Yoga als Medizin

Yoga ist Entspannung. Richtig. Yoga ist Sport. Okay. Yoga ist Medizin. Wirklich? Ja, sagen immer mehr Ärzte weltweit und erforschen das Geheimnis der kraftvollen Bewegungen.

Eine Stunde Yoga statt Antibiotika. Meditative Übungen statt Betablocker gegen Bluthochdruck. Atmen gegen Asthma. Eine großartige Vorstellung: Wir gehen zur Yoga-Schule statt zum Arzt. Yoga-Übungen - Asanas - auf Rezept: hoch wirksam, aber ohne Nebenwirkungen. Abgesehen von gestrafften Formen und einer besseren Haltung. Denn Yoga heilt. Das zeigt zum Beispiel eine Auswertung internationaler Studien über koronare Herzerkrankungen, die an der Universität Exeter durchgeführt wurde. Ergebnis: Mit Yoga lassen sich Risikofaktoren wie erhöhte Blutfettwerte und Übergewicht verringern. Auch bei Gefäßverengungen und Angina pectoris zeigen sich Yoga-Programme als wirksame Therapie. Sicher ist: Blutwerte verbessern sich, Hormonspiegel steigen, Muskeln entspannen, Gelenke laufen wie geschmiert, und das Immunsystem setzt Viren und Bakterien unter Feuer, sobald Yoga in den Heilungsplan aufgenommen wird. Besonders Erfolg versprechend, so zeigen neue Forschungsergebnisse, ist Yoga deshalb als Medizin genau gegen jene Erkrankungen, die unsere Zivilisationsgesellschaft massenhaft hervorbringt: Schmerzen am Bewegungsapparat, Stoffwechselstörungen, Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein geschwächtes Immunsystem und psychische Leiden. Und immer beliebter wird Yoga deshalb auch im Umgang mit allen jenen Aspekten von Frauengesundheit, bei denen es darauf ankommt, das komplizierte Wechselspiel von Körper und Seele neu auszubalancieren: bei Menstruationsproblemen, ungewollter Kinderlosigkeit, in der Schwangerschaft und in den Wechseljahren. Hunderte von Studien und Literaturhinweisen finden sich allein zu diesen Themen in der Datenbank des Internationalen Verbandes der Yoga-Therapeuten.

Wirkung und Erfolge? Es gibt Beweise

Der Leipziger Mediziner Dietrich Ebert, der schon in den 80er Jahren begonnen hat, über Yoga als Therapie zu forschen, und heute darüber eine Vorlesung an der Universität hält, ist von den physiologischen Wirkungen überzeugt: "Es gibt genug wissenschaftliche Grundlagen, die dafür sprechen." Nachgewiesen wurden diese zum Beispiel in einer aktuellen Studie an der Universität Greifswald: Nach einem zehnwöchigen Hatha-Yoga-Kurs zeigte sich bei den studentischen Teilnehmern eine deutliche Verbesserung des so genannten Baroreflexes, einer wichtigen Funktion für die Regulation des Herz-Kreislauf-Systems. Und das war nicht einfach eine Folge der sportlichen Ertüchtigung: "Eine vergleichbaren Gruppe, die Aerobic machte, zeigte eine solche Wirkung nicht", erklärt Dr. Ulrich Ott, der am Institut für Psychobiologie und Verhaltensmedizin an der Uni Gießen die Wirkungen von Yoga und Meditation erforscht. Yoga ist also gesund. Aber heilt es auch Krankheiten? Die meisten Studien dazu kommen aus Indien, wo es heute Kliniken gibt, in denen schulmedizinische Therapien und Jahrtausende alte Yoga-Traditionen kombiniert werden. So führten etwa Wissenschaftler in Bangalore regelmäßig yogische Atemübungen (Pranayama) mit Tuberkulosepatienten durch, und zwar als Ergänzung zur Behandlung mit Antibiotika. Nach zwei Monaten, so eine 2004 publizierte Studie, waren bei 80 Prozent der Patienten keine Erreger mehr nachweisbar; in der Kontrollgruppe, die ausschließlich mit Antibiotika behandelt wurde, war das bei nur 20 Prozent der Fall. Aber nicht nur in Indien werden heute die therapeutischen Wirkungen von Yoga erforscht. Ärzte in Großbritannien fanden jetzt heraus, dass spezielle Yoga-Atemübungen die Symptome bei Asthma mildern. Und in den USA erkannten Wissenschaftler im April, wie Yoga bei der Behandlung von Depressionen wirkt: Die Teilnehmer einer Pilotstudie fühlten sich nach einem mehrwöchigen Yoga-Kurs deutlich besser und hatten weniger Angstzustände als Probanden einer Vergleichsgruppe. Ein reiner Placebo-Effekt? Wohl kaum. Denn bei den Teilnehmern der "Yoga-Gruppe" war auch eine deutlich erhöhte morgendliche Ausschüttung des "Stresshormons" Cortisol nachweisbar: Es sorgt dafür, dass wir auch in Belastungssituationen über genügend Energie verfügen. Die Wissenschaftler empfahlen daraufhin dringend weitere Studien.

