Yogastile und ihre Vorzüge - Anna Trökes im Gespräch

Yoga stärkt Körper und Seele gleichermaßen - mit ganz verschiedenen Kursformaten. Yoga-Expertin Anna Trökes erklärt die vielfältigen Yogastile.

Yoga-Lehrerin Anna Trökes

BRIGITTE: Warum ist eigentlich alle Welt verrückt nach Yoga?

Anna Trökes: Yoga ist die Wissenschaft vom Menschen: wie funktionieren Geist und Psyche und wie hängen Atem und Körper damit zusammen. Yoga löst die inneren Knoten und Anspannungen, lässt dich Abstand zu den Dingen gewinnen, lehrt dich, bei dir zu bleiben - du wirst gelassener. Jeder Mensch, der Yoga ausprobiert, macht dabei ähnliche Erfahrungen.

Vinyasa, Iyengar, Sivananda, Flow oder Anusara-Yoga: weshalb gibt es diese schier unendliche Anzahl von Yogastilen?

Es gibt so viele Asanas (Übungen in der Yogapraxis) und Yogastile wie es Menschen gibt; so kann jeder seinen eigenen Zugang zum Yoga finden: einen Zugang zu etwas, das einem das Herz öffnet - ausreichende Angebote sind hier wichtig.

Worin bestehen die Unterschiede der Yogastile?

Die Stile sind wie ein alter Text in immer neuer Melodie: sie sind sozusagen Remixe der ursprünglichen Yogatraditionen: Das gute alte BEE GEEs Lied kommt mal als Salsa, mal als Reggae, mal als Dub-Version... Die Melodie bildet der Sonnengruß (eine festgelegte Folge von Yogaübungen) und das ganze Set der Asanas. Neben dem traditionellen, körperlich orientiertem Hatha Yoga (u.a. Iyengar, Asthanga, Jivamukti, Shivananda) gibt es die meditativen Stile, die sich unter dem Begriff Raja Yoga zusammenfassen lassen, eine Yogaform, die von Leuten angesteuert wird, die ihren Geist erforschen und Meditationen kennen lernen möchten. Die spirituelleren Richtungen des Vedanta, des Bhakti Yoga basieren auf der absoluten Hingabe an Gott oder einem Guru.

Wie finde ich für mich den passenden Yogastil?

Ausprobieren. Was für den einzelnen passt, ist eine Frage der Persönlichkeitsstruktur. Wenn ich beispielsweise in meiner ersten Yogastunde zum Bikram Yoga käme, in einen heißen Raum, wo ich nicht raus und nicht die Fenster öffnen darf, würde ich persönlich die Krise kriegen und mit Yoga aufhören. Reines Asthanga-Yoga wäre für mich viel zu sportlich, darum ist es gut, dass es auch Yoga Flow gibt, das in die Asthanga Richtung geht, aber körperlich nicht so anspruchsvoll ist. Eine Person, die Iyengar Yoga macht, sucht die strengen Formen, die Präzision und die ständige Wiederholungen der Übungen - andere macht das verrückt.

(Anm. d. Red.: Eine Liste der Yogastile finden Sie hier:Yogastile

Auffallend viele der modernen Stile haben sich in den USA entwickelt - beruhen auch diese noch auf einer gemeinsamen Yogatradition?

Viele Yogalehrerinnen und -lehrer, die heute im Westen bekannt sind, entstammen der indischen Tradition von Krishnamacharya, die vor allem durch seinen Sohn Desikachar und weitere Schüler fortgeführt wurde: zum Beispiel B.K.S. Iyengar, Begründer des Iyengar Yoga. Sehr verbreitet ist auch der Stil von Swami Sivananda, dessen Sivananda Yoga die so genannte Rishikesh Reihe als feste Übungsabfolge beinhaltet. Aus dem von Sri Krishna Pattabhi Jois gelehrten Asthanga Yoga entwickelte sich zum Beispiel in den Staaten das Power Yoga - andere Yogastile, die sich in den USA entwickelt haben, sind: Anusara Yoga, Yoga Flow, Jivamukti Yoga, ...

