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Bundhöhe der Jeans Bitte immer angepasst

Bundhose der Jeans: Frau in weiter Jeans
© Victoria Chudinova / Shutterstock
Modeassistentin Anna-Lena Halsig würde sich grundsätzlich als unabhängig bezeichnen – außer bei der Bundhöhe ihrer Jeans. Da wird kein Zentimeter unterhalb des Bauchnabels frei gelassen. Oder demnächst vielleicht doch?

Gerade erst hatten wir uns wieder an High-Waist-Hosen (also möglichst bis unter die Brust gezogen) gewöhnt, als ein paar Designer bei Balmain und Bottega Veneta bereits neue Pläne für uns schmiedeten: Der Hosenbund muss runter, weeeiiit runter. Wir sollen wieder Hüftknochen und Jugendsünden (hallo, Arschgeweih!) zeigen. 

Und tatsächlich, die ersten Angehörigen der Generation Z sind schon voll dabei und hüpfen in 2000er-Gedächtnislooks durch die Metropolen dieser Welt. Ich hingegen fühle alte Wunden wieder aufreißen. Als Modemaus weiß ich: Alles kommt wieder, zu meinem Leidwesen jetzt eben auch Colourblocking und Hüfthosen. Doch wer kann mir meine Zweifel verdenken? Ständig diese Angst, beim Bücken mehr preiszugeben als gewollt. Und das Gefühl, permanent den Bauch einziehen zu müssen – anstrengend. Neben Britneys flachem Sixpack in meinen Albträumen waren das durchaus prägende Erlebnisse meiner Schulzeit, die ich noch nicht ganz verarbeitet habe. 

Da man sich sein Geburtsjahr leider nicht aussuchen kann und ich "das mit der Mode" sogar freiwillig mache, möchte ich dem verhassten Kleidungsstück aber eine Chance geben. Also schwinge ich meine Hüften in der eigens gekauften »Ultra low rise Baggy Jeans« durch die Wohnung. Erst zu Shakira, dann zu Kylie und Christina. Dem Boyfriend auf der Couch gefällt die Musikauswahl eher semi, meine Performance dafür umso besser. Männer finden den "Obelix-Look" mit Bis-unter-die-Brust-Hose bekanntlich unvorteilhaft – mein Exemplar zu Hause bildet da keine Ausnahme. Zum Glück geht’s hier aber um die Trägerin und nicht den Betrachter. 

Ich teste das neue Beinkleid in den sicheren vier Wänden auf Herz und unterkühlte Nieren. Vor Blicken geschützt die innere Göttin rauslassen? Geht klar. Als dann aber die Pizza Funghi inklusive Pizzabrötchen und Aioli vor mir steht, schwant mir Böses: Nach einem solchen Mahl müssen sich doch selbst die Bella Hadids und Kendall Jenners dieser Welt in so einem tief sitzenden Modell unwohl fühlen, oder? »Zieh doch einfach deine Jogginghose an«, rät mir gutmütig mein Freund. Klar, würde ich am liebsten sofort machen. Doch hier geht es um die Sache. Ich sitze gefühlt kugelrund auf dem Sofa und überlege, ob ein Bauchnabelpiercing das Röllchen über dem Hosenbund relativieren würde.

Spätestens hier schwenke ich ergeben die weiße Fahne, strample mir die Jeans von den Beinen und werfe meiner liebsten High-Waist-Hose auf der Wäscheleine sehnsüchtige Blicke zu. Form folgt Funktion? Mag sein, ist für mich in diesem Waist-Case-Szenario aber eher Nebensache.

Klar ist: Dass ich mich freiwillig in eine Hüfthose schieße und ganz souverän zur Arbeit schreite, ist in näherer Zukunft nicht absehbar. Obwohl Tangablitzer und Arschgeweih – Verzeihung, Steißbeinschmuck – aus alten Tagen doch irgendwie ihren Reiz haben. Ich höre schon meine Mutti: "Kind, ich dachte die Phase hätten wir unbeschadet überstanden." Tja, es kommt halt doch alles wieder.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Guido Heft Nr. 10/2021.

Guido

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