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Paare erzählen Leichte und komplizierte Liebe

Paare erzählen: Älteres Paar auf dem Riesenrad
© Rawpixel.com / Shutterstock
Dass Liebe nicht immer einfach ist, wissen diese drei Pärchen. Sie erzählen von ihren Höhen und Tiefen, aber auch davon, was ihnen geholfen hat durchzuhalten. 

"Ich würde es wieder machen"

Als Kirsten sich mit 34 in Sascha, damals 35, verliebt, ist er bereits unheilbar krank. Sie will ihn trotzdem.

Flüchtig kannte ich Sascha schon über eine Freundin, als er mich online über MeinVZ anschrieb. Erst mailten wir vier Wochen ganz intensiv – in der Zeit habe ich mich schon in ihn verliebt. Er hatte einen so großartigen Humor und brachte die Dinge herrlich auf den Punkt. Er schrieb mir auch, dass er an der unheilbaren Krankheit Neurofibromatose Typ II (NF2) leidet, bei der sich gutartige Tumore an den Nerven bilden, meist am Hörnerv, aber auch am Sehnerv oder Rücken. Die sind zunächst nicht gefährlich, aber richten großen Schaden an, wenn sie wachsen. Sascha hatte dadurch bereits sein Gehör verloren, und durch Operationen waren seine seitlichen Gesichtsnerven gelähmt. Das heißt: Er hatte quasi keine Mimik. Als wir uns das erste Mal trafen, konnte ich noch keine Gebärdensprache, und er war wiederum zu stolz, dass ich Dinge aufschreibe. Er wollte mir lieber von den Lippen ablesen – und konnte selbst ja sprechen. Das klingt, als wäre es zum Scheitern verurteilt gewesen, aber wir spürten beide: Das passt! Ich hatte keine Zweifel, ob wir ein Paar sein sollten, ich musste nur herausfinden, wie. Und ich bin gut darin, Lösungen zu finden. 

Wie viel Zeit wir noch zusammen haben würden, konnte niemand sagen. An sich hatten die Ärzte Sascha bei der Diagnose im Alter von 16 Jahren gesagt, älter als 30 würde er nicht. Beim Treffen war ich 34, er gerade 35, also hofften wir, dass noch viele Jahre kommen würden und die Ärzte sich geirrt hatten. Bis dahin wollten wir die Krankheit nicht unser Leben bestimmen lassen: Wir sind in Urlaub gefahren, waren in Kinofilmen mit Untertiteln, gingen auf Konzerte, wo Sascha immer ganz nah an den Boxen stand, um die Bässe zu fühlen. Und wir redeten über alles … 

Ich hatte zuvor nie einen Mann, der mir so gut «zuhörte«, sich alles merkte und immer um mein Wohl bemüht war. Sascha hat mir gezeigt, was echte Liebe bedeutet. Unser Geheimnis als Paar war unsere Loyalität. Wir waren uns einig: Wenn man sich verliebt, nimmt man die Person mit allem, was da dranhängt. Dass Sascha sein Gesicht zum Beispiel nicht bewegen konnte, fiel mir privat schnell gar nicht mehr auf. Es wurde mir immer erst wieder bewusst, wenn wir in einem Café saßen und andere Leute komisch rüberguckten. Ich habe mich ohne Wenn und Aber auf ihn eingelassen. Und wurde dabei von meiner Familie und Freundinnen unterstützt. Nach einem Jahr haben wir geheiratet. 

Kurz darauf hatte Sascha einen schlimmen Anfall durch Hirndruck: Die Meningiome waren so gewachsen, dass er nicht mehr operiert werden konnte. Da sagten die Ärzte: "Es bleibt nicht mehr viel Zeit." Oder wie Sascha es danach formulierte: "Eine Langspielplatte brauchst du mir zum Geburtstag nicht mehr zu schenken." Auch durch den Einschnitt gab es zwischen uns keine Tabus: Wir redeten über unsere Ängste, den Tod und über das, was wir vorher noch alles machen wollten. Der Vorteil, wenn man weiß, dass die gemeinsame Zeit begrenzt ist, ist, dass man sich nie über Kleinigkeiten streitet. 

Überhaupt bekommt man mit einem tauben Menschen eine unfassbar gute Streitkultur: Ich musste mich ja immer ruhig hinsetzen und klar formulieren. Niemand kann einen Tauben anschreien, weil er die Worte dann nicht mehr ablesen kann. Und ich musste mich als Frau auch daran gewöhnen, dass der Mann nicht am Tonfall schon irgendwie erahnt, was ich denke. 

