Ist Yoga auch etwas für schwere Menschen?

Viele Übergewichtige wissen nicht, ob sie Yoga praktizieren können. Warum sich Yoga gerade für Menschen mit mehr Körper eignet: Ein Gespräch mit Yogalehrerin Tina Sunita Huber.

BRIGITTE: Frau Huber, Sie unterrichten Yoga für Menschen mit mehr Körper, wie Sie sagen. Wie kamen Sie dazu?

Tina Sunita Huber: Ich wohne auf dem Land, meine Yogagruppen waren schon immer sehr gemischt: jung, alt, dünn, dick - alles Mögliche. Oft bekam ich Anrufe mit Nachfragen wie: "Ich bin ein bisschen rundlicher, kann ich trotzdem Yoga machen?" Meine Antwort lautete dann immer: "Ich glaube, wir sollten uns kennenlernen."

Weil ...

Ich mit einer satten Kleidergröße 46 selbst als übergewichtig gelte. Ich habe festgestellt, dass schwere Menschen sich häufig in eine selbstgewählte Isolation bringen, was Bewegung und Sport in Gruppen angeht. Die meisten sitzen Zuhause, haben irgendeine DVD, trainieren damit - und am nächsten Tag tut ihnen alles weh und sie lassen es bleiben. Gemeinsam mit anderen bewegen sie sich eher nicht.

Seit bereits zehn Jahren unterrichtet Tina Sunita Huber Yoga in ihren eigenen Studios im hessischen Bad Schwalbach und Michelbach. Da sie von vielen Übergewichtigen gefragt wurde, ob sie überhaupt Yoga praktizieren können, entwickelte Huber "BIG InnerSmile", eine Yogaform für übergewichtige Menschen - mit sanften und aufrichtenden Übungen sowie Meditation und Selbsterfahrung. Das Programm zeigt sie auf der Big-Yoga DVD. Neben den Kursen bietet sie Yoga für Übergewichtige als Wochenend-Retreat und ab 2015 auch als Yogareise an. Zudem gibt sie Seminare.

Aus Scham?

Ja. Wenn Sie 100 Kilo wiegen und in einen Yogakurs gehen, sind Sie meist von schlanken und augenscheinlich fitten Menschen umringt. Dann fühlen Sie sich wie ein Walross unter Gazellen - und kommen nicht wieder. Was hinzukommt: Gehen Sie mal mit Kleidergröße 48 in ein Sportgeschäft. Sportklamotten in dieser Größe sind schlicht und ergreifend nicht vorgesehen. Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht und sie wurde mir auch häufig zurückgemeldet. Ich unterrichte auch Yoga in Firmen. Beim ersten Kennenlernen bekomme ich oft ein erstauntes "Ach, Sie sind die Yogalehrerin?" zu hören. Offensichtlich wird Yoga mit jung, schlank, esoterisch und elfenhaft in Verbindung gebracht. Dabei kann Yoga insbesondere übergewichtigen Menschen den Zugang zu Bewegung und zu einem besseren Körperbewusstsein erleichtern.

Warum gerade Yoga und nicht etwa Walken?

Beim Yoga geht es nicht nur Körperübungen. Es wirkt auch stark auf der mentalen Ebene, verbessert die Selbstachtung und regt zur Selbstreflexion an: Wo stehe ich? Was ist mit meinem Körper los? Schon mehrere meiner Kursteilnehmer sind nach einiger Zeit zu mir gekommen und haben gesagt: "Stell dir vor, ich habe mich wieder im Fitnessstudio angemeldet."

Was sollten Übergewichtige beachten, wenn sie Yoga machen wollen?

Grundsätzlich empfehle ich jedem, egal wie dick er ist, zu einer Yogaschule mit zertifizierten Lehrern zu gehen und dort eine Schnupperstunde mitzumachen. Dann merkt man recht schnell, ob einem die Studioatmosphäre und die Art des Unterrichts gefällt. Ein guter Yogalehrer wird passende Stunden in seinem Repertoire anbieten - etwa Rücken-Yoga oder andere sanfte Yoga-Stunden, bei denen die Übungen länger gehalten werden.

Worin unterscheidet sich ein Yoga-Programm für schwere Menschen von einem Kurs, wie er etwa in einem Fitnessstudio angeboten wird?

Die klassischen Übungen aus dem Hatha-Yoga werden ein wenig modifiziert. Manchmal ist Speck hinderlich - wenn man etwa um sich herumgreifen möchte. Auch die sitzende Vorwärtsbeuge mit lang nach vorn gestreckten Beinen kann jemand mit einem großen Bauch schlecht ausführen. Dann machen wir diese Übung in der Grätsche. Die fließenden Übergänge, wie Sie oft in Fitnessstudios gemacht werden, üben wir auch - aber viel langsamer. Ein übergewichtiger Mensch würde die Übungen in einer Power-Yoga-Stunde vielleicht hinkriegen, hätte aber nach zehn Minuten Schnappatmung und wäre frustriert.

Was kann Yoga für Menschen mit Übergewicht leisten?

Die richtig ausgewählten Übungen wirken gelenkschonend, dehnend und regen den Stoffwechsel an. Außerdem verbessern sie die Körperhaltung, was für schwere Menschen ungemein wichtig ist. Yoga richtet sie innerlich und äußerlich auf. Viele Teilnehmer sind erstaunt, was ihr Körper alles kann. Es ist mitnichten so, dass Übergewichtige weniger gelenkig sind als schlanke Menschen. Ganz im Gegenteil! Athletische Menschen haben oft stark verkürzte Muskeln. Übergewichtige dagegen sind oft recht gelenkig. Es stärkt ihr Selbstbewusstsein, zu sehen, dass sie viele Übungen auch mit 90 Kilo gut hinbekommen. Damit kehrt auch die Lust auf Bewegung zurück - und die Selbstachtung steigt!

Nicole Wehr

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