Präventionsreisen: Urlaub auf Kassenkosten

Entspannen, gesund schlemmen, sich bewegen - eine Präventionsreise tut gut. Und an den Kosten für den Kurztrip beteiligt sich die Krankenkasse.

Wir liegen im Strandkorb, blinzeln gegen die Sonne. Hinter uns: die Nordsee. Über uns: strahlend blauer Himmel. Zwischen uns: eine Packung Schokokekse. Mann, geht's uns gut. Helene grinst und sagt: "Wenn jetzt der Mann von der Krankenkasse kontrollieren kommt!"

Urlaub auf Kosten der Krankenkasse - das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Präventionsreisen heißen solche Angebote, bei denen die Kassen bis zu 150 Euro pro Woche zuschießen. Anbieter wie Dr. Holiday, Tui Vital oder Gesundheit und Reisen haben sich auf diese Art des Reisens spezialisiert.

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Unsere Tage in St. Peter-Ording, drei Übernachtungen mit Halbpension im Vier-Sterne-Hotel, kosten uns nur 116 Euro pro Person. Krank muss man nicht sein, damit die Krankenkasse den Zuschuss zu einer solchen Reise übernimmt. Schließlich geht es darum, Krankheiten zu verhindern und Anregungen zu liefern für ein bewussteres, gesünderes Leben. Das soll langfristig Kosten sparen.

Als aber am nächsten Morgen um halb 8 der Wecker klingelt, ist klar: Wir sind nicht zum reinen Vergnügen hier. In einer Stunde steht Nordic Walking auf dem Programm. Im Alltag belächele ich die Stöckchenläufer, wie wir sie im Freundeskreis spöttisch nennen, gleich werde ich selbst eine von ihnen.

Aber es hilft nichts, schließlich ist Schwänzen nicht drin: Wer weniger als 80 Prozent des Kursprogramms besucht, bekommt den Zuschuss gestrichen. Für uns heißt das: in den nächsten Tagen dreimal Nordic Walking, dreimal Progressive Muskelentspannung, jeweils eineinhalb Stunden lang.

Also raus aus dem Bett und rein in die Laufklamotten. Unsere sechs Mitreisenden, allesamt deutlich über 50, warten schon, tauschen sich aus über Aktivwochen in Fischland, Wassergymnastik-Kurse und den Fitnessführerschein, alles auf Kosten der Kasse. Erfahrene Präventionstouristen, wie es scheint.

Und erfahrene Nordic Walker, die uns im Dünenwäldchen gnadenlos abhängen, während Helene und ich mit Stöcken und Technik kämpfen. Rechtes Bein, linker Arm, beim Abstoßen die Hand öffnen und wieder zugreifen. Trainerin Linde korrigiert geduldig unsere Fehler; bei Präventionsreisen sind ausgebildete Kursleiter immer dabei.

Obwohl es kühl ist - die Sonne steht noch tief -, wird uns durch die Anstrengung warm. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass Nordic Walking gar nicht so peinlich ist, wie ich dachte. Und dass es sich verdammt gut anfühlt, im Urlaub mal nicht bis mittags im Bett zu liegen.

Nach eineinhalb Stunden haben wir uns müde gewalkt - und hungrig. Hoffentlich gibt es nun was Handfestes zum Frühstück! Zum Glück macht das Büffet nicht nur die Obst-und-Müsli-Fraktion glücklich. Wir essen uns satt an Rührei mit Schinken, Croissants und Muffins mit Schokostückchen. Ob der Krankenkassen-Mann das wohl weiß?

Am Nachmittag steht dann Progressive Muskelentspannung auf dem Plan. Was sich wohl hinter dem reichlich sperrigen Kurstitel verbirgt? Kurze Zeit später wissen wir mehr: In einem kühlen Trainingsraum liegen wir auf Matten, die Augen geschlossen, und befolgen die Anweisungen von Trainerin Nadine. "Die Waden anspannen... halten... und lösen." Auf diese Weise kommt jeder Körperteil an die Reihe.

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Irgendwann zwischen dem Po und dem Bauch muss ich wohl eingedöst sein; als Nadine nach dem Kurseinheit fragt, wie es uns gefallen hat, bekenne ich verlegen. Ihre Antwort: Macht nichts, Einschlafen ist ein Zeichen dafür, dass ich mich erfolgreich entspannt habe.

Das habe ich tatsächlich! Am Tag nach meinem Kurztrip bekomme ich auf dem Weg zur Kantine Komplimente von gleich drei Leuten, weil ich so erholt aussehe. Und nach Feierabend kaufe ich mir gleich als erstes einen iPod - walken kann man schließlich auch in Hamburg im Stadtpark. Muss ja nicht mit Stöckchen sein.

Präventionsreisen: Was zahlt die Kasse?

Einmal im Jahr darf jeder gesetzlich Versicherte eine Präventionsreise in Anspruch nehmen. Die Krankenkasse zahlt bis zu 150 Euro, die Anreise muss man selbst organisieren und finanzieren. Die Reisen werden oft in landschaftlich reizvollen Gegenden angeboten, etwa im Allgäu, auf Rügen oder im Bayerischen Wald.

Damit die Kasse den Zuschuss zu der Reise gewährt, muss sie mindestens zwei verschiedene Elemente aus dem Baukasten Bewegung, Entspannung, Ernährung und Suchtprävention enthalten. Was genau geboten wird, hängt vom Veranstalter ab: etwa Nordic Walking, Wassergymnastik oder Wirbelsäulentraining, Yoga, Qigong oder Autogenes Training.

Die meisten Krankenkassen haben Direktverträge mit einzelnen Anbietern abgeschlossen. Wer dort bucht, zahlt gleich den verminderten Preis. Es ist aber auch möglich, mit anderen Anbietern zu reisen - am Ende des Programms gibt's ein Zertifikat, und wenn man das bei seiner Krankenkasse einreicht, bekommt man den Zuschuss nachträglich ausgezahlt. Wer auf Nummer Sicher gehen will, legt vorher das Programm des Veranstalters seiner Kasse vor.

Text: Angelika Unger Foto: look-foto

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