Was uns in all der Zeit immer zusammengeschweißt hat, war auch der Humor. Selbst über den Tod konnten wir lachen. Aber noch war Sascha ja da, und wir machten jeden Tag das Beste daraus. Er hat sogar kochen gelernt, und wenn ich von meinem Job als Berufsschullehrerin nach Hause kam, war das Essen fertig. 

Wir waren glücklich, trotz der dunklen Zukunftsaussicht. Zwei Jahre ging das gut, dann hatten wir beide eine dolle Erkältung, Sascha bekam Fieber, und dann, Anfang 2013, gab es den schrecklichen Tag, als er zu mir sagte: "Mach doch das Licht an!" Das Licht brannte aber, und das hieß: Jetzt war sein größter Alptraum wahr, und er war auch noch blind geworden! 

Damit ich mich noch mit ihm verständigen konnte, schrieb ich jetzt das Fingeralphabet in seine Hand. Ab da blieben uns noch sechs Wochen bis zu seinem Tod. Ich ließ mich krankschreiben, erst lebten wir zusammen auf der Intensivstation, dann ging’s zurück nach Hause, wo Sascha mir seine Abschiedsbriefe an die Familie und enge Freunde diktierte. Jeden Abend hat er sich von mir verabschiedet und jeden Morgen meinte er: "Ich lebe ja immer noch."

Am 8. April 2013 zogen wir um ins Hospiz, und da ist er wenige Stunden später gestorben. Das war furchtbar und erlösend zugleich. Er sah danach aber so friedlich aus, dass ich seitdem keine Angst mehr vor dem Tod habe. 

Als er noch lebte, hat Sascha mir gesagt: "Ich versuche alles, um nach dem Tod zurückzukommen und dir ein Zeichen zu geben. Und wenn ich dir als Condor aufs Auto kacke." Condor hatte er immer alle Greifvögel genannt. Als ich nach seinem Tod das erste Mal wieder zur Schule ging und danach zurück zum Auto kam, klebte auf meinem Kofferraum ein Riesenvogelschiss. Da musste ich weinen. Er hat’s wohl wahr gemacht. 

Danach brauchte ich drei Jahre, um wieder zu mir zu finden. Aber die Zeit mit Sascha war so intensiv, dass ich alles wieder genauso machen würde.

"Liebe ist nicht nur ein Gefühl"

Birgitt Hölzel, 56, und Stefan Ruzas, 54, starteten als Affäre, gründeten dann eine Familie und arbeiten heute gemeinsam als Paartherapeuten.

Das erste Date haben beide 1993 als Studenten in München. "Als wir uns trafen, sagte Birgitt, sie sei Halb-Single", erzählt Stefan und lacht. "Es gab da also noch einen anderen. Auch ich hatte eine Beziehung, aber Birgitt faszinierte mich. Beim ersten Treffen trug sie einen dieser damals modernen Bodies mit Druckknöpfen im Schritt. Und ich dachte: Werde ich das Ding je aufknöpfen?" Durfte er! 

Aus einer ersten gemeinsamen Nacht wird eine verspielte Affäre. Beziehungsstatus: ein Jahr lang ungeklärt. Bis Stefan ihr dann in den Tiroler Bergen spontan einen Heiratsantrag macht. Sie werden ein Ehepaar, arbeiten nach der Uni erst in der Medienbranche und beschließen dann, sich als Therapeuten ausbilden zu lassen: Warum nicht ihr Know-how als Langstreckenpaar anderen mit auf den Weg geben? "Die Zauberformel ist, spielerisch zu bleiben", sagt Stefan. "Wir nennen das Mikroabenteuer, die man sich selbst erschaffen muss." 

"Liebe bleibt nicht automatisch", fügt Birgitt hinzu. "Jede Beziehung wird mit der Zeit immer schlechter! Alltag, Stress, Kinder, Pflichten: All das führt zu einer Abnutzung, gegen die man permanent anarbeiten muss." Ein gutes Fundament sei deshalb erst eine Zeit ohne Kinder. "Wir hatten sieben Jahre, um unsere Paarebene aufzubauen." Mit Kids seien Paare fremdbestimmt, eigene Bedürfnisse müssten dann geplant werden. 

