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Crazy Cat Lady? Ja bitte! Lasst uns die Angst vorm Single-Dasein endlich überwinden

Crazy Cat Lady: Frau mit Katze auf dem Arm
© Shift Drive / Shutterstock
Single sein? Und mit Katzen alt werden? Klingt doch eigentlich ganz nett. Ein Plädoyer für das Leben als Crazy Cat Lady – und wie man es schafft, die Angst vor dem Single-Dasein zu überwinden.

"Ich habe eine Freundin, die ist alleine und hätte wirklich gerne eine Katze. Aber sie denkt, dann wird sie gleich in eine Scublade gepresst. Ist das nicht schräg? Das erfüllt doch jedes Klischee, die Single-Frau mit Katze.“

Da war es, das Phänomen, das ich als Artikelthema bereits seit geraumer Zeit mit mir herumtrage: Die Crazy Cat Lady. Besser gesagt deren Aussterben, das ich besorgt beobachte und -fürchte. In meinem Interview mit Andrea vorm Walde, Coach und psychologische Beraterin, sollte es eigentlich um die Angst vor dem Alleinsein gehen. Die Frau mit der Katze, einen Klassiker, wollte ich nur nebenbei einwerfen – und hatte aus dem Stand einen Treffer gelandet. Tor! Andrea war das Klischee nicht unbekannt, vielmehr kämpfte ihre Freundin gerade mit ebendiesem Vorurteil, wie sie in obigem Zitat erzählte.

Crazy Cat Lady vs. einsamer Wolf

Frauen und Katzen. Wieso schlägt diese Kombination von Mensch und Tier solche Wellen? Ein Mann und sein Hund, das gilt in der Single-Blase als starkes Team, unabhängig und doch einfühlsam, der einsame Jäger und sein Wolf. Jaja. Hat eine Dame eine Katze zu Hause, lautet der gängige Dating-Tipp gewollt humorvoller Ratgeber hingegen noch immer: Renn! Was für ein Quatsch.

Was ist also die Lösung? Katze abschaffen? Gar nicht erst anschaffen? Das möchte ich mit Andrea herausfinden, die dankenswerterweise eine klare Antwort parat hat: "Ja, es gibt das Klischee. Aber du kannst deswegen ja nicht auf Katzen verzichten. Das kann nicht die Lösung sein, wenn du Katzen liebst. Das wäre ja absurd."

Daran sieht man, wie wir in Rollen gepresst werden. Und wie viel Mut es braucht, zu sich zu stehen.

Ganz unironisch weist das Klischee der Crazy Cat Lady aber auf eine viel tiefergehende Problematik unserer Gesellschaft hin: Den wertenden Blick auf (vornehmlich weibliche) Singles und das Alleinsein. Die Rolle der partnerlosen Frau gilt in vielen Kreisen (von Familienfeiern bis Doppeldates) noch immer als optimierbar. Wie ein Status, dem Außenstehende zwar verständnisvoll begegnen, immer aber auch etwas mitleidig, vor allem aber verbesserungswütig: Mensch, wieso hast du denn immer noch Keine:n gefunden? Wollen wir dir mal zusammen jemanden suchen? Und bist du nicht einsam so ganz allein? Apropos – deswegen hast du dir doch sicher diese Katze beschafft, nicht wahr? 

"Daran sieht man, wie wir immer wieder in Rollen gepresst werden und wie viel Mut es braucht, zu sich zu stehen und selbstbewusst zu sein", sagt Therapeutin Andrea dazu. Hier treffen mehrere Ängste aufeinander: Die derer, die eigentlich ganz zufrieden mit dem Alleinleben sind, in deren Gedankenwelt durch die Reaktion ihres Umfelds aber immer wieder eine Prise Verunsicherung gestreut wird. Und die derer, die tatsächlich nicht gerne Single sind, nicht alleine sein mögen – oder darüber hinaus sogar lieber in unglücklichen Beziehungen verbleiben.

Wieso haben wir so eine Angst vor dem Single-Dasein? Und was können wir dagegen tun? Andrea ist in ihrer Arbeit als Coach immer wieder überrascht davon, wie lange der Mensch die Stagnation einer negativen Beziehung einer Trennung vorzieht. "Unglücklich in einer Beziehung zu sein, ist ja eigentlich gar keine Option. Es ist erschreckend, wie lange wir diesen Zustand aushalten", sagt sie. Wieso tun wir es dann trotzdem? "Das hat irgendwann auch etwas mit Abhängigkeit zu tun und die tut bekanntlich nie etwas Gutes. Daraus entwickelt sich dann die Angst, alleine zu sein."

Bau dir ein Haus und vergiss die Angst vorm Alleinsein

In der Kunst wird die Liebe gerne mit einer Droge, die Beziehung zueinander mit Sucht und die Trennung einem Entzug gleichgestellt. Das ist nicht nur platonisch, sondern auch physiologisch einleuchtend, tatsächlich spielen ja diverse Hormone eine Rolle, wenn es um das Ver- und Entlieben geht. In der Psychologe hingegen hängt der Einfluss einer Partnerschaft auf die Stabilität eines Menschen davon ab, auf wie vielen Stützen dieser sein Haus erbaut hat.

Das ist mehr als eine Metapher: "Unser Leben besteht aus mehreren Säulen. Da ist einmal das soziale Umfeld. Da ist die Beziehung. Da ist ein schöner Ort, an dem wir leben, unsere Heimat. Und da ist unser Beruf, die Tätigkeit an sich, aber auch die existenzielle Sicherheit, die sie uns gibt", erklärt Andrea. Wenn eine davon bröckelt, sei das noch nicht so schlimm – denn die anderen gleichen aus. Je weniger Säulen wir jedoch haben, desto wackeliger wird unser Grundgerüst. "Wenn ich mich nur auf eine Säule stütze, wie die Partnerschaft, und die wegbricht, dann fallen wir", sagt Andrea und trifft damit das Gefühl, vor dem sich viele Menschen fürchten, wenn sie alleine sind: In ein Loch zu stürzen.

Dieses Bild erklärt ganz nebenbei, wieso manche Menschen gerne Single sind, während andere aus Angst heraus in unglücklichen Beziehungen verharren. Hier können letztere von ersteren lernen: "Wenn jemand zu mir kommt, der weiß, dass er unglücklich ist und sich trennen sollte, ist mein Rat nicht: Prima, geh los und mach das. Sondern: Wir müssen einen anderen Boden finden und neue Säulen stärken." Andrea empfiehlt, sich einfach mal in seinem eigenen Leben umzuschauen: Welche Hobbys habe ich? Was macht mir Spaß? Was gibt mir Halt? Und während wir beginnen, unser Haus auf neuen Säulen zu bauen, werden wir merken, dass die Angst vorm Alleinsein von selbst verschwindet.

Wie das Haus letztendlich aussieht, ist übrigens völlig egal. Geschmäcker sind so verschieden wie Lebensentwürfe – und in den Hausbau seiner Nachbar:innen mischt man sich schließlich auch nicht ein. Manche Menschen werden merken, dass sie langfristig stabiler mit einer Partnerschaft da stehen. Andere, dass ihr Haus dafür eigentlich gerade gar kein Zimmer frei hat. Manche wohnen mit Freund:innen zusammen. Und wieder andere beschließen, lieber Kratzbaum statt zweite Zahnbürste einziehen zu lassen. Denn die Katze? Na, die können wir uns dann auch ganz beruhigt anschaffen. Denn wenn schon der Besitz eines Haustiers eine:n potenzielle:n Partner:in vertreibt, dann können wir ihn in unserem Heim ohnehin nicht gebrauchen.

Guido

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