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Lasst es sprießen Canel Atamans Haarmony-Challenge zelebriert weibliche Körperbehaarung

Lasst es sprießen: Canel Ataman
© Privat
Im Lockdown haben wir uns gezwungenermaßen mit dem Selbst auseinandersetzen müssen. Diese Reise ist auch Model und Influencerin Canel Ataman angetreten. Die 25-jährige ruft zur Haar-volution auf – aber nur so wie Frau sich wohlfühlt.

GUIDO: Warum war es dir so wichtig die Haarmony Challenge zu starten?


Canel Ataman: Die Idee der Challenge ist nicht auf meinen Mist gewachsen. Ich habe bei einer deutsch-iranische Influencerin zum ersten Mal davon gehört. Es hat mich total berührt, weil ich mich mit ihr identifizieren konnte. Meine erste Haarmony-Challenge habe ich im Februar gestartet. Corona-Lockdown und Kälte waren gute Voraussetzungen für mich, um das Ganze auszuprobieren: Beine und Achseln sieht niemand, weil man viel trägt. Plus: die Gesichtsbehaarung bleibt ebenfalls durch die Maske verdeckt.

Zur Schulzeit wurde ich wegen meiner Behaarung als Affe bezeichnet.

Inwiefern hat sich dadurch dein Blick auf Schönheitsideale verändert?
Nachdem ich die Challenge das erste Mal gesehen habe, musste ich mich erstmal reflektieren: Bis zu dem Zeitpunkt habe ich meinen Körper noch nie so gesehen wie er ohne meinen Eingriff ist. Zur Schulzeit wurde ich beispielsweise wegen meiner Körperbehaarung als Affe bezeichnet. Das hat mich so eingeschüchtert, dass ich seitdem ich elf Jahre alt bin, meine ganze Armbehaarung immer entfernt habe. Mittlerweile ist es schon viel entspannter geworden. Ich will weg von diesem glatten, wortwörtlich gestriegelten Menschen. Kanten und Macken sind für mich vollkommene Schönheit – vor allem wenn du sie nach außen tragen kannst und dich selbst damit wohl fühlst.

Wie gehst du mit Stereotypen um?
Männer sind mich entweder direkt am Fetischisieren oder sie bezeichnen mich als eklig. Von Frauen kommen tiefgehende, zeitintensive Beleidigungen.

Ich habe schon gehört, dass ich Feminismus nicht verstanden hätte, kleinen Mädchen Flausen in den Kopf setze oder unhygienisch bin.

Unterscheidet sich deine Pflegeroutine denn jetzt?
Generell: Hygiene heißt nicht, sich zu rasieren, sondern sich zu waschen. Unsere Körperbehaarung hat einen Sinn: Nämlich Schutz. Im Intimbereich entstehen dadurch zum Beispiel seltener Pilzinfektionen. Gleichzeitig kämpf man nicht gegen Rasurbrand an, der sich im schlimmsten Fall durch den Schweiß entzündet. Wasser reicht vollkommnen aus zum Waschen – Medikamente und Intim-Produkte sollten nur verwendet werden, wenn sie verschrieben wurden. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass ich meine Beine glatt mag, den Intimbereich und die Achseln mit Haaren aber schöner finde. Wenn sie zu lang werden, stutze ich sie einfach.

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Machmal teilst du auf deinen Kanälen die Hate-Nachrichten, die du erhältst. Wie ist das im echten Leben: erfährst du Backlash aus den eigenen Reihen von Freund:innen oder Familie?
Ich erfahre viel Support. Die Mädels in meinem Freundeskreis fangen jetzt ebenfalls damit an, weil sie für sich selbst feststellen, dass das wirklich weniger Stress ist. Es klingt hart, aber ich erzähle Folgendes immer gerne: Ich hatte damals was mit einem Typen und habe beim Date direkt gesagt: 'Hey, sorry, ich habe vergessen mich zu rasieren.' Er hat darauf geantwortet: 'Hand aufs Herz: Ich will mit einer Frau schlafen. Kinder sind glatt, erwachsene Menschen haben Haare.' Das gehört zu haben war für mich wichtig. Alles hat plötzlich Sinn gemacht und deswegen habe ich das auch so laut kommuniziert. Ich möchte nicht, dass andere Frauen erst einen Mann brauchen, der das klar macht. Wir sollten das untereinander erfahren, um den eigenen Weg zu finden, statt den Präferenzen von Männern hinterherzujagen.

Nimmst du denn wahr, dass du ein Rolemodel für Frauen bist?
So bezeichne ich mich ungerne, denn das bringt viel Verantwortung mit sich. Wenn sich eine Türkin bei mir meldet, die nochmal 10 Jahre älter ist als ich und sagt, dass meine Beiträge sie zum Nachdenken angeregt haben, ist das die beste Bezahlung für mich. Ich hätte mir damals gewünscht, dass ich so jemanden gehabt hätte, der mir das Gefühl gibt normal zu sein. Man belächelt hin und wieder, dass Leute im Internet einem helfen können. Aber vor allem die können einem manchmal helfen, weil die nicht direkt neben dir sind und du das für dich alleine filtern kannst und umsetzen kannst, was du willst.

Was ist das Wichtigste, das du auf deiner Reise Richtung Selbstakzeptanz mitgenommen hast?
Mein Papa hat mir immer gesagt, das Leben ist ein Lernprozess und wenn du aufhörst zu lernen, lebst du nicht mehr. Ja, das Leben kann dir tausend Mal das Gefühl geben, dass du nichts wert bist. Du musst trotzdem irgendwie versuchen, aus allem was passiert, was zu lernen. Auch wenn es „nur“ bedeutet zu wissen, was man nicht will.

Guido

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