: "Nie wieder!"

Kurz darauf starb ihre geliebte, erst 45 Jahre alte Tante, ihre erste große Liebe trennte sich von ihr, und Jessamyn begann, mehr und mehr zu trinken. Eines Nachts um zwei Uhr früh wurde sie unsanft von einem Cop geweckt, sie war am Steuer ihres Wagens auf einer verlassenen Kreuzung eingeschlafen – mit einem Alkoholpegel, der ihr eine Nacht in der Ausnüchterungszelle und eine Auflage für regelmäßige Treffen mit den Anonymen Alkoholikern einbrachte.

"Ich war ziemlich verloren zu der Zeit", sagt Jessamyn. Sie hatte Kunstmanagement studiert und wollte für gemeinnützige Organisationen arbeiten, ihre idealistische Motivation wurde aber schnell von der Realität eingeholt, weil sie keine Stelle fand. Sie jobbte in Bars und Cafés und wusste nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Eine Groupon-Aktion bot ein unschlagbares Pauschalticket für ein Yogastudio – ein ganzer Monat Yoga für 18 Dollar.

Jessamyn schrieb sich ein, wild entschlossen, es diesen skinny bitches, den dünnen Mädchen zu zeigen. Wer nun ein wundersames Märchen erwartet – "nach dem Motto: Ich habe Yoga gefunden, guckt, wie toll mein Leben nun ist", mokiert sich Jessamyn – wird enttäuscht. Sie hielt zwar den Sonderangebots-Monat durch, aber "ich dachte die ganze Zeit, alle starren mich an, weil ich die einzige Dicke im Raum bin. Mein eigener Selbsthass wurde mir dadurch erst so richtig bewusst." Sie ritzte sich die Haut auf, nahm Drogen, war depressiv. Dass Yoga selbst aber "fühlte sich einfach großartig an, ich wollte mehr davon".

Weil sie in der Yogawelt keine Vorbilder fand, übte sie lieber allein zu Hause, mithilfe von Online-Videos.

Um Feedback zu ihren Stellungen zu bekommen, begann sie, regelmäßig Fotos auf Instagram zu posten. Da sie kein Geld hatte, nutzte sie eine ausrangierte Hundeleine als Gurt, eine alte Pilates-Matte als Unterlage. "Wenn mich Leute fragen, wie sie am besten beginnen, meinen sie oft: Was soll ich kaufen?", sagt Jessamyn. "Meine Antwort: gar nichts. Such dir eine Matte und los geht’s."

Inzwischen ist Yoga für sie "weniger ein Sport als ein Lebensweg, ein Gegenmittel zum Selbsthass. Wenn man lernt, die Plankenstellung zu halten und dabei entspannt zu atmen, färbt das auch auf andere Situationen ab: Yoga hat mich gelehrt, Herausforderungen auszuhalten. Deshalb bleibe ich dran." Seit sie zum internationalen Yoga- und Instagram-Star avancierte, kämpft sie nicht mehr mit ihrem Gewicht, sondern gegen ein anderes "Monster", das Monster Ego.

Yoga ist Big Business, eine 17 Milliarden Dollar schwere Industrie, und der Konkurrenzkampf zwischen den Yogalehrern um die meisten Follower ist "cut throat", wie Jessamyn sagt, harter Wettbewerb. Obwohl sie sich darüber lustig macht, hat sie inzwischen selbst zwei ganze Schubladen allein für ihre Yoga-Leggings und unterbricht unser Gespräch immer wieder mit einem kurzen "Sorry, kann ich das mal schnell auf Instagram posten?" Dann guckt sie auf ihren linken Oberarm.

Um sich immer daran zu erinnern, sich "nicht von dieser Ego-Scheiße ablenken zu lassen", hat sie sich am Ende ihrer zweiten internationalen Yoga- Tournee ein Zitat ihres Idols, der taubblinden Aktivistin Helen Keller tätowieren lassen: "What I am looking for is not out there, it is in me." – Wonach ich suche, finde ich nicht da draußen, sondern in mir. "Wenn ein taubblindes Mädchen aus Alabama Menschen auf der ganzen Welt mit ihren Büchern inspirieren kann, na, wer weiß, dann kann ja vielleicht auch eine Fernfahrertochter aus North Carolina was bewegen, oder?"

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Wer hier schreibt:

Michaela Haas

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