Gibt es einen erkennbaren Unterschied in der amerikanischen und europäischen Praxis?

Ich finde nicht - ich war viel in Amerika unterwegs und habe bei amerikanischen Lehrern gelernt; die geltenden Vorurteile, dass die amerikanische Yogapraxis nur körperoptimierend und oberflächlich ist, kann ich nicht bestätigen - ganz im Gegenteil: viele großartige Yogapersönlichkeiten sind in den USA unterwegs, z.B. Gurmukh Kaur Khalsa (Kundalini Yoga), John Friend, der in den 70er Jahren Anusara entwickelte, Shiva Rea, die Begünderin des Prana Flow - Energetic Vinyasa Yoga oder Rodney Yee - die sind alle Wow!

Worin besteht die "Einheit in der Vielfalt", von der im Yoga oft die Rede ist?

Es geht beim Yoga darum, dass der Mensch zu sich und seinen Ressourcen findet, dass er nicht immer im Draußen sucht, sondern im Innen findet, was ihn zufrieden, was ihn glücklich macht - Yoga ist ein Ressourcen-Orientiertes Modell. Die inneren Ressourcen, die man entdeckt und mit denen man sich verbindet und die für einen selbst dann auch wirklich immer zugänglich sind: deswegen wirkt Yoga auch so gut bei Stress. Die Auswahl aus der Vielfalt erlaubt mir den Zugang zu meinen Ressourcen und zur Einheit.

Yoga hat sich in den letzten Jahren immer wieder verändert - wohin?

Yoga beobachtet, was brauchen die Menschen - jetzt gerade. Derzeit ist zum Beispiel die so genannte "Wirtschaftskrise" auch in den Yogaschulen ein Thema: Was bedeutet sie für den Einzelnen? Können wir dagegen steuern? Im traditionellen indischen Yoga war die Ausrichtung auf die eigenen Ressourcen nicht so stark ausgeprägt, aber im europäischen und amerikanischem Yoga wurde und wird dieses Thema ganz stark aufgegriffen und ausgearbeitet. Der Gesundheitsaspekt des Yoga war schon immer da und speziell Hatha Yoga ist seit Jahrhunderten eng mit der Lehre des Ayurveda verbunden. Die modernen Yogis haben den Gesundheitsaspekt noch ein bisschen mehr unter die Lupe genommen und mit der Rückenschule, Spiraldynamik, Pilates, Feldenkrais und weiteren Methoden kombiniert, um den Menschen zu helfen, ihren Körper gut zu behandeln. Das geht nur durch ständige Selbstreflexion des Lehrers und natürlich dann des Schülers.

Wo liegt heute Ihr persönlicher Schwerpunkt und was ist für Sie das Wichtigste?

Seit vielen Jahren arbeite ich mit dem Yoga Sutra von Patanjali (die traditionellen Lehren des Yoga), das wie ein "Manual" für die Stunden benutzt werden kann: Ich unterrichte Prana Yoga, das auf den Quellentexten des Hatha-Yoga aufbaut: Mein persönliches Interesse liegt eindeutig bei der Lebensenergie: Prana. Beides ergänzt sich zu einem vollkommenen System. Das Wichtigste ist, aus einem Leben, das sich immer weiter zu zersplittern droht, eine Einheit in mir zu finden - einen Punkt in mir, an dem sich alles sammelt und zusammen fügt. Wenn ich den habe, kann ich auch wieder auf allen Hochzeiten tanzen.

Zur Person: Anna Trökes

... unterrichtet seit mehr als 30 Jahren Hatha-Yoga in ihrem eigenen Yogastudio, der "Prana Yogaschule" in Berlin Charlottenburg, wo sie auch Lehrerausbildungen anbietet. Sie ist Mitglied des BDY (Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland) und Mitbegünderin der "Deutschen Akademie des Yoga der Energie". Sie ist Autorin zahlreicher Yogabuch-Klassiker und Herausgeberin der DVD "Yoga für einen gesunden und starken Rücken".

Interview: Nicole Reese
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