Einfach nur sein ist gar nicht so einfach

Zusammenkommen und "einfach sein" - darum ging es beim Yogafestival im Kulturpark Kladow bei Berlin. Als Nicht-Yogi eine echte Herausforderung. Ein Erfahrungsbericht.

Während ich die Heringe in den warmen Rasen ramme, lote ich im Kopf schon mal die Optionen für den ersten Programmpunkt aus: Wenn ich mich beeile, schaffe ich es vom Zeltplatz pünktlich aufs Festivalgelände, um einen der 14-Uhr-Kurse mitzumachen. Aber welchen? Mantrayoga? Yantra Yoga? Oder doch lieber Iyengar Yoga? Ich entscheide mich für letzteren, schnappe mir Wasser und Matte, stapfe los - und habe damit den Sinn dieses Festivals schon völlig verfehlt.

Denn das größte Open Air Yogafestival Europas, das in diesem Jahr im Kulturpark Kladow bei Berlin sein zehntes Jubiläum feiert, steht unter dem Motto "Einfach Sein". In der Festivalzeitung antwortet einer der Gastsprecher auf die Frage, was für ihn "einfach sein" im yogischen Denken bedeutet: "Übe, meditiere, erinnere, praktiziere - und der Rest folgt von selbst." Davon bin ich noch weit entfernt. Meine Erfahrungen mit Yoga beschränken sich auf die Power-Yoga-Kurse im Fitnessstudio und einige Stunden Bikram Yoga - beides mehr Machen als Sein. Meine Freundin Sandra dagegen hat das mit dem Sein schon ganz gut raus. Sie hat das aber auch in Indien gelernt und bringt es als Teilzeit-Yogalehrerin anderen bei.

Statt also wie ich auf der Autofahrt über das unübersichtliche, vollgepackte Programm zu mosern, geht sie mit ihren Bekannten vom Acroyoga erstmal eine Runde in der Havel schwimmen, um anschließend ihr eigenes Programm zu machen: Partnerakrobatik am Ufer. Zeitgleich stehe ich schwitzend auf der "Asana 2"-Wiese, lasse mir von Nanda Kumar die Wirkung seiner Übungen auf mein Verdauungssystem erklären - und ertappe mich dabei, wie ich darüber nachdenke, ob Yantra Yoga nicht vielleicht doch spannender gewesen wäre.

Yoga-Profi: Nach einer Yoga-Übung ist nichts mehr wie früher

Das ungute Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen, begleitet mich bis in den Abend hinein. Zusätzlich zu den Yogakursen (Yoga Integral, Nada Yoga, Sun Yoga, Triyoga Flow, Inner Yoga, Lachyoga, Yoga auf dem Stuhl - um nur mal ein paar zu nennen) gibt es Workshops ("Wie funktioniert ein Harmonium?"), Vorträge ("Wie die göttliche Liebe gelingt"), Konzerte ("New Hippie Music") und einen Marktplatz mit 70 verschiedenen Ständen - von Shiatsu-Massagen über Klangschalen bis zu Heilenden Steinen. Die Wahlmöglichkeiten überfordern mich. Der kreative Flow beim Shakti Dance will sich bei mir nicht einstellen. Ich kann mir die Mantren nicht merken und deshalb nur mitsummen. Und ich schaffe es nicht, meine Energie durch die Wurzelschleuse hinauf in meine sieben Hauptchakren zu schicken. Wo sitzt überhaupt meine Wurzelschleuse?

Ich kapituliere und geselle mich zu den Acroyogis ans Wasser, um mich in Gelassenheit zu üben. Alex erzählt mir, dass er seine Yogalehrerin einst durch eine Mitfahrgelegenheit kennengelernt hat und dass Meditation ihm aus einer schwierigen Phase geholfen habe. Ute hat das Acroyoga vor einem Burnout bewahrt, weil sie dabei komplett abschalten kann. "Du musst dich so sehr auf die Übungen konzentrieren - da hören die Gedanken einfach auf." Moni hat durch Reiki das Leben ihres kranken Hundes um Monate verlängern können. Holger, als Ingenieur eher rational veranlagt, schwört auf Kundalini Yoga und hat aus den buddhistischen Lehren viel Kraft gezogen. "Das Leid steckt immer nur in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Wenn du es schaffst, im Moment zu leben, geht es dir gut." Neben Yoga hat er die Chinesische Quantum Methode (CQM) für sich entdeckt, mit der er seine Mutter zuverlässig von Migräne befreien kann.

Zugegeben, einige der Anekdoten klingen etwas abgefahren. Andererseits bringen die Erzähler sie ziemlich glaubhaft rüber. So richtig reinfühlen kann ich mich in die spirituelle Welt trotzdem nicht. Vielleicht ist es auch zu ambitioniert, in zwei Tagen den Zugang zu meinem inneren Wesen finden, den Geist zur Ruhe bringen und mein Bewusstsein schärfen zu wollen. Dass alle entspannter sind als ich, gibt mir jedenfalls zu denken.

Als ich Sonntagabend mit Sonnenbrand und zerstochenen Beinen nach Hause komme, brummt mein Telefon: "Ich hoffe, es war nicht zu viel Eso für dich", schreibt Sandra. "Vielleicht ja nächstes Jahr wieder?" Gar nicht so abwegig, der Gedanke.

Wie bist du zum Yoga gekommen? Und was bringt es dir?

Seit 14 Jahren praktiziert M'barek Reiki. Zum Yoga kam er durch Zufall: Als er seine Eltern in Marokko besuchte, schwärmte ihm eine Urlauberin vom Berliner Yogafestival vor und machte ihn neugierig. Inzwischen organisiert M'barek Yogareisen in die Sahara. Einen Teil der Kosten investiert er in ein von ihm gegründetes Hilfsprojekt für sein Heimatdorf.

Normalerweise macht Nino Qi Gong. Das Yogafestival mag sie trotzdem - wegen des fröhlichen Miteinanders. Für sie ist Yoga eine Lebenseinstellung, bei der es nicht nur um die körperliche Fitness, sondern vielmehr um innere Gesundheit geht. "Erkenne dich selbst", steht auf der Frontseite ihres Shirts - denn dann geht es dir auch gut.

So oft es geht, beginnt Tamara den Tag mit einer 90-minütigen Yoga-Einheit. Das macht sie ruhiger und hilft ihr, in stressigen Situationen innerlich stabil zu bleiben. Vor einem Jahr hat sie begonnen, intensiv Anusara-Yoga zu praktizieren, bei dem durch Kraftaufbau Energieströme frei werden. Inzwischen unterrichtet sie auch andere darin.

Mit 13 Jahren entdeckte Nanda in der Bibliothek ein Buch über Iyengar Yoga. Jahre später studierte er bei Guru B.K.S. Iyengar, dem Gründer des Yogastils, persönlich. Inzwischen leitet er eine Yogaschule in Kuala Lumpur. Am Iyengar Yoga schätzt er, dass es auf den individuellen Körper eingeht und nichts forciert. Es gibt keine vorgeschriebenen Sequenzen, deswegen kann er in seinen Stunden immer wieder neue Schwerpunkte setzen.

Katja und Luis sind schon zum zweiten Mal beim Yogafestival - Katja wegen der Kurse, Luis zum Baden in der Havel. Katja hat vor 15 Jahren mit Hatha Yoga begonnen, als Alternative zum Fitnessstudio und vor allem als Ausgleich zu ihrem wuseligen Arbeitsalltag. Was sie am Festival mag? "Die Leute begegnen sich hier anders, ohne Vorurteile. Es ist sehr persönlich und entspannt."

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