Yoga, ärztlich verordnet

Für eine Verordnung von Yoga als Therapie muss man glücklicherweise nicht nach Indien, Großbritannien oder in die USA reisen. Auch bei uns wächst die Zahl der qualifizierten Yoga-Therapeuten. Die Ärztin Dr. Imogen Dalmann und ihr Kollege Martin Soder etwa betreiben in Berlin eine Praxis, in der als Therapie ausschließlich Yoga verordnet wird - individuell angepasst an jedes einzelne Gesundheitsproblem. Mit Rücken- und Gelenkschmerzen, Bluthochdruck oder Magengeschwüren kommen die Patientinnen und Patienten zu ihnen ins Yoga-Zentrum. Imogen Dalmann musste sich angesichts solcher Krankengeschichten anfangs erst einmal abgewöhnen, gleich nach den Befunden und Röntgenbildern zu greifen: "Wir Schulmediziner müssen da umdenken, Dinge verlernen, die wir gewohnt sind. Weil die Schulmedizin sich an Krankheiten orientiert, nicht an den Personen, die davon betroffen sind." Bei der Yoga-Therapie ist es genau anders herum: Sie orientiert sich am ganzen Menschen. Nicht Krankheiten oder Problemzonen, sondern die Mobilisierung eigener Kraftreserven und Fähigkeiten stehen im Mittelpunkt. Deshalb gibt es für niemanden ein fertiges Rezept. Jedes Programm erstellen die Berliner Yoga-Ärzte individuell und erproben es mit der einzelnen Patientin, dem einzelnen Patienten. "Viniyoga" nennt sich diese Methode. Die Bewegungsabläufe sind ergreifend einfach; nicht der Mensch passt sich den Übungen an, sondern die Übung - das so genannte Asana - dem Menschen. Die Wirkung steht im Vordergrund, nicht die Perfektion der Ausführung. Niemand muss einen formvollendeten Lotussitz können. Denn Akrobatik kann schaden - selbst Gesunden. "Den Kopfstand empfehlen wir niemandem", sagt Dalmann. Geübt wird nicht nur im Yoga-Zentrum, sondern auch zu Hause. Das eigenverantwortliche Training klappt sehr gut - auch zur Überraschung der beiden Therapeuten. "Anfangs haben wir nicht geglaubt, dass das funktioniert." In der Sprechstunde berichten die Patientinnen und Patienten über ihre Erfahrungen, entwickeln gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt ihr individuelles Übungsprogramm. Regelmäßigkeit ist entscheidend, um eine nachhaltige Wirkung zu erzeugen: "Nach drei Monaten muss sich erkennbar etwas an den Symptomen bessern", sagt Dalmann. Oft gelinge das sogar deutlich früher.

