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"Wir mögen das nicht" Frau Therapeutin, wie schafft man es, in einer Partnerschaft ein Ich zu bleiben?

Beziehung: Paar am See
© Mariia Boiko / Shutterstock
In einer Beziehung verschmelzen manche Paare schnell zu einem überdimensionalen "Wir". Aber wie schaffe ich es, bei all dem Wir-Gefühl auch noch Ich zu bleiben?

"Wir sind um vier da!" "Uns hat das sehr gut geschmeckt!" "Wir mögen das so aber nicht."

In meinem Umfeld geht ein kleines Wort mit großer Wirkung um. Sicherlich hast du es auch schon gehört, in einem gewissen Alter scheint man nämlich kaum mehr daran vorbeizukommen. Es sind drei Buchstaben, die auf die drei sagenumwobenen Worte folgen und dann nicht nur unsere Grammatik, sondern auch unsere Alltagsdynamik verändern. Wir, wir, überall wir. 

Wenn ich das "Wir" zum ersten Mal von einer:m Freund:in höre, die:der eine:n neue:n Partner:in hat, freue ich mich. Genauso wie wenn es mir erstmals über die Lippen stolpert. Wenn zwei Ichs sich annähern und aus ihnen einen Wir wird, fühlt sich das erstmal wohlig warm und naja, ziemlich gut an. Doch irgendwann – bei mir zumindest – klopft da ein kleines Personalpronomen an die Schädelwand und fordert Aufmerksamkeit. Es ist das Ich.

Eine Beziehung, zwei Individuen und die Psychologie dahinter

Schließlich entwickelt man sich im Leben immer weiter und das nicht nur als Paar, sondern auch als Persönlichkeit. Wenn letztere vor lauter Wir-Gefühl auf der Strecke bleibt, wird es über kurz oder lang meist schwierig. Für das Umfeld, das Freund:innen als Individuum vermisst. Für den:die Partner:in, wenn nur ein Part der Beziehung im Wir lebt und der:die andere für Freiraum kämpft. Und für sich selbst, wenn man irgendwann gar nicht mehr weiß, wer man ohne den:die andere:n überhaupt noch ist.

Wieso neigen manche Menschen in Beziehungen dazu, zu einem Wir zu verschmelzen – und andere nicht? Und wie schafft man es, auch noch ein eigenständiges Wesen zu bleiben, obwohl man seinen Kühlschrankinhalt, Türschlüssel und Herz mit jemand anderem teilt? Darüber habe ich mit der psychologischen Beraterin Andrea vorm Walde gesprochen. Sie hat selbst schon viele Menschen und ihre Herzensgelegenheiten behandelt und arbeitet unter anderem mit der Bindungsgenetik. 

Andrea, muss dieses Wir-Gefühl in Beziehungen denn überhaupt etwas Negatives sein?

"Es gibt Partnerschaften, in denen zwei Menschen so innig verbunden sind, dass sie super so leben können. Das ist aber nicht wirklich oft so. Wenn nur ein Partner sich richtig in die Beziehung stürzt, wird es schwierig – einer wird dann immer nachfassen und der andere rückwärts gehen. Das Nähe-Distanz-Verhältnis stimmt dann nicht mehr."

Und was macht man da?

"Da kann man nur offen drüber reden. Wenn vom anderen nur noch Unsicherheit, Angst und Misstrauen kommen, sobald einer etwas alleine oder für sich tut, ist das ja keine Basis mehr."

Du sprichst davon, wenn man sich eingeengt fühlt. Aber was, wenn man selbst merkt, dass man sich in Beziehungen schnell aufgibt?

"Dann muss man sich dem stellen, da gehört ja schon einiges dazu, sich das einzugestehen. Aber man muss immer ehrlich zu sich sein und sich darüber klar sein, was man tut. Persönlichkeitsentwicklung ist ein etwas abgenutzter Begriff, aber darum geht es: die eigene Persönlichkeit zu finden und sie zu stabilisieren. Und was passiert dann? Man wird authentisch und merkt, dass Menschen anders mit einem umgehen. Und schaut selbst anders auf die Beziehung: Habe ich ein Gegenüber, das wirklich an mir interessiert ist? Und ist er:sie begeistert, wenn ich zu mir finde und unterstützt mich? Oder fand er:sie mein ‚Klammern‘ eher schmeichelhaft? Da kommt dann viel ans Licht."

Und was, wenn der:die Partner:in die eigene Selbstfindung nicht so lustig findet?

"Wenn der andere immer nur in diesem Wir-Gefühl lebt, kriegen wir es auf Dauer nicht hin, ihn zu lieben. Denn was er:sie uns dann serviert, ist Abhängigkeit und Angst, alleine zu sein. Das ist langfristig immer unattraktiv und es hängt ein dickes Paket voller Problemen daran. Eine Beziehung bedeutet eben nicht: Ich komme mit meinem ganzen Drama, suche mir jemanden und der soll mich dann bitte retten. Der Spruch ist alt, aber er stimmt: Man muss sich selbst lieben, bevor man anderen wirklich etwas geben kann. Und zu einer Beziehung gehört eben immer Geben und Nehmen."

Guido

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