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Hand aufs Herz, Herr Hegmann: Liebt immer eine:r mehr?

Beziehung: Paar am Strand
© mavo / Shutterstock
Liebt in einer Beziehung ein Part immer ein bisschen mehr? Paarberater Eric Hegmann hat Antworten – und verrät, was wirklich hinter einem Gefühl des Ungleichgewichts in der Partnerschaft stecken kann.

Du bist die, die die Lieblingsschokolade mitbringt. Die, die die letzte Nachricht am Abend und die erste am Morgen schreibt. Die, die nach dem Tag fragt und Komplimente macht. Du bist die, die aus vollem Herzen liebt – und die, die insgeheim denkt, sie liebe mehr. 

In Serien, Filmen und Romanen haben wir es schon gesehen, von Freund:innen gehört und vielleicht sogar selbst erlebt: das Phänomen der Dysbalance in Beziehungen. Bei "How I met your mother" haben wir gelernt, es gäbe immer einen Strecker, der sich der Liebe des anderen beugen würde, in Liebeskomöden wurde uns weisgemacht, es sei ganz normal, dass Partner unterschiedlich starke Gefühle füreinander hegen würden – und haben damit einen Keim der Unsicherheit in unseren Bauch gepflanzt, der ab und an, in nährender Umgebung, zu wachsen beginnt. Bin ich das etwa? Liebe ich gerade mehr? Oder doch mein:e Partner:in? Und ist damit unsere Liebe zum Scheitern verurteilt? 

Hat ein Part das Gefühl, mehr in die Liebe zu investieren, vielleicht sogar mehr involviert zu sein, gar mehr zu lieben, gerät die Partnerschaft schnell ins Ungleichgewicht. Zumindest im Kopf. Denn tatsächlich ist diese Wahrnehmung gar nicht so selten rein subjektiv, ein Hirngespinst, das vielleicht eine Begründung hat – die aber nichts mit mangelnder Liebe zu tun hat. Das haben wir von Paarberater Eric Hegmann gelernt, der uns bei unserem Thema ganz schnell den Wind aus den Segeln genommen hat.

Herr Hegmann, liebt immer eine:r mehr?, wollten wir ambitioniert wissen, Karten auf den Tisch, ein für alle Mal, schließlich hält sich dieser Mythos bereits seit Beginn der ersten Liebe in unseren Köpfen. Und bekommen noch vor dem eigentlichen Interview die nüchterne Antwort: "Vielleicht vorab: Meist ist die Liebe gleich verteilt." Wie jetzt? Es gibt gar kein Drama? Keine ungerechte Form der Liebe? Zum Glück sagte just in diesem Moment ein Paar seinen Beratungstermin ab, so dass der Experte uns dann doch gleich Aufklärung leisten konnte. Lest selbst.

Wer nicht romantisch tickt, kann trotzdem lieben.

Hand aufs Herz, Herr Hegmann, liebt in Partnerschaften immer eine:r mehr?

Viele Paare kommen zu mir und haben diesen Eindruck. Das stimmt auch sicher manchmal, aber nach meiner Erfahrung ist es nicht richtig, dass IMMER einer mehr liebt. Häufig verbirgt sich dahinter eher, dass die Partner ihre Liebe und Zuneigung unterschiedlich zeigen. Und weil jeder seine Art als die richtige empfindet, wirkt die vermeintlich "falsche" Art des Partners wie weniger Liebe. Dabei sprechen die beiden vielleicht in ihren Liebesbezeugungen einfach aneinander vorbei.

Was bedeutet das? Sie zeigen ihre Liebe einfach anders?

Der US-amerikanische Paartherapeut Gary Chapman hat dieses häufige Phänomen in seinem Modell "5 Sprachen der Liebe" aufgezeigt. Danach favorisieren Menschen eine dieser fünf Liebessprachen: Zeit zu zweit, Geschenke, Hilfsbereitschaft, Intimität, sowie Lob und Anerkennung. Wer beispielsweise selbst Hilfsbereitschaft als Liebesbeweis sieht, erlebt Geschenke als weniger wertvoll. Und wer sich durch Geschenke besonders geliebt fühlt, hat vielleicht kaum Interesse an Lob und Anerkennung. Erst wenn sich die Partner hier in ihren Liebessprachen einmal synchronisieren und die Verhaltensweisen sozusagen übersetzen können, erleben sie die Gleichberechtigung dieser Art, Liebe zu zeigen. Wer einen Test über die eigene Liebessprache machen möchte, kann das übrigens hier tun.

Ebenso kann ein Blick auf das Bindungsverhalten sehr erhellend sein: Wer beispielsweise schicksalsorientiert die Liebe auf den ersten Blick erwartet, startet die Beziehung bereits mit 100 Prozent. Da ist dann wenig Luft nach oben. Wer wachstumsorientiert damit rechnet, dass die Liebe sich mit den Jahren immer mehr festigt, beginnt vielleicht mit 70 Prozent, kann sich aber eben auch noch steigern. Sind die Partner hier sehr unterschiedlich geprägt, fühlt sich das für einen vielleicht an, als würde etwas fehlen, was eigentlich vorhanden ist. Aber, und das ist leider auch möglich, vielleicht entwickelt sich auch die Liebe nicht weiter, vielleicht wird sie auch weniger. Dann stehen die Partner tatsächlich an einem Punkt, an dem eine Entscheidung nötig ist, ob sie gemeinsam noch eine Zukunft für ihre Beziehung sehen.

Wie kann man damit umgehen, wenn man selbst das Gefühl hat mehr/weniger involviert zu sein, als der:die andere?

Zunächst möchte ich den Partnern unbedingt raten herauszufinden, ob ihr Verständnis davon, wie Liebe gezeigt und gelebt wird. Und wie sie sich entwickelt mit den Jahren und Jahrzehnten, tatsächlich gleich ist oder sich möglicherweise unterscheidet. Wer nicht romantisch tickt, kann dennoch lieben.

Konflikte entstehen, wenn die Partner die gleiche Art Liebe zu zeigen, die sie bevorzugen, als unerlässlich sehen und daher andere Arten nicht gelten lassen. In den meisten Fällen erlebe ich in der Paartherapie, dass hier gleich nach dem ersten Aha-Effekt, wie gleichberechtigt solche Liebesbeweise eigentlich sind, bereits eine Annäherung möglich ist. Liebe ist nicht nur ein Gefühl, Liebe ist auch eine Entscheidung. Nämlich dranzubleiben, wenn es knirscht. Wenn es aber dauerhaft mehr schmerzt und häufiger traurig macht als glücklich, dann passt es wahrscheinlich wirklich nicht.

Wie schafft man es, die Liebe im Gleichgewicht zu halten?

Wir verlieben uns in einer langen Beziehung immer wieder ineinander, auch Gefühle unterliegen Schwankungen. Hier ist gewiss auch manchmal Geduld gefragt, mit sich und dem Partner. In einer Beziehung muss ein Paar Gelegenheiten schaffen, damit die Zuneigung wieder wachsen kann. Dazu gehört, aufeinander neugierig zu bleiben, einander immer wieder in neuen Situationen zu erleben und sich durch Rituale Sicherheit und Geborgenheit zu geben.

Vielen lieben Dank für das Gespräch, Herr Hegmann.

Eric Hegmann, Paartherapeut, Single-und Parship-Berater und Gründer der Modern Love School

Guido

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