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Psychologie 6 Dinge, von denen Therapeut:innen wünschten, wir wüssten sie

Eine nachdenkliche junge Fau
© fizkes / Shutterstock
Psychotherapien können uns dabei helfen, unsere Lebensqualität zu verbessern und uns glücklicher zu fühlen – insbesondere, wenn dabei gewisse Dinge von vornherein klar sind.

Ob wir einen schweren Verlust zu verarbeiten haben, nach einer schmerzhaften Trennung einen Weg finden müssen, uns wieder zu öffnen und zu vertrauen, oder im Job plötzlich feststellen, dass wir keine Ahnung haben, wie wir kommunizieren, dass wir überfordert sind: Bei all den Aufgaben, die wir in unserem Leben zu bewältigen haben, kann es schnell passieren, dass wir in eine Situation geraten, in der wir Hilfe brauchen. Und diese Hilfe in Anspruch zu nehmen, müsste in einer gesunden und aufgeklärten Gesellschaft selbstverständlich und nicht der Rede wert sein. Ob wir bereits in dieser Gesellschaft leben oder nicht, darüber lässt sich sicherlich diskutieren, doch was laut der Wahrnehmung vieler Therapeut:innen recht eindeutig ist: Zum Thema Therapie besteht noch erheblicher Aufklärungsbedarf. 

Der Psychiater Jonathan Stevens hat für das Psychologieportal Psychology Today einmal die wichtigsten Punkte zusammengetragen, die ihm und seinen Kolleg:innen dazu eingefallen sind.

6 Dinge, von denen Therapeut:innen wünschten, wir wüssten sie

1. Es ist nicht das Ziel einer Therapie, einen Menschen zu reparieren.

Menschen sind keine Maschinen. Die Vorstellung, sich in die Hände einer:s Expert:in zu begeben, wenn man nicht mehr reibungslos funktioniert, um sich reparieren zu lassen, wird weder unserem Wesen noch dem Konzept von Psychotherapie gerecht. "Wir sind Helfer:innen, keine Reparateur:innen", zitiert Jonathan Stevens dazu eine Kollegin. Bei einer Therapie gehe es darum, zu wachsen und eine entspannte Version von sich selbst zu werden – nicht eine andere.

2. Alle Gefühle sind willkommen.

Viele Menschen haben Hemmungen, vor anderen zu weinen oder ihre Wut zu zeigen. Diese Hemmungen gilt es in einer Therapie idealerweise zu überwinden. "Emotionen zu erkunden und zu verstehen ist Teil des Prozesses", so Jonathan Stevens. Therapeut:innen urteilten nicht über uns, weil wir fühlen – und wenn es ganz gut läuft, schauen wir uns das von ihnen ab.

3. Es ist wichtig, dass es matcht.

Bei aller Professionalität: Therapeut:innen sind Menschen mit persönlichen Hintergründen, Anschauungen, Erfahrungen und Fehlern. Mit manchen harmonieren wir gut, mit anderen nicht. Wenn wir uns in unserer Therapie partout nicht verstanden fühlen oder mit den Ansätzen und Sichtweisen unseres Gegenübers einfach nicht zusammenfinden, brauchen wir deswegen nicht an uns zu zweifeln – dann passt die Konstellation eben nicht. Therapeut:innen hätten dafür Verständnis, wenn wir jemand anderen ausprobieren, so Jonathan Stevens. Wir müssen uns wohl mit der Person fühlen, der wir unsere Wut, Trauer oder Angst zeigen. Tun wir das nicht, wird uns die Therapie nicht optimal helfen.

4. Therapie ist ein Gemeinschaftsprojekt, keine Behandlung.

Alles, was wir in einer Psychotherapie erreichen (können), ist in hohem Maße abhängig von uns selbst. Der:die Therapeut:in hilft uns dabei herauszufinden, was wir tun können, damit wir uns besser fühlen. Doch im Unterschied zu anderen Mediziner:innen wird sie:er uns keine Pillen verschreiben, die unsere Probleme aus der Welt schaffen, oder einen Diätplan aufstellen, an den wir uns halten sollen. "Es ist nichts, was mit mir gemacht wird, sondern etwas, das mit meinem Zutun gemacht wird", zitiert Jonathan Stevens seinen Kollegen. Uns unserer eigenen Rolle in der Therapie bewusst zu sein, trage zu einer höheren Motivation und zu einem größeren Erfolg bei.

5. Ehrlichkeit und Offenheit sind der Schlüssel für eine erfolgreiche Therapie.

Aus unserem Alltag sind wir daran gewöhnt, stets nur ausgewählte Seiten und Aspekte von uns zu zeigen, und einen ganzen Batzen für uns zu behalten. Diese Gewohnheit abzulegen, sei eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Therapie. "Entschlossenheit und Transparenz sind entscheidende Elemente, um eine therapeutische Beziehung aufzubauen, in der wir wahrgenommen, akzeptiert und verstanden werden", zitiert der Psychologe eine Kollegin. Wir seien die jeweiligen Expert:innen für das, was in uns vorgeht. Und ein:e Therapeut:in könne uns nur helfen, wenn wir sie:ihn dabei unterstützen, uns zu verstehen.

6. Es ist wichtig, die Entwicklung wahrzunehmen.

Eine Therapie zu beginnen, mag ein entscheidender Schritt sein. Doch es ist der erste Schritt eines möglicherweise langen Weges. Durch eine Stunde Gesprächstherapie wird sich unser Leben nicht verändern. Auch nicht durch zwei, drei oder vier. Die Gespräche mit einer:m Therapeut:in können uns dabei helfen, einen aufmerksameren und verständnisvolleren Blick auf uns und unser Verhalten im Alltag zu gewinnen, was die Grundlage dafür ist, selbstbestimmter, selbstbewusster und authentischer handeln zu können. Bis sich in unserem Leben nachhaltig etwas ändert, wird es zahlreicher Alltagssituationen, viel Übung und sehr viel Aufmerksamkeit bedürfen, doch jeden kleinen Fortschritt, jeden kleinen Aha-Moment wahrzunehmen, trägt uns bei unserer Entwicklung voran. "Eine Therapie startet das Auto, aber du fährst", zitiert Jonathan Stevens seinen Kollegen John O'Neill. 

sus Guido

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