Gesundheit neu ausloten

Den eigenen Weg finden, die individuellen Erfahrungen ernst nehmen - das ist wichtig, wenn Yoga seine gesundheitlichen Wirkungen entfalten soll. Doch das macht es auch schwierig, allgemeingültige Ergebnisse über seine Wirkung vorzulegen. Denn Yoga wirkt nicht wie Aspirin oder Antibiotika, wie ein Medikament, das Krankheitserreger angreift oder Nervenzellen betäubt. Er kann, wie der Psychophysiologe Ulrich Ott erläutert, vielmehr "einen massiven Stimulus setzen, um körpereigene Systeme wieder ins Lot zu bringen". Zu den wichtigsten Wirkungen gehört dabei die Entspannung - und die zeige sich unter anderem "an einer verlangsamten Atmung, einer Senkung von Herzrate und Blutdruck und einer niedrigeren tonischen Muskelspannung. Wohlgemerkt: nach Beendigung des Trainings." Wie schnell solche Wirkungen positiv spürbar werden, zeigt eine aktuelle Studie aus Deutschland: Yoga wurde in diesem Fall als Entspannungsmethode in der betrieblichen Gesundheitsförderung eingesetzt. Innerhalb von vier Wochen nahmen die Gelassenheit und das Selbstvertrauen der Teilnehmer deutlich zu. Geübt wurde lediglich eine Stunde pro Woche. In einer aktuellen amerikanischen Studie wurden solche Effekte sogar mit Hilfe moderner Medizintechnik belegt: Nachdem sie acht Wochen lang durchschnittlich eine halbe Stunde pro Tag Yoga und Meditation betrieben hatten, waren bei den Teilnehmern deutlich mehr positive Emotionen nachweisbar - gemessen anhand von Hirnströmen im EEG. Auch die Immunabwehr, getestet mit einem Grippevirus, fiel in der "Yoga-Gruppe" deutlich kräftiger aus als in einer Vergleichsgruppe. Als allgemein vorbeugende gesundheitsfördernde Maßnahme wird Yoga hierzulande aufgrund solcher Erfolge von den Krankenkassen auch unterstützt. Wer Yoga als Medizin gegen eine Krankheit braucht, kann aber mit Kassenleistungen noch nicht rechnen. Selbstbeteiligung und Selbstverantwortung sind beim Yoga also gefragt, und das nicht nur in finanzieller Hinsicht. Denn Gesundheit wird nicht als ein Zustand verstanden, sondern als Gleichgewicht, das fortwährend ausbalanciert werden muss - und auch werden kann. Dennoch: Yoga ist kein Wundermittel. Bei manchen schweren Erkrankungen wird die Wirkung möglicherweise darin bestehen, dass der Erkrankte mit den Belastungen der Krankheit oder der schulmedizinischen Therapie bedeutend besser klarkommt, physisch und psychisch. Denn Yoga besteht nicht nur aus nachvollziehbaren körperlichen Übungen, sondern stellt ein mehrstufiges und vielschichtiges philosophisches System dar, das auch Atemübungen, Meditation, Reinigungsrituale und Verhaltensregeln umfasst.

Geduld wird belohnt

Diese Komplexität überfordert oft nicht nur Yoga-Neulinge, sondern auch Ärzte und unser Gesundheitssystem. Aber gerade weil Yoga verschiedene Dinge zusammenbringt wie Konzentration, Atem und Bewegung, so vermutet Imogen Dalmann, bleiben die meisten, die damit anfangen, auch dran: "Auf einer dieser Ebenen scheint man jeden Menschen zu erreichen, findet jeder etwas, das ihm Spaß macht." Yoga fordert also nicht nur eine Selbstbeteiligung am Heilungsprozess, sondern fördert sie auch. Dennoch ist Geduld ein wichtiger Bestandteil, Geduld und Akzeptanz auch sich selbst gegenüber. Neben einem guten Lehrer wird diese Haltung immer dort genügen müssen, wo die Wissenschaft keine Empfehlungen aussprechen kann, noch nicht oder vielleicht nie. Körper, Geist und Emotionen des Menschen wirken auf eine komplexe Weise zusammen, schreibt der US-amerikanische Mediziner Timothy McCall im "Yoga Journal". Die Wissenschaft beginne gerade erst, dies zu begreifen.

BRIGITTE 09/05
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