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Das beste kommt zum Schluss Warum wir uns alle über das Altwerden freuen sollten

Altwerden: Darum sollten wir uns darüber freuen
Altwerden: Auch beim Alter ist es, wie bei vielen Dingen, eine Sache der Einstellung.
© oneinchpunch / Adobe Stock
Wir alle werden älter, daran gibt es nichts zu rütteln. Doch wir sollten dem Altwerden mit Freude entgegenblicken, sagt auch eine Studie.

Altwerden ist nicht für jede:n gemacht, aber jede:r ist fürs Altwerden gemacht. Denn für gewöhnlich läuft es bei uns nicht wie bei "Benjamin Button": Wir kommen als Babys auf die Welt und werden jeden Tag ein Stück älter. Es ist alles andere als verkehrt, sich mit diesem Umstand anzufreunden, gegenteilig ist es sogar gesund für uns, wenn wir dem Lebensabend mit Positivität entgegenblicken, wie jüngst eine Studie feststellte.

"Agesim" – ein Problem der Neuzeit

Die Alten haben es nicht leicht in unserer Welt: Niemand will ihnen zuhören ("Wieso auch, die leben doch eh nicht mehr lange"), niemand will sein wie sie ("Alte Leute meckern nur noch den ganzen Tag über alles") und erst recht möchte niemand zu ihnen werden ("Bloß nicht alt werden, das Leben ist dann nur noch anstrengend"). Schon in den 60er-Jahren hat sich "Agesim" oder "Altersdiskriminierung" etabliert und auch heutzutage kommen "die Alten" nicht gut weg.

"Die Alten" verstehen "die Jungen" und ihre Probleme nicht – andersherum verhält es sich genauso. Wir alle hatten sicherlich schon den ein oder anderen Moment, in dem wir bemerkten, dass wir einfach nicht mehr die jungen Hüpfer:innen sind, die wir einst waren. Die Musik von heute? Was für ein Lärm, die besteht ja nur noch aus einem Refrain, wo ist die Tiefe? Die Technologie? Alles muss immer schneller, kleiner, besser werden. Die Sprache? Wer kommt da noch hinterher? Was bitte ist denn "Gommemode"?

Alles ist eine Sache der Perspektive – auch das Altwerden

Altwerden ist auch eine Sache der Einstellung – und tatsächlich kann sich eine optimistische Sichtweise auf diesen natürlichen Vorgang positiv auf unsere Lebenserwartung auswirken, wie eine Studie zeigt. 

Natürlich geht es hierbei nicht darum, gute Miene zum bösen Spiel zu machen: Älter zu werden bedeutet auch immer Verluste. Den Verlust von Körpermotorik, von nahestehenden Menschen, von Erinnerungen, Flexibilität und Unabhängigkeit. Diese Faktoren zu ignorieren oder gutzureden, hilft niemandem. Doch wie möchte man mit diesen Verlusten umgehen? 

Es gibt laut einer Studie mehrere "Schwellenwerte", die zu einer negativen sozialen Identität führen können. Zum Beispiel die Tatsache, dass man mit der aktuellen Technik nicht zurechtkommt, Hilfe braucht und von einem Mitarbeiter in einem Elektronikgeschäft als "unfähig, weil alt" hingestellt wird. Es folgen im Laufe des Lebens noch viele weitere Schwellenwerte, Verluste von verschiedenen Funktionen und Dingen. Es stellt sich dann die Frage, ob man um diese Verluste "trauert" oder feiert, was man gewinnt.

Altwerden als Gewinn an Erfahrungen

In einer Studie vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung nutzten die Forscher:innen einen Längsschnittdatensatz, der erstmals 1996 bei über 2.400 in einer Gemeinde lebenden Menschen im Alter von 40 bis 85 Jahren erhoben und über einen Zeitraum von 23 Jