Wellness-Coach für die Seele

In den USA schon ein Trend und inzwischen auch bei uns angekommen: der Wellness-Coach, der Menschen ganzheitlich fit macht. Eine Leserin hat es für uns ausprobiert.

Kein Fitnessguru, kein Jobvorwärtsbringer, kein Ernährungsexperte, sondern ein bisschen was von allem ist er, der Wellness-Coach: eine Art Motivator, der Menschen dazu verhilft, ein glücklicheres und gesünderes Leben zu führen. Immer mehr US-Amerikaner, darunter viele stressgeplagte Manager, leisten sich einen solchen Rundum-Wohlfühl-Trainer bereits.

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Und auch Krankenschwester Jacqueline Reeck möchte sich und ihren Alltag verändern. Die 36-Jährige lebt mit Mann und dem gemeinsamen kleinen Sohn in Berlin und arbeitet im Schichtdienst einer großen Klinik. Ihr Wunsch: bessere Nerven, ein paar Kilo abnehmen - und vor allem endlich wieder mehr Zeit für sich. Heiko Werner, Wellness-Coach und diplomierter Sportwissenschaftler, hat sie knapp zwei Monate lang einmal wöchentlich zu Hause besucht und begleitet. Und beide haben für uns Tagebuch geführt.

1. Woche: Schichtdienst, Kind und keine Zeit für mich

Jacqueline: Klar, mein Leben ist hektisch! Jeden Tag eine andere Schicht, dazwischen den Kleinen - da fühl ich mich schon oft schlapp. Zum Glück unterstützt mich mein Mann. Aber auch er hat seinen Job als Krankenpfleger, und vor lauter Arbeit sehen wir uns momentan kaum noch. Zeit zum Sport oder einfach mal so für mich? Ich weiß gar nicht, wann das gehen sollte! Mit meinem Gewicht bin ich auch nicht so glücklich: Bei gut 1,70 Meter wiege ich knapp 70 kg. Das könnte schon weniger sein.

Heiko, der Coach: Schichtdienst und Kind - das bedeutet jede Menge Wirbel. Natürlich hat sie da keine Chance, noch regelmäßig ins Fitnessstudio oder zum Yoga zu gehen. Wir haben also erst mal gemeinsam überlegt, was denn überhaupt in ihren Alltag passen könnte. Dann habe ich einen Check-up gemacht, Körperfettanteil, Körperstatik, ihre Ausdauer sowie Muskelkraft gemessen. Jacquelines Vorteil: Sie ist ziemlich ausdauernd. Die Muskulatur, speziell im Rücken, könnte aber fester sein. Ihre Ernährung wirkt auf den ersten Blick okay. Aber gerade als Vegetarierin muss sie natürlich darauf achten, genug Eisen aufzunehmen.

Übrigens glaubt Jacqueline nur, sie sei zu dick, tatsächlich liegen Body-Mass-Index (BMI) und Körperfettanteil im normalen Bereich. Ich hab ihr davon abgeraten, zu viel zu wollen. Bei ihrem Job braucht sie schließlich Kraft. Aber sie will halt unbedingt ein bisschen abnehmen. Deswegen werden wir ein Ernährungsprogramm erstellen, das in ihren Alltag passt. Außerdem habe ich ihr eine Atemübung aus dem Hatha-Yoga gezeigt. Die ist ideal, um schnell abzuschalten, zum Beispiel nach der Arbeit.

3. Woche: Linsensalat und Atemübungen

Schnell gesund kochen: Coach Heiko Werner berät Jacqueline auch bei der Ernährung

Jacqueline: Die Atmung ist der Knüller! Fünf Minuten - und ich denke an nichts mehr. Als Hausaufgabe vom letzten Mal sollte ich ein Ernährungsprotokoll führen. Dabei habe ich gemerkt: Ich bin der totale Kaffee-Junkie. Außerdem esse ich viel zu unregelmäßig und trinke viel zu wenig Wasser. Vorgestern im Frühdienst zum Beispiel: um 6.15 Uhr den ersten Kaffee, nach vier Stunden Arbeit ein Brötchen, und das war's bis abends. Da hab ich dann allerdings wahllos alles in mich hineingeschoben, einen solchen Heißhunger hatte ich. Ohnehin futtere ich so einiges, was mir bis jetzt gar nicht bewusst war. Heiko hat mir zusammengestellt, wie eine vernünftige Ernährungswoche aussehen könnte. Klingt gar nicht so übel. Ich glaub, das schaff ich! Und mir hat es so gut getan, einfach mal zu bereden, wie mein ganz normales Leben denn eigentlich aussieht. Irgendwie hatte ich danach das Gefühl: Vielleicht bleibt irgendwann doch noch ein bisschen Zeit für etwas anderes als Job und Kind.

Heiko, der Coach: Unfassbar, was für ein Pensum die Frau bewältigt! Nächste Woche hat sie ein paar Tage Urlaub, und ich habe ihr geraten, ganz bewusst Zeit mit ihrem Mann zu verbringen. Die beiden geben sich augenblicklich nur noch die Klinke in die Hand. Heute zeige ich ihr noch ein paar Entspannungsübungen, mit denen sie schnell herunterkommt. Aufwändig kochen ist bei Jacquelines Lebensstil nicht drin, deshalb habe ich ihr ein paar schnelle Rezepte zusammengestellt: Linsensalat zum Beispiel. Den kann sie mit ins Krankenhaus nehmen, und er enthält viel Eisen. Ihrem Ernährungsprotokoll nach bekommt sie davon nämlich viel zu wenig, und das kann Energie-Level und Belastbarkeit senken.

5. Woche: Bauchübungen und Bügelwäsche liegen lassen

Jacqueline: Mist, die letzte Stunde musste ich absagen! Ich habe es einfach nicht geschafft. Mal früh, dann wieder spät in die Klinik: Da bin ich froh, wenn ich wenigstens mal ausreichend Schlaf bekomme. Heiko hat mir ein paar Pilates- Übungen gezeigt. Dabei geht es nicht nur um Sport, sondern auch darum, ein bisschen in sich hineinzuhorchen. Auch die Tiefen-Atem-Entspannung haben wir noch mal geübt. Und geredet haben wir auch wieder viel. Dadurch werden mir manche Dinge erst so richtig bewusst.

Also: Natürlich weiß ich, dass ich viel arbeite. Aber jetzt wird mir auch klar, wie ich wenigstens ab und zu innehalten kann. Das ist wirklich wichtig, und die Bügelwäsche bleibt dann eben mal liegen. Stimmt schon: Ich habe mir einen Lebensstil angewöhnt, der nur noch aus Geschwindigkeit besteht.

Heiko, der Coach: Ich habe den Eindruck, dass Jacqueline eine richtige Kämpfernatur ist. Sie kann schlecht zugeben, wenn ihr etwas über den Kopf wächst. Zwar wirkt sie ausgeglichen und fröhlich, aber manchmal glaube ich, dass sie ihren Stress überspielt. Realistisch betrachtet hat sie täglich am Stück nicht mehr als 30 Minuten für sich selbst!

Auch über ihren Körper haben wir uns heute wieder unterhalten. Speziell mit ihrem Bauch ist sie seit der Schwangerschaft unglücklich. Ich habe ihr vier einfache Kraftübungen gezeigt, die kann sie auch schnell zwischendurch machen.

8. Woche: Drei Kilo weniger, Fahrradfahren statt Walken

Jacqueline:Drei Kilo weniger! Und ich bilde mir ein, dass mein Bauch dank der Übungen schon ein bisschen flacher ist. Mit meiner Ernährung ist Heiko immer noch nicht ganz zufrieden. Ich schaffe es einfach nicht, regelmäßig zu essen - zum Beispiel wenn es im Krankenhaus mal wieder hektisch wird. Auch für den Rücken hat Heiko mir ein paar einfache Kräftigungsübungen gezeigt. Alle zwei, drei Tage für 20 Minuten üben - das müsste eigentlich klappen.

Heiko, der Coach: Ich habe mir heute mal demonstrieren lassen, welche Bewegungen Jacqueline in ihrem Job ausübt. Dabei hat sich gezeigt, dass sie ihren Rücken falsch beugt, etwa wenn sie etwas aufhebt. Und ihre rechte Seite belastet sie viel stärker als die linke. Darauf haben wir uns heute konzentriert.

Ich fände es gut, wenn Jacqueline zusätzlich noch zweimal die Woche walken könnte. Aber sie meint, das schafft sie einfach nicht. Immerhin fährt sie manchmal mit dem Fahrrad zur Arbeit, das sind dann hin und zurück auch gute 16 Kilometer. Wenn sie das dreimal wöchentlich macht, ist es auch okay.

Einen Monat später, das Fazit

Jacqueline: Die Pilates-Übungen mache ich noch, die Atemübung auch. Entspannung steht für mich momentan an erster Stelle. Mir ist klar geworden, wie stressig mein Leben eigentlich ist und dass es wichtig ist, auf mich zu achten: Deswegen gehört jede freie Minute jetzt mir.

Und ich habe fünf Kilo abgenommen! Mein Rücken fühlt sich viel besser an, weil ich darauf achte, auch mit meiner linken Körperseite zu arbeiten. Aber regelmäßigen Sport - das kriege ich einfach nicht hin. Dazu bräuchte ich immer noch Heikos Begleitung.

Heiko, der Coach: In acht Wochen kann man keine Wunder erwarten. Normalerweise begleite ich die Kunden etwa ein Jahr lang. So lange braucht es in der Regel, bis sich Verhaltensänderungen etablieren. Ich bin wirklich überrascht, wie gut Jacqueline manche Vorsätze durchgehalten hat. Beim Thema Sport müsste sie allerdings noch etwas für sich tun - das täte auch ihrer Seele gut.

Interesse? So finden Sie einen Wellness-Coach Die Ausbildung zum Wellness-Coach unterliegt noch keinen verbindlichen Regeln. "Da tummeln sich auch alle möglichen unseriösen Anbieter", warnt Lutz Hertel, Vorsitzender des Deutschen Wellnessverbandes. Fragen Sie also genau nach, welche Ausbildung und wie viel Erfahrung der Coach hat. Welche Qualifikationen wichtig sind, erfahren Sie zum Beispiel unter http://www.wellnessverband.de. Das Honorar ist Verhandlungssache. Üblich sind etwa 80 bis 100 Euro pro Termin plus Mehrwertsteuer.

Fotos: Henrike Hannemann Text: Anne-Bärbel Köhle Ein Artikel aus der BRIGITTE 1/09
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