Nie wieder rot werden - so geht's!

Silke Heilmann ist Kulturwissenschaftlerin und Mutter, witzig und wortgewandt. Eigentlich. Denn sobald sie in einer größeren Runde reden muss, schießt ihr das Blut ins Gesicht, der Kopf glüht.

Die Ausgangssituation

Wann es genau anfing, weiß Silke nicht mehr. Aber seit der Schulzeit kennt sie das Gefühl, wie sich über den Rücken langsam die Röte anschleicht, das Herz bis zum Hals klopft und Ohren und Gesicht zu glühen beginnen. In einer größeren Runde zu reden ist für sie Horror: Egal, ob in privater oder beruflicher Umgebung, sie wird rot. Je mehr Silke an ihren roten Kopf denkt, umso schlimmer wird es, manchmal kriecht die Röte sogar bis in die Nasenspitze.

Um ja nicht in eine solche Situation zu geraten, hat Silke während ihres Studiums nur Hausarbeiten geschrieben, statt Referate zu halten. Und immer wieder Ausreden gesucht, wenn doch eines drohte.

Jetzt arbeitet sie in Teilzeit im Besucherservice der Hamburger Museen, möchte beruflich vorankommen. Vorträgen kann sie sich nicht länger entziehen. Deshalb sagt sie: "Ich wünsche mir Tricks, die mir helfen, öffentliche Situationen nicht mehr als so peinlich zu empfinden. Ich möchte endlich die Angst loswerden, die Leute könnten denken, ich sei unsicher. Mich zu Wort melden ohne die Befürchtung, die anderen würden über mich lachen. Einfach mitreden - ohne zu wissen, gleich sind sie wieder da, meine glühenden Ohren und die rote Nase."

Das sagt die Therapeutin

Die Angst vor dem Rotwerden blockiert Silke. Sie befürchtet, andere könnten sie für schwach halten, wenn sie ihre Aufregung und die Röte bemerken. Hier greift die systemische Therapie, die davon ausgeht, dass Wirklichkeit individuell konstruiert wird und jeder eine zu seinem Problem passende Lösung (er)finden kann. Ein erster Schritt ist, nach Ausnahmen zu suchen: Wann tritt die Röte nicht auf? Was ist da anders? Silke kann dem Problem gedanklich eine Gestalt geben, sich mit dieser auseinandersetzen, z. B. "das rote Monster einsperren ". So erlangt Silke Kontrolle. Neue Bewertungen öffnen neue Wege. Silke kann sich klarmachen: "Neben meiner Unsicherheit habe ich viele Fähigkeiten. Meine Schwäche ist menschlich und liebenswürdig." Hilfreich ist Feedback von Freunden. Was denken sie über Silkes Rotwerden? Wie gehen sie mit eigener Unsicherheit um? Solche anderen Sichtweisen können Silkes Befürchtungen relativieren.

* www.ppsb-hamburg.de

Das sagt die Visagistin

Silke ist mit ihrem Problem nicht allein. Selbst Prominente wie Kim Basinger leiden unter dem Phänomen des Rotwerdens. Ungeschminkt würde ihnen das jeder ansehen. Ein gutes Make-up aber bildet ein dekoratives Schutzschild. So geht's: Da Grün die Komplementärfarbe von Rot ist, dient eine grünliche Tagespflege (z. B. von Eucerin) oder grünliche Abdeckcreme als Basis. Diese Creme neutralisiert den Hautton und entlastet die Äderchen. Darüber kommt ein deckender Kompakt- Make-up-Puder (z. B. von Mac). Das fixiert das ebenmäßige Hautbild. Dann die Augen etwas betonen, als Blickfang noch etwas hellen Puder oder Abdeckcreme unter die Augen auftragen. Mit so einem attraktiven Schutzschild wird Silkes Erröten mit der Zeit von selbst weniger, sie kann selbstbewusst auftreten - schließlich braucht sie keine Angst mehr zu haben, dass es jemand sieht.

* www.nikokazal.de

Das sagt die Atempädagogin

Bei jedem seelischen Erleben ist der Atem beteiligt. Wir schnauben vor Wut, prusten vor Lachen oder halten vor Furcht den Atem an. Wird Silke rot, ist sie verunsichert und ängstlich, der Atem stockt. Zudem hat Silke gerade dann eine sehr aufrechte Körperhaltung, die tiefe Atemzüge nicht zulässt. Silke sollte sich vom Atem, und damit der Verbindung zum Körper, tragen lassen. Das kann man in einer Atemtherapie lernen. Übung für den Alltag: Der Atem fließt tief in den Bauch, wenn Silke mit leicht rundem Rücken sitzt, die Hände zu Fäusten schließt und die Fersen leicht in den Boden drückt. Beim Druck auf die Fersen kommt der Atem, beim Loslassen fließt er hinaus. Sofortmaßnahme für Gleichmut in Gesprächen: Die Fingerkuppen von kleinem und Ringfinger gegeneinanderdrücken. Der Atem reagiert von selbst darauf. Hilfreich auch: Im geschlossenen Mund die Zunge nach oben umschlagen. So wird der Atem tiefer, ruhiger und zur Kraftquelle.

