VG-Wort Pixel

Ansichtssache Shades of Beige

Beige Kleidung: Model trägt beigen Mantel
© Creative Lab / Shutterstock
Selbstoptimierung mit Farbe ist sicher möglich. Aber nicht unbedingt nötig, findet Moderedakteurin Swolke Karberg und frönt ihrer Leidenschaft für Stützstrumpf, Keks und Fensterkit. 

Gefühle haben Farben. In ein buntes Gewand gekleidet, kann man sie sich irgendwie besser vorstellen. Die Liebe ist rot, die Hoffnung grün, gelb der Neid. Und die Langeweile? Ohne Zweifel: Die ist beige. Ich bin also das personifizierte Gähnen, denn ich trage mit Vorliebe den sogenannten Menopausenstyle, der sich durch Keksfarben von Kopf (Anglerhut) bis Fuß (Trekkingsandalen) auszeichnet. Das Stilvorbild ist hier nicht mehr die glamouröse und farbenfrohe Lebenswelt aus "Sex and the City", nein, eher: "Eintönige Wechseljahre and the Kleinstadt".

Auf dem Weg zum eigenen Stil

Nun bin ich noch ein paar Jahre von der Menopause entfernt und lebe in einer Großstadt, es gibt da aber noch ein ganz anderes Problem: Mir steht Beige überhaupt nicht. Wirklich, kein bisschen. Mit meinem angegrauten Dunkelblond (meine schwedische Kollegin nennt es "dunkle Ratte"), blauen Augen und einem recht anämischen Teint ist Beige einfach die denkbar schlechteste Wahl. Ich mach das beruflich – ich bin da realistisch. Als Moderedakteurin kenne ich natürlich auch die Lösung, die da lautet: Blau.

Dass diese Farbe mir tatsächlich am besten steht, bläute (haha) mir schon Oma Elfriede ein: "Kind, in dem blauen Kleid leuchten deine Augen wie ein Bergsee." Und hallo, wer will nicht solche Augen? Also trug ich tapfer und gänzlich entgegen meines Geschmacks – wenn man die Vorliebe einer Sechsjährigen für Pink mit Glitzer so bezeichnen kann – Blau. Und machte mir schon viel zu früh Gedanken darüber, ob ich mithilfe eines Kleidungsstücks optisch auch wirklich das Beste, zum Beispiel Bergseeaugen, aus mir herausholte.

Ich mache Oma natürlich keinen Vorwurf, sie hat meine Leidenschaft für Mode geweckt – und gleichzeitig meine Farbpalette in einen komatösen Dornröschenschlaf geschickt. Dabei sollte man sich auf dem Weg zum eigenen Stil selbst die Chance geben, danebenzugreifen, und auch mal total unmöglich aussehen. Nicht nur um 25 Jahre später mit dem entsprechenden Fotobeweis auf lahmen Erwachsenenpartys für allgemeine Erheiterung zu sorgen. Sondern um herausfinden, worin man sich trotzdem supergut fühlt. Nicht die bestmögliche Optik, das bestmögliche Gefühl ist das Entscheidende. Es sollte also nicht heißen "Blau steht dir", sondern "glücklich steht dir".

Innere Ruhe und Ausgeglichenheit

Mein Glück sind nun alle Shades of Beige von Fensterkit bis Stützstrumpf. Vielleicht greife ich damit daneben, vielleicht sind meine Augen jetzt eher wie ein Baggersee. In dem planscht es sich doch schließlich auch ganz hervorragend. Das Entscheidende ist: Keine andere Farbe schenkt mir so viel innere Ruhe und Ausgeglichenheit. Das ist wahrscheinlich auch das Geheimnis der Erfinderinnen des Menopausenstyles – von Frauen, die bei sich angekommen sind.

Spannend bleibt: Flippe ich in meinen Wechseljahren komplett aus und trage endlich Pink? Mit Glitzer? Ich werde berichten. Bis dahin gebe ich meinem faden, aber glücklichen Gesamtbild mit Lippenstift und Rouge ein bisschen rote Liebe.

SWOLKE KARBERG kann sich zu Hause quasi unsichtbar machen. Dort ist vom Handtuch bis zum Blumentopf nämlich auch alles – na, klar – beige. 

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Guido Heft Nr. 01/2021.

Guido

Mehr zum Thema


Unsere Lieblings-Nähanleitungen von Guido