Birgitt und Stefan sprangen zum Beispiel im Winter zu zweit in den See, als gemeinsames Extremerlebnis. Einmal, am Valentinstag, entführte Stefan seine Frau: "Ich sagte ihr: Nimm Handschuhe und Gummistiefel mit, und habe dann in Schwabing so getan, als würde jede Sekunde eine geheime Mission starten." Birgitt lacht und sagt: "Wir landeten in einem Float-Bad, einem Becken mit Salzwasser, wo man mit Musik und Prosecco schwerelos im Wasser gleitet." Ein anderes Mal gingen sie ins Stundenhotel, weil verrückte Erlebnisse Verbundenheit schaffen. "Ich sage Paaren oft: Geht mal 1000 Meter rückwärts! Macht irgendwas ganz anders als sonst", so Stefan. Wenn eine Beziehung halten soll, brauche es auch den sinnfreien Umgang miteinander. 

"Liebe ist vielmehr eine Haltung als ein Gefühl", sagt Birgitt. Sie vorschnell wegzuwerfen halten beide für einen Makel unserer Zeit. Oftmals reiche es ja schon, die eigene Komfortzone mal zu verlassen. "Wir verurteilen es nicht, wenn Menschen das zu anstrengend ist", sagt Birgitt. "Aber eine lange Liebe fällt nicht vom Himmel. Das ist Arbeit."

"Ich wollte ihn"

Miriam, 53, und Marc, 56, sind seit 26 Jahren ein Paar, zwei davon hatte Marc eine Affäre. Miriam erzählt, warum sie trotzdem blieb.

Wenn mich ein Mann betrügt, trenne ich mich sofort – davon war ich immer überzeugt. Bis es mir dann tatsächlich passiert ist … 

Wir waren damals sieben Jahre zusammen, hatten eine Firma gegründet, aber ich arbeitete hauptsächlich in einem Verlag. Dort startete ich gerade durch, flog um die Welt und muss zugeben: Ich habe meinen Freund damals nur noch wenig gesehen – auch wenn ich da war. 

Eines Abends klingelte bei uns zu Hause eine Angestellte unserer Firma, neun Jahre jünger als ich, die notfallmäßig aus ihrer WG rausmusste. Mein Freund und ich ließen sie erst mal bei uns wohnen, aus zwei Tagen wurde ein halbes Jahr. Irgendwann beschlich mich das Gefühl: Könnte zwischen ihr und meinem Freund was laufen, wenn ich weg bin? Marc erklärte mich auf Nachfrage für verrückt, meine besten Freundinnen auch. 

Ich sorgte trotzdem dafür, dass sie auszog, suchte nach Beweisen, fand aber nichts. Erst zwei Jahre später, wir hatten gerade ein drei Monate altes Baby, überraschte ich beide. Ich bin damals zusammengebrochen, der Notarzt musste kommen. Später habe ich eine Therapeutin gefragt: "Wie entliebe ich mich denn?" Ich dachte wirklich, das war’s. Aber die Therapeutin sagte: "Sie wollen doch nur gehen, damit er sie wiederholt."

Und das stimmte: Ich wollte diesen Menschen, der ja auch mein bester Freund war, gar nicht verlieren. Dann begann die Arbeit: Zunächst brauchte ich sein Versprechen, dass er die Frau nie mehr wiedersieht. Wir haben sie also entlassen. Dann haben Marc und ich nächtelang geredet, alles auf den Tisch gepackt, eine Paartherapie gemacht, in der ich verstanden habe, warum es überhaupt dazu gekommen war. Er hat da auch gesagt: "Wenn ich könnte, würde ich mir ein Bein abhacken, um dir den Schmerz zu nehmen."

Bis es zwischen uns wieder gut war, haben wir drei Jahre um uns gekämpft. Die Wunde muss heilen. Ich hatte in der Zeit genau 100 eigene Therapiestunden, habe vor Marc oft gewütet, geschrien, ihn beschimpft, denn eine so große Verletzung ist nicht mal eben durch eine Entschuldigung vergessen. Und er hat das ausgehalten. Es dauerte, bis ich ihm und er auch sich selbst verzeihen konnte. Beides war wichtig.

Heute habe ich in dieser Beziehung vor nichts mehr Angst. Dass wir diese Krise überstanden haben, hat uns noch viel enger zusammengebracht. Ich vertraue Marc längst wieder komplett. Wir haben nach dem Drama geheiratet, noch ein zweites Kind bekommen und sind bis heute froh, dass wir das geschafft haben.

Guido

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