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Paartherapeut im Interview Hilfe, ist mein:e Partner:in ein:e Narzisst:in?

Beziehung: Katze malt Kater als Tiger
© Iryna Kuznetsova / Shutterstock
Narzissten sind die neuen Buhmänner. Und Frauen. Aber was macht man eigentlich, wenn man bei all den Schreckensgeschichten über Narzissmus seine:n eigene:n Partner:in wieder erkennt? Ein Paartherapeut klärt auf.

Narzissmus gibt es schon so lange wie Menschen, die sich um sich selbst drehen. Wie so oft ist es aber so, dass bestimmte Muster – ob krankhaft oder nicht – uns erst auffallen, wenn sie einen Namen bekommen. Oder wenn sie plötzlich öffentlich an Ruhm gelangen. So ergeht es vielen aktuell mit den Narzisst:innen unter uns. Wir sprechen nicht mehr nur im Kontext von psychischen Erkrankungen über sie. Vielmehr sind sie so in unseren Sprachgebrauch eingezogen, wie einst der:die Ex-Partner:in in unsere Wohnung, den wir gleich mitbetiteln. Wir fühlen uns von ihnen umgeben. Erkennen sie immer öfter in früheren Beziehungen, manchmal auch in uns selbst wieder.

Rückblickend fällt es uns oft leicht, eine abgeschlossene Partnerschaft als toxisch zu bezeichnen, unseren Partner:innen vielleicht sogar narzisstische Züge zuzusprechen. Sie bieten uns eine Erklärung für unangenehme Verhaltensmuster, für Probleme, die wir nicht lösen konnten. Heutzutage wird fast inflationär mit der Diagnose Narzissmus umgegangen. Tatsächlich steckt dahinter aber eine ausgeprägte Persönlichkeitsstörung. 

Was aber, wenn wir Beiträge zu Narzisst:innen konsumieren – und plötzlich nicht unsere Vergangenheit, sondern unsere Gegenwart vor uns sehen? Wenn sich das kleine, drückende Gefühl in der Magengrube ausbreitet, dass wir in manchen Verhaltensweisen niemand anderen als unsere:n eigene:n Partner:in erkennen? Ist er:sie dann etwa gleich ein:e Narzisst:in? Und wie gehe ich damit um?

Eric Hegmann Pressefoto
Paarberater, Autor und Single-Coach Eric Hegmann
© Robert Hilton / PR

Diese Fragen dürften sich bei der aufsteigenden Popularität des Narzissmus bereits einige von uns gestellt haben. Deswegen begegnet sie auch Paartherapeut Eric Hegmann in seiner Praxis in Hamburg immer öfter. Er hat uns einmal erklärt, was es mit dem Narzissmus wirklich auf sich hat. 

Um Narzissmus zu verstehen, muss man sich fragen, wie er entsteht

"Die Dynamik von einem starken Wunsch nach Nähe bei einem Partner und starken Wunsch nach Autonomie beim anderen erlebe ich nahezu täglich", sagt Eric Hegmann uns, stellt aber auch klar, "während nicht jeder bindungsvermeidende oder bindungsängstliche Mensch ein Narzisst ist, geschweige unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet, ist aber jeder 'Narzisst' ein vermeidender Bindungstyp." Aha. Nur weil mein:e Partner:in nicht macht, was ich möchte – oder schlichtweg ein anderes Bindungsbedürfnis hat, heißt das also nicht zwangsläufig, dass er:sie narzisstisch veranlagt ist.

Nicht jeder bindungsvermeidende Mensch ist ein Narzisst, aber jeder Narzisst ein vermeidender Beziehungstyp

Um mit dem Narzissmus ein wenig aufzuräumen, erklärt der Paartherapeut erst einmal die klassische Unterteilung der Störungsbilder: "Der auf Persönlichkeitsstörungen spezialisierte Experte Rainer Sachse unterscheidet Narzissten in erfolgreiche, erfolglose und gescheiterte Narzissten." Erfolgreiche seien meist die, die medial das gemeingefährliche Bild verkörpern, denn sie seien in der Regel verführerisch, charmant, sehr von sich überzeugt und mitreißend. Um sich der Entstehung von Narzissmus zu nähern, sei aber ein Blick auf die andere Seite hilfreich: "Bei den erfolglosen und gescheiterten wird eher deutlich, worin die Störung begründet liegt: in oft traumatischen Erfahrungen in früher Kindheit wie Verwahrlosung, Vernachlässigung oder Missbrauch", klärt Hegmann auf. So seien die narzisstischen Verhaltensweisen eben oft Überlebensstrategien, die sich angeeignet wurden, um mit einem Trauma zurechtzukommen. Diese Strategien können so aussehen, dass das Selbstbewusstsein über Bestätigung von außen aufgebaut werden müsse – und man dementsprechend manipulativ und kontrollierend agiere. 

Da dürfte sich in vielen von uns bereits das Mitgefühl regen. Aber: "Das ändert natürlich nichts daran, wie schwierig eine Beziehung zu einem tatsächlich narzisstischen Menschen ist", schlägt Hegmann den Bogen zurück, "Grenzen können diese Menschen nicht ertragen, die triggern die traumatische Erfahrung und es wird mit allen gelernten Strategien dagegen angegangen. In Beziehungen kann das von tagelang beleidigt bis zum Gefühlsausbruch reichen."

Wer jetzt wissend mit dem Kopf nickt, ist damit nicht allein. Kommen Paare mit solchen Erfahrungen zu ihm, helfe der Paartherapeut ihnen erst einmal, die gegenseitige Perspektive einzunehmen – und dann abzuklopfen, wie die jeweilige Nähe-Distanz-Bedürfnisse aussehen: "Ziel ist in der Paartherapie, den Konflikt als gemeinsamen Gegner zu erleben – und nicht einander." Dabei sollte man sich nicht an Diagnosen festmachen.

Moment mal, wer ist denn hier der narzisstische Part?

Übrigens käme es durchaus vor, dass Klienten bei dem Paartherapeuten auf der Matte stehen würden, die alle Probleme bei ihrer:m Partner:in sähen – und sich selbst als narzisstisch entpuppten. "Eines der Kriterien für die Diagnose der narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist, dass die Betroffenen keine Krankheitseinsicht haben", weiß Herr Hegmann, weshalb Betroffene oft einzig ihrem Gegenüber die Schuld an Konflikten geben würden. Da lohnt es sich also durchaus, sich selbst mal zu hinterfragen – auch weil ein Paartherapeut nicht dazu da sei, einem Part zu sagen, er:sie solle sich verändern. 

Narzissmus ist eine Persönlichkeitsstörung, kein Modebegriff

Sollte übrigens tatsächlich eine Narzissmus-Störung vorliegen, gehöre die Behandlung vor allem in die Hände von Psychotherapeut:innen. "Sie als Partnerin oder Partner können sich daran nur abarbeiten und nicht wirklich etwas verändern. Einzig mit Krankheitseinsicht kann der oder die Betroffene selbst etwas verändern oder Unterstützung suchen", rät Herr Hegmann.

In der Paartherapie sollte man sich hingegen nicht an einer Diagnose langhangeln, vor allem, solange diese einzig aufgrund eines eigenen Gefühls basiere. Denn abschließend möchte der Paarberater eins noch klarstellen: "Grundsätzlich ist die Zahl von pathologischen Narzissten deutlich niedriger als dies vielleicht nach außen hin wirkt."

Eric Hegmann ist Paartherapeut, Single-Berater und Gründer der Modern Love School, eric-hegmann.de

Guido

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