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Paartherapeut im Interview "Vermutlich gibt es Liebe tatsächlich nicht ohne Angst"

Beziehung: Paar trinkt Wein
© RossHelen / Shutterstock
Du hattest dich auf den Tag gefreut, insgeheim schon Pläne geschmiedet. Dann sagt dein:e Partner:in ab. Wieso mit einer neuen Liebe oft die Angst bei uns einzieht und was das Gefühl mit Beziehungen macht – ein Gespräch mit Paartherapeut Eric Hegmann.

Und plötzlich ist da dieses Gefühl. Es sitzt tief in der Magengrube, als hätte mir jemand einen kleinen, unauffälligen Hieb verpasst, so schnell, dass weder Körper noch Psyche sich darauf vorbereiten konnten. Nachträglich ziehen sie sich jetzt zusammen, schicken Anspannung in den Bauch und Tränen in die Augen. Die Heftigkeit meiner Reaktion überrascht und überrollt mich zugleich. Bin ich wütend? 

Nein, ich habe Angst. Mein Partner hat mir gerade gesagt, dass er das Wochenende alleine verbringen möchte. Keine große Sache. Ein Wunsch, den ich rational vollends verstehen kann. Schließlich bin ich selbst es, die oft Zeit für sich braucht, die auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit pocht. Nur hätte ich ihn in diesem Moment lieber bei mir gehabt. Und in diese Schlucht im Nähe-Distanz-Wunsch, die sich gerade zwischen uns ausbreitet, zu schauen, bereitet mir Höhenangst. 

Sie ist ein alter Bekannter, doch ich habe sie lange nicht gespürt. Zwangsläufig ertappe ich mich die nächsten Tage dabei, wie ich sie auf den Schultern trage, so erschöpft von ihrem Gewicht, dass ich die Verliebtheit darunter kaum noch spüre. Oder ist es schon Liebe? Und versteckt sich diese nur unter ihrem deutlich schwereren Partner, der Angst? Gehen diese zwei Gefühle etwa immer Hand in Hand?

Ich bin überzeugt, die meisten Konflikte eskalieren wegen Angst.

"Vermutlich gibt es Liebe tatsächlich nicht ohne Angst", bestätigt Eric Hegmann mir im Interview die unangenehme Vermutung, die ich lieber verleugnet hätte. Ich spreche mit dem Paarberater aus Hamburg an diesem Tag über Themen, die Paare in seine Praxis in Hamburg führen. Und dabei landen wir plötzlich ganz automatisch bei dem Gefühl, das ich selbst gerade auf den Schultern hocken habe: "Ich bin überzeugt, die meisten Konflikte eskalieren wegen Angst. Angst davor, nicht zu genügen. Angst davor, verlassen zu werden. Angst davor, falsch gewählt zu haben", sagt der Experte, und mir wird mulmig. Wenn Angst und Liebe zwangsläufig zusammengehören, diese aber Konflikte eskalieren lässt – ist Krieg dann nicht vorprogrammiert?

Nicht ganz. Wichtig sei aber, zu verstehen, woher die Angst kommt – und sie zu fragen, wieso sie uns gerade besucht. Lassen wir sie unhinterfragt hinein, vergisst sie ihren Ursprung schnell und löst in uns das Gleiche aus, was ein Säbelzahntiger sie vor Jahrhunderten gelehrt hat: "Der Körper ist bereit, blitzschnell in einen Flucht- oder Angriffsmodus zu wechseln. Dazu werden Botenstoffe verteilt, die Muskeln sind angespannt, die Wahrnehmung wird fokussiert – und der Verstand ein Stück weit ausgeschaltet", erklärt Eric Hegmann. Das sei evolutionär sehr sinnvoll, damit wir keine Zeit beim Nachdenken verlieren, sondern uns aufs Überleben konzentrieren:  "Das ist im Beziehungskonflikt aber genauso: Löst das Problem Angst aus, gehen die Partner auf Autopilot und werden zu 'wilden Tieren, die den gleichen Käfig bewohnen'". Unsere Angst kann also nicht erkennen, ob wir uns in der Wildnis oder einer sicheren Partnerschaft befinden. Es kommt zum Streit.

Nicht nett von der Angst, uns in diesem Zustand in Konflikte zu schicken, genau genommen sogar fahrlässig. Und weil Konflikte wiederum selbst sehr bedrohlich scheinen, bleibt sie sicherheitshalber gleich bei uns. Aus ihrer Sicht: um uns vor weiteren Verletzungen zu schützen. Für uns bedeutet das aber: Wir wechseln unterbewusst in den Vermeidungsmodus, gehen lieber auf Distanz. Die Angst auf unserer Schulter hat in diesem Moment endgültig das Steuer übernommen.

Die gute Nachricht: Es gibt ein Gegenmittel gegen Angst

Das alles klingt bislang aber nicht nach positiven Nachrichten, Herr Hegmann. Dabei wollten wir uns doch eigentlich mit der Angst versöhnen, wenn sie schon dauerhaft auf uns sitzt, sobald die Liebe kommt. "Das Gegenmittel gegen die Furcht, die Verbindung würde unsicher werden, ist, die Verbindung zu stärken", findet der Paarberater beruhigende Worte. Dafür gebe es die sogenannte 5:1-Formel: "Um eine negative, belastende Erfahrung auszugleichen, braucht es fünf positive, also Situationen, in denen sich die Partner geliebt und sicher fühlen."

Wenn es in der Beziehung also kriselt, können beide Partner:innen konkret ins Steuer eingreifen, um die Verlustangst mit Nähe zu beruhigen. Wie können diese fünf guten Erfahrungen aussehen? "Positive Impulse setzen im Alltag, immer wieder zugewandt kommunizieren, achtsam sein, Dankbarkeit ausdrücken, das sind die wirkungsvollsten Strategien gegen die Angst. Und natürlich, sich mit der Angst zu versöhnen", schlägt Eric Hegmann vor. Letzteres stellt viele Menschen vor die größte Herausforderung, schließlich erscheint die Angst meist größer, als sie ist, sobald sie erst mal auf unserer Schulter sitzt. Dafür hat der Paartherapeut einen konkreten Tipp: "Denken und sagen Sie sich: Ich bin ängstlich. Sie sind nicht Ihre Angst."

Zuletzt gibt mir der Experte noch etwas zum Nachdenken auf den Weg: Die Angst wolle uns nie etwas Böses – im Gegenteil, sie möchte uns einladen anzuschauen, was uns gerade als Bedrohung vorkommt. Haben wir beispielsweise Angst, jemanden zu verlieren, zeigt sie uns gleichzeitig, wie viel uns dieser Mensch schon bedeutet. Und dass sie die Beziehung zu diesem Menschen als schützenswert ansieht. Trauen wir uns hinzusehen, kann die Angst also auch Gutes bewirken: "Sie kann Liebe nicht nur belasten, sie kann dafür sorgen, dass die Liebe wächst und Ihre Beziehung sich immer sicherer anfühlt", macht Eric Hegmann Mut.

mjd Guido

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