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Ansichtssache Der Fluch der Übergangsjacke

Übergangsjacke: Frau in Kleid mit Jacke
© Creative Lab / Shutterstock
Im Frühling und im Herbst hat Moderedakteurin Swolke Karberg immer dasselbe Problem: Die Sprache wird der Schönheit der Mode einfach nicht gerecht.

Ich liebe die deutsche Sprache. Sie ist präzise, differenziert und – Beispiel gefällig? – mannigfaltig. Doch der Preis, auf circa 650 verschiedene Arten "abwechslungsreich" ausdrücken zu können, ist hoch: "Unterbettkommode", "Heizkörper", "Übergangsjacke". Wörter, die etwas völlig unmissverständlich beschreiben, aber leider auch genauso klingen. Funktional und unsexy. Niemand sagt: "Ich habe mir diese wundervolle Unterbett kommode zugelegt." Man genießt, verstaut und schweigt. Denn sprechen Sie mal Unterbettkommode ganz bewusst aus. Da möchte man sich doch lieber sofort unterm Bett verkriechen und französische Chansons hören, um den Glauben an die Schönheit einer Sprache nicht gänzlich zu verlieren. Dank "Augenweide", "Fernweh", "Kummerspeck" und "Geborgenheit" habe ich ihn mir bewahrt. Alles Wörter, die tatsächlich nur im Deutschen existieren. Verrückt, oder?

Englische Modewörter gegen Sprachkummer

Meine Begeisterung erfährt aber regelmäßig herbe Rückschläge, nämlich immer dann, wenn es an das Betexten unserer schönen Modeseiten geht. Dann kommt früher (im Frühling) oder später (im Herbst) die Übergangsjacke um die Ecke und macht meine Stimmung so trüb wie das Wetter, für das sie sich ausgedacht wurde. Ich tippe dann "leichte Jacke für die ersten Sonnenstrahlen" oder eben "leichte Jacke für goldene Herbsttage", drehe den Heizkörper auf vier hoch, man braucht wirklich noch beziehungsweise wieder eine Jacke, und hoffe, dem funktionalen Ding wenigstens ein bisschen Glanz verliehen zu haben.

Die Briten und Amerikaner haben es da leichter. Und ich beneide sie sonst gerade um nichts – die einen müssen sich nach vier Jahren Trump berappeln, die anderen nach dem Brexit. Aber ihre Modewörter sind richtig gut. Wenn ich "Strickjacke" schreibe, sagen sie "Caaardigääähhhn". Meine Schuhe mit offener Fersenpartie sind bei ihnen "Mjuuuhls", und auch deutscher Schmuck funkelt phonetisch nicht annähernd so schön wie "Dschuuuleriii". Mich macht es ungemein (auch so ein schönes Wort) traurig, nicht ebenso wohlklingende, vor Trendbewusstsein und Glamour strotzende Namen für all die tollen Teile anbieten zu können.

Also verfalle ich in ein seltsames denglisches Kauderwelsch, dem man die Verzweiflung förmlich anliest. Was soll bitte eine "oversized Blusenjacke" sein? Yes, it’s a Shacket! Diese großzügig geschnittene Mischung aus Hemd (Shirt) und Jacke (Jacket) ist, nebenbei bemerkt, die perfekte Jacke für die ersten Sonnenstrahlen. Oder für goldene Herbsttage. Weil es aber nun mal kein deutsches Wort dafür gibt – außer eben die lieblos aneinandergeklatschte Blusenjacke, die zu allem Überfluss auch noch Wert auf den Unterschied zwischen Damenbluse und Herrenhemd legt –, muss wenigstens der coole Zusatz "oversized" davor. Schön ist das nicht.

Vielleicht schreibe ich doch einfach Übergangsjacke und futtere mir ein bisschen Sprachkummerkummerspeck an. Dass diese Wortschöpfung bei uns tatsächlich erlaubt und dazu auch noch korrekt ist, tröstet mich ein wenig darüber hinweg, dann nicht mehr in meine Highwaist-Jeans, Entschuldigung, taillenhoch geschnittene Nietenhose aus festem, körperbindigem Baumwollstoff, zu passen.

SWOLKE KARBERG hat Germanistik studiert, aber noch nie Goethes "Faust" gelesen. Mit modischen Gretchenfragen kennt sie sich trotzdem aus.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Guido Heft Nr. 03/2021.

Guido

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