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"Heartstopper" Die Jugend, die ich nie haben werde

"Heartstopper": Nick und Charlie
"Heartstopper": Nick und Charlie.
© Netflix
"Heartstopper" ist es mehr als einmal gelungen, mein Herz zum Aussetzen zu bringen. Und mir Tränen aus den schönsten und traurigsten Gründen aufsteigen zu lassen.

"Heartstopper" – nur eine weitere von unzähligen Netflix-Serien, die auf erfolgreichen Medien basieren, dachte ich mir noch. In diesem Fall übrigens auf einem Web-Comic, der inzwischen auch als haptischer Band erworben werden kann. In beiden Versionen – dem Comic, geschrieben von Alice Oseman, und der Serie, produziert von Zorana Piggott – geht es zum einen um den jungen, schwulen Außenseiter mit dem Namen Charlie Spring, der auf eine Jungenschule geht. Zum anderen geht es um Nicholas "Nick" Nelson, einen augenscheinlich heterosexuellen Rugby-Spieler, der im Gegensatz zu Charlie allein aufgrund seiner Sportlichkeit und seines Aussehens sehr beliebt ist. Die beiden werden in der ersten Folge in einem Kurs zusammengesetzt, und es ist – natürlich – für Charlie Liebe auf den ersten Blick.

Doch was ich in der ersten Folge als recht süß und charmant gefilmt abstempelte (so tauchen in besonderen Momenten animierte Blätter, Funken und Herzen auf), sollte mich komplett in seinen Bann ziehen und auf die schönste und schlimmste Weise triggern. Darauf war ich, ehrlich gesagt, absolut nicht vorbereitet.

"Heartstopper" ist eine Seltenheit unter queeren Medien

Als queere Person habe ich queeren Filmen und Serien selten viel abgewinnen können, bzw. bin sehr skeptisch bei diesen Medien. Natürlich gibt es auch in diesem Genre wunderschöne Produktionen wie beispielsweise der Film "Call Me by Your Name", der mich lange Zeit verfolgt und bewegt hat. Doch auf jedes solcher guten Beispiele gibt es zehnfach öfter eine Produktion wie die ARD-Serie "All You Need", die ich in puncto Dialoge und Darstellung teils als lächerlich, teils als beleidigend empfinde.

Queerness wird als etwas durch und durch Dramatisches behandelt, das nur in Leid, Trauer und Tod enden kann.

Beide genannten Beispiele halten sich mit dem Klischee des:der "tragischen Homosexuellen" zurück, der:die unter dem Erwachen der Sexualität unheimlich leidet, dessen:deren Coming-Out ein riesiges und für alle Beteiligten enorm schweres Ereignis wird, nach dessen Ende man sich mit den Liebsten entweder für alle Zeiten zerwirft oder weinend in den Armen liegt. The Drama! Und ich bin bis heute über jede queere Geschichte froh, in der nicht eine der beiden Personen brutalst verbal oder psychisch gequält oder gar getötet wird. Wirklich, als ich "Call Me by Your Name" schaute, dachte ich über den ganzen Film: "Ich hoffe, niemand der beiden muss sterben." Und erst als der Abspann kam, konnte ich erleichtert aufatmen. "Begrabe deine Homosexuellen" ist bis heute nämlich auch ein klischeebeladener und beliebter Umgang mit queeren Menschen in Medien. Als wäre Queerness etwas durch und durch Dramatisches, als würde die Geschichte der Queeren immer nur in Leid, Trauer und Tod enden können, wie alles, was nicht normal ist für die Mehrheitsgesellschaft.

Aber zurück zu "Heartstopper", das diese Klischees gekonnt umgeht, und warum mich die Serie als gleichermaßen glückliches wie traumatisiertes emotionales Wrack zurückgelassen hat. Ab hier gibt es Spoiler für die erste Staffel der Netflix-Serie. Bitte, schaut sie euch an. 

"Heartstopper": Tara Jones feiert ausgelassen die Liebe
"Heartstopper": Tara Jones feiert ausgelassen die Liebe.
© Netflix / PR

Eine queere emotionale Achterbahnfahrt

Die Serie (ich kann nur von ihr sprechen, den Comic habe ich noch nicht gelesen) macht so unheimlich viel richtig bei der Darstellung von Queerness: Charlie ist ein unsicherer, gar traumatisierter, junger Mann, der nicht so richtig glauben kann, dass ihn irgendjemand auf der Welt nicht als Ärgernis sieht. Seine Homosexualität hat nur indirekt damit zu tun – sie war der Grund, warum sich homophobe Menschen auf ihn gestürzt und ihn über ein Jahr lang in der Schule gequält haben. Ganz klar ist aber in der Serie: Die Gesellschaft hat das mit Charlie getan, seine sexuelle Orientierung hatte damit am Ende nichts zu tun.

Aus der Erkenntnis, anders zu sein, eine Stärke und Selbstliebe zu schaffen, gelingt nicht jedem Menschen – schon gar nicht auf Anhieb.

Als jemand, der einen großen Teil der Jugend in einem Dorf in Nordrhein-Westfalen verbracht hat, holt mich dieses Narrativ – leider – ab. Ich war sehr hart in meinem anfänglichen Urteil über Charlie, der sich im Laufe der Serie für jede Kleinigkeit entschuldigt und im Grunde nur meint: "Es tut mir leid, dass ich lebe." Bis ich erkannt habe, dass Charlie auch in mir ist, der Teil von mir, der bis heute nicht wirklich überzeugt davon ist, liebenswert zu sein. 