* www.atem-hoheluft.de

... und das hat's gebracht:

Nach einer Woche

Der Schminktermin hat mir großen Spaß gemacht. Niko Kazals Schminken war sehr kreativ und einfühlsam, als ob sie mir ein Schutzschild verpasst hätte. Absolut überraschend!

Darum habe ich mir sofort eine Creme gegen Rötungen gekauft und bin damit sehr zufrieden. Ich benutze sie als Grundierung, wenn ich weiß, dass eine Situation auf mich zukommt, in der ich rot werden könnte. Durch das Make-up fühle ich mich tatsächlich geschützt, eine völlig neue und tolle Erfahrung.

Ebenfalls neu: Wie sehr der Atem das eigene Empfinden steuern kann. Die Atempädagogin strahlt eine Ruhe aus, von der vielleicht auch ich profitieren kann. Anstrengend an dem Treffen war, meine Persönlichkeit so offen preiszugeben. Aber ich möchte mich darauf einlassen und werde versuchen, die Tipps in den Alltag zu integrieren.

Ganz besonders erfrischend und bestärkend finde ich die systemische Therapie, weil hier auf meine positiven Eigenschaften geblickt wird, weil ich im Hier und Heute betrachtet werde und niemand in meiner Vergangenheit herumwühlt. Die Therapeutin bietet mir Ideen an, wie ich mit meinem Problem umgehen kann. Es ist eine Art Buffet, von dem ich mir meine Lieblingsspeise aussuchen darf. Das Essen muss in meinen Speiseplan passen, und ich darf auch sagen, wenn es mir nicht schmeckt.

Nach einem Monat

Die Atemtherapie ist eine langfristige Sache, auf die ich mich intensiver einlassen müsste. Vielleicht sorgt das für eine innere Blockade, ich frage mich: Langfristig, zeitintensiv, wohin mit den Kindern? Auf die Übungen selbst aber spreche ich gut an und finde es beeindruckend, dass ich mit Kleinigkeiten wie der Faust oder der umgeschlagenen Zunge schon Wirkungen erreichen kann. Diese Tricks verändern den Atem sofort und lassen mich gefestigt und gelassener sein.

Für wichtige Termine setze ich meine "grüne Paste" mittlerweile ganz selbstverständlich ein. Zwar kam ich mir anfangs im Bad mit der grünen Nase etwas lächerlich vor, habe dann aber mit einem wunderbar sicheren Gefühl das Haus verlassen. Besonders bei beruflichen Terminen verleiht mir die Schminke ein gutes Gefühl. Eine neue und recht entspannende Erkenntnis ist, dass das Erröten gar nicht so negativ ist, ich es auch positiv besetzen kann. Und auch die Handlungstipps, z. B. die Röte als Monster zu sehen, das ich wegsperren kann, haben mir geholfen.

Bei einem Elternabend allerdings schlug meine Stimmung mal wieder um. Ich hatte Sorge, mich zu blamieren, fürchtete, alle wären gegen mich und wurde knallrot. Trotz des brauchbaren Rüstzeugs habe ich also noch keine Allzweckwaffe gefunden. Dennoch bin ich sehr dankbar für das Konzept: "Es gibt ein Problem - also kann ich eine Lösung finden." Diese Sichtweise hilft mir sehr. Ebenso der Gedanke, dass mir die Leute wahrscheinlich sehr viel wohlgesinnter sind, als ich es annehme. Insgesamt fühle ich mich aufgeräumter. Wo vorher nur Chaos war und die dauernde Angst vor der Angst, fühle ich mich jetzt klarer und strukturierter. Ich glaube nicht, dass ich nie wieder rot werde, aber ich mache mir das Leben dadurch nicht mehr so schwer. Entweder entziehe ich mich der Situation oder teste eine der neuen Handlungsmöglichkeiten. Das entspannt mich. Rote Nase hin oder her, die sieht ja jetzt sowieso keiner mehr.

Was passiert beim Rotwerden?

Erröten ist ganz normal - es ist eine Abkühlreaktion des Körpers: Wenn einem vor Aufregung ganz heiß wird, weiten sich die Blutgefäße, dadurch fließt mehr Blut an der Körperoberfläche und die Temperatur sinkt. Bei Menschen, die leicht rot werden, fließt das Blut einfach langsamer wieder aus dem Gesicht zurück als bei anderen, deshalb wird das Erröten sichtbar. Im 18. Jahrhundert übrigens galten Frauen, die leicht erröten, als ganz besonders reizend.

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Wer hier schreibt:

Stefanie Wiggenhorn
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