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Fit sein heißt nicht dünn sein "Die Leute halten Ideale für normal, die einfach nicht normal sind"

Fitness-Mythen: Frau dehnt sich auf dem Bett
© Yavdat / Shutterstock
Fitness-Mythen tun nichts, als uns unter Druck zu setzen. Wir haben mit einem Personal Trainer über schädliche Schönheitsideale gesprochen.

Spürt ihr ihn auch schon, den leisen Druck, den der Januar in uns erzeugt? Selbst wenn wir uns vornehmen, uns eben mal nichts vorzunehmen, sind wir zum Jahreswechsel dann doch mit zahlreichen Fitness-Werbungen und hochmotivierten Jogger:innen umgeben, die nicht gänzlich spurlos an uns vorbeigehen.

Und so werden Jahr für Jahr aufs Neue Sportmitgliedschaften geschlossen, Ziele erst angestrebt und dann doch wieder in den Sand gesetzt. Denn seien wir mal ehrlich: wirklich lange halten weder Motivation noch Erfolg der Neujahrsvorsätze. Woran liegt das eigentlich? Ein Grund könnte sein, dass wir unrealistische Dinge erstreben. Oder aber, dass wir unseren Erfolg an den falschen Werten messen. Beide Fehler kennt Nima Mashagh aus seinem Alltag. Er ist Inhaber des Personal Training Studios "Athletik Docks" in Hamburg und sorgt in seinem Job dafür, dass aus Zielen Ergebnisse werden. 

Bei unserem Gespräch merke ich vor allem, wie wenig Ahnung ich von Sport habe, obwohl ich mich als recht sportlich betrachtet hätte – und wie viel er. Das Studio baut seine Strategie auf einer wissenschaftlichen Grundlage auf, alle Trainer:innen haben Sportwissenschaften o.Ä. studiert. Im Gegensatz zu manch anderen Studios bekomme ich hier gesagt, wenn meine Vorstellungen unrealistisch sind – und worin ich mich im Gegenzug unterschätze. Dabei wird mir schnell klar: Ich habe ganz schöne viele falsche Annahmen im Kopf. Deswegen frage ich Nima, ob er uns diese geläufigen Fitness-Mythen einfach mal aufklären kann. Und die nehmen uns gleich ein wenig Druck aus den Neujahrsvorsätzen.

3 gängige Fitness-Mythen aufgeklärt

Der BMI sagt nicht zwingend etwas über deine Fitness aus.

Wie jetzt? Jahrelang haben wir herumgerechnet und uns am BMI orientiert, nur weil wir hören wollten, im Normalbereich zu liegen – und uns dann entspannt zurückzulehnen. Tatsächlich ist der Wert eine gute Tendenz, kann aber irreführend sein. Denn Körper lassen sich nun mal ungern in Schubladen stecken: "Das heißt: Du kannst theoretisch wenig wiegen und laut BMI perfekt sein. Hast du dabei aber, obwohl du dünn bist, einen hohen Körperfettanteil, ist das nicht gesund", erklärt Nima mir. Das funktioniert ebenso in die andere Richtung:

Genauso kannst du viel wiegen, laut BMI zu viel, aber einen guten Körperfettanteil und einfach viel Muskelmasse haben. Dann bist du eigentlich sehr gesund, gehst aber laut BMI ins Übergewicht.

Kilos bestimmen nicht den Abnehmerfolg.

"Wenn Leute bei uns anfangen, reden sie die meiste Zeit von Kilos, die sie abnehmen wollen", erzählt Nima und winkt ab. Er selbst halte das Wiegen für überschätzt, vor allem weil es bei Frauen ohnehin zyklusabhängig schwanken würde. Deswegen empfehle er, sich nur einmal im Monat unter den gleichen Bedingungen auf die Waage zu stellen – und selbst dann viel mehr auf das Körpergefühl als die Zahl zu achten: 

Wenn du zum Beispiel nur leichtes Übergewicht hast, Fett verlierst, aber gleichzeitig Muskulatur aufbaust, wird das Gewicht ähnlich bleiben – der Körper hat sich aber total verändert.

Schönheitsideale sind nicht echt.

Ich stelle mir den ersten Besuch beim Personal Training ein wenig wie beim Friseur vor: Ich komme mit einem Bild in der Hand und erwarte, danach genauso auszusehen. Bei der Frisur ist das selten der Fall, deswegen vermute ich auch beim Fitness einen Mythos. Erst einmal beruhigt mich Nima aber: Das sei ja der Sinn der Personal Trainings, dass man so eng und individuell betreut würde, dass man seine Ziele eben auch wirklich erreicht. Nur eins müssen sie dabei sein – realistisch. Hier ist Nima ehrlich: 

In den sozialen Medien werden teilweise Schönheitsideale propagiert, von denen ein Großteil aus meiner Sicht nicht echt sind.

Er beobachte die Entwicklung der letzten Jahre kritisch, denn oftmals stecke hinter 90-60-90-Maßen eben vor allem Schönheitschirurgie – und Filter. "Die Leute halten Ideale für normal, die einfach nicht normal sind", sagt Nima abschließend. Das würde er seinen Kund:innen offen sagen – und dann an einem Ziel arbeiten, das nicht nur schön, sondern auch gesund sei.

Danke für das Gespräch, Nima!

Guido

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