Doch es ist nicht nur Charlie, der mich im Herzen berührt: Als Nick sich seiner Gefühle für seinen "besten Freund" immer klarer wird und sich im Internet über Homosexualität informiert, da kommen ihm die Tränen, als ihm klar wird, dass er es wohl ist (im Laufe der Serie erkennt er, dass er bisexuell ist). Und sie kommen ihm nicht, weil er homophob ist oder meint, das nicht sein zu dürfen. Sicherlich, seine Klischee-Hetero-Freunde sind furchtbar, teils tatsächlich homophob. Aber die Tränen treiben nicht sie ihm in die Augen, sondern die Erkenntnis, dass er nicht "wie alle anderen" ist und nie sein wird. Aus dieser Erkenntnis eine Stärke und Selbstliebe zu schaffen, das gelingt nicht allen und schon einmal gar nicht von einem auf den anderen Tag. Zuschauer:innen begleiten ihn auf diesem Weg, der so sensibel, so gut geschrieben ist, dass mir selbst die Tränen in die Augen kommen, wenn ich nur daran denke und darüber schreibe.

Und auch die Freund:innen von Charlie, die in der Serie eine größere Rolle einnehmen als in der Vorlage, sind allesamt glaubhaft und in ihrer Angst, die nicht nur Teenager empfinden, absolut nachvollziehbar. Besonders Elle Argent, ein trans Mädchen, das auch in der Serie von einem trans Mädchen gespielt wird, blieb mir in Erinnerung. Sie ging eine Zeitlang ebenfalls auf die Jungenschule, in der ersten Folge wird ihr Wechsel auf eine Mädchenschule so beiläufig erwähnt, dass ich erst Folgen später verstand, was ihre Geschichte ist. Die von so vielen transphoben Menschen gepriesene "Natürlichkeit" wird in "Heartstopper" so wunderbar aufgegriffen: Elle ist ein trans Mädchen, also ist sie natürlich ein Mädchen, also geht sie natürlich auch auf eine Mädchenschule. Damit ist dieser Teil ihrer Geschichte beendet.

Das Coming-Out der queeren Figuren wird als das Erlebnis dargestellt, das es ist: individuell, manchmal beängstigend, am Ende eine Befreiung und Darstellung der schönsten Emotion, die die Liebe nun einmal ist. Tara Jones, die ebenfalls auf der Mädchenschule ist, macht die Beziehung zu Darcy Olsson so Gen-Z-mäßig öffentlich, wie es sich ein 30-Jähriger wie ich nur vorstellen kann: über ein Foto auf Instagram. Und sicherlich, da ist zum einen der wundervolle Moment zwischen den beiden Mädchen, die sich auf einer Party küssen und die Leichtigkeit und Schönheit der Liebe zelebrieren, dass es nicht nur Nick davon überzeugt: Ja, Liebe ist alles wert. Es wird allerdings auch die Gefahr behandelt, auf einmal von anderen Menschen auf die sexuelle Orientierung reduziert zu werden. Und die Serie zeigt auch, was emotional mit einem Menschen passieren kann, der sich der Welt nicht öffnen möchte und kann – und wie viel Schaden das bei ihm und anderen anrichtet.

Die Jugend, die mir verwehrt blieb

Als ich die Serie zu Ende geschaut hatte, fühlte ich etwas sehr Seltsames in mir: Hilflosigkeit. Ich wollte nicht, dass sie vorbei ist, ich wollte in dieser Welt verweilen, wollte sehen, wie die Beziehung zwischen Charlie und Nick, nun, da sie öffentlich ist, weitergeht. Was zwischen Charlies bestem Freund Tao Xu und Elle passieren wird, die beide langsam erkannt haben, dass sie mehr als Freundschaft verbindet. 

Doch vor allem wurde ich herausgerissen aus einem "Was wäre, wenn …?" meiner Jugend. Was wäre, wenn ich damals so eine Serie hätte sehen können, die mir zeigte, dass Homosexualität nichts Verwerfliches ist, keine Beleidigung, kein Grund für Scham? Die bittersüße Wahrheit, die ich bei all den herzerwärmenden und -zerreißenden Momenten von "Heartstopper" für mich erfahren musste, ist: Diese Jugend werde ich niemals haben. Die Zeit, in der Gefühle zum ersten Mal hervorkommen, in der alles aufregend und neu und beängstigend und intensiv und grausam und wundervoll ist, diese Zeit ist für mich vorbei. Das ist die schlimmste Erkenntnis, die ich aus der Netflix-Serie, auf die ich emotional so gar nicht vorbereitet war, mitnehmen musste, auch, wenn ich "meinen Nick" tatsächlich noch gefunden habe, Jahre später.

Ich bin stolz auf eine Community, die für ihre Rechte, für ihre Liebe und für ein Leben mit erhobenem Haupt kämpft.

Doch dann empfinde ich auch ein Gefühl der ungreifbaren Dankbarkeit: Ich bin so froh, dass es diese Serie gibt, wenn schon nicht für mein 15-Jähriges Ich, dann für die 15-Jährigen auf der ganzen Welt, die mit ihrer Sexualität hadern. Wenn ich mir auf Instagram, Youtube und TikTok all die emotionalen Reaktionen, die Geschichten und die Menschen anschaue, dann empfinde ich genau das, was im Juni eines jeden Jahres zelebriert wird: Stolz. Ich bin stolz auf eine Community, die für ihre Rechte kämpft, für die Liebe, für ein Leben mit erhobenem Haupt.

"Heartstopper" holt uns am Ende alle ab: Ob wir hetero-, homo-, bi-, pansexuell sind, ob wir cis, trans oder non-binär sind – das ist alles am Ende aller Tage nichts weiter als ein Label. Was uns ausmacht, ist die Fähigkeit zu lieben. Egal wie beängstigend, einnehmend, überwältigend sie manchmal sein mag: Die Liebe überwiegt alles.

Guido

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