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Psychologie "Wer Stress als Statussymbol sieht, hat ein großes Problem"

Psychologie: "Wer Stress als Statussymbol sieht, hat ein großes Problem"
© Seasontime / Shutterstock
Ich bin ja so im Stress! Und ich erst! Wird Stress gerade zum Statussymbol? Bitte nicht, rät Therapeutin Andrea vorm Walde und erklärt den Unterschied zwischen positivem und negativem Stress.

Ich komme niemals vor 18.30 Uhr aus dem Büro raus! Ich auch nicht – und dann muss ich noch einkaufen! Ich kann also erst später! Es ist gerade so viel zu tun, ich habe es nicht einmal geschafft, Pause zu machen! Und ich hatte noch nicht einmal Zeit etwas zu essen!

Durchatmen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber Dialoge wie diese sind mir nicht fremd. Ich habe sie in den letzten Berufsjahren sogar ziemlich häufig gehört. Irgendwann zwischen Schulzeit und erstem Job haben sich die Worte Stress und Erfolg angenähert, geheiratet und sind nun nicht willens, sich einzugestehen, dass sie eigentlich gar nicht zusammenpassen. Vielleicht haben sie sich sogar schon fortgepflanzt, Kinder wie Überstunden und Verspannungen auf die Welt gebracht, die uns zwar nerven, aber irgendwie auch zur Familie gehören. So ist das Leben halt, oder?

Höher, schneller, gestresster

Stress hat sich in unserer Gesellschaft eingenistet. Und wir haben es ihm durchaus gemütlich gemacht, schließlich ist er die Grundlage zahlreicher Yoga- und Achtsamkeitskurse, Dankbarheitstagebücher und Meditationen. Wir turnen, stricken, schreiben, atmen – und passen uns dem Stress an, statt ihn rauszuwerfen.

Klammheimlich schauen wir manchmal vielleicht sogar zu ihm auf. Schließlich zeigt uns der Stress, dass wir das Maximum aus allem herausholen, oder? So richtig leben, rennen, Karriere machen. Nur dass ersteres dabei meist untergeht. Und uns früher, meist aber eher später, bewusst wird, dass uns diese toxische Beziehung mit dem Stress irgendwie nicht gut tut. Was noch lange nicht heißt, dass wir uns von ihm lösen wollen. 

Das weiß auch Andrea vorm Walde. Als psychoologische Beraterin und Coach hat sie es öfter mal mit Pärchen wie diesen zu tun, Patient:innen, die vermeintlich alleine mit ihren Beschwerden in die Praxis kommen, den Partner Stress aber eben doch im Schlepptau haben. Wenn sie ihn nicht einmal bemerken, wird es für die Therapeutin schwierig: "Wenn Leute Stress als Statussymbol sehen, dann haben sie natürlich ein großes Problem – weil sie viel, viel später einschreiten werden, denn der Stress ist ja gewünscht", sagt Andrea, die diese Menschen meist erst zu Gesicht bekommt, wenn die Beziehung schon Früchte getragen hat: "Das heißt, da kann man eigentlich davon ausgehen, dass sie irgendwann eine körperliche Reaktion kriegen, der sie sich nicht mehr entziehen können."

Eigentlich erzählen dir die Menschen ja immer, was sie alles stresst. Ich finde das Gegenteil interessant.

Das können typische Stress-Symptome wie innere Unruhe, Verspannungen, Kopf- oder Bauchschmerzen sein. Oftmals liegt die Hauptaufgabe der Therapeutin dann aber darin, Detektivin zu spielen: "Ich habe oft Patient:innen hier, die über ein Problem sprechen – dabei aber gar nicht merken, dass es einen ganz anderen Stressfaktor gibt, der gar nicht thematisiert wird", erzählt sie mir. Dann müsse man langsam daran arbeiten, überhaupt wieder ein Bewusstsein für Stress im eigenen Leben zu schaffen – und was diesen wirklich auslöst.

Denn nicht jeder Stress ist per se schlecht. Oft verirren wir Menschen uns jedoch im vollen Terminplan, so dass wir irgendwann gar nicht mehr erkennen, welche Dinge uns wirklich belasten. Deswegen versucht Andrea in ihrer Praxis einen anderen Ansatz: "Ich finde es sehr interessant zu gucken: Was stresst jemanden denn nicht? Eigentlich erzählen dir die Menschen ja immer, was sie alles stresst. Ich finde das Gegenteil interessant."

Wenn eine Patientin beispielsweise Überforderung im Beruf verspürt, nur noch mit Magenschmerzen ins und spät aus dem Büro kommt, kann dies negativer Stress bedeuten. Verbringt die Person jedoch die gleiche Zeit damit, ihre kranke Großmutter zu pflegen, was körperliche und psychische Anstrengung bedeutet, kann diese Tätigkeit trotz gleicher Belastung weniger stressvoll empfunden werden. Im Gegenteil, wenn man nach einem solchen Tag trotzdem strahlt, heißt das für Andrea: "Dann weiß ich: Kümmern empfindet die Person als total stressfrei, sie liebt es sogar."

Es ist ein großer Irrtum, zu meinen, dass Ruhe pauschal gut für uns ist.

So könne jede:r für sich herausfinden, worin im Leben die wirklichen Stressquellen bestehen – und wie wir diese abbauen, ohne uns einen weiteren Pflichttermin in den Kalender zu setzen. Denn hier würde ein großer Mythos lauern: "Es ist ein großer Irrtum, zu meinen, dass Ruhe pauschal gut für uns ist. Sie ist nicht für jeden gut, sondern die Menschen müssen gucken, wo ihr Einsatzgebiet ist, das sie beflügelt und bei dem sie aufblühen."

Wer sich nach einer anstrengenden Woche bewusst ein Wochenende gar nichts vornimmt, kann daraus also gestresster hervorgehen als zuvor – wenn er:sie zum Beispiel viel besser durch Outdoor-Aktivitäten oder soziale Veranstaltungen aufladen kann. Energiequellen sind also genauso herauszufinden wie Stressfaktoren. Und zuletzt sind es auch diese, die uns als Menschen ausmachen. Und nicht der Wettstreit um das höchste Stresslevel.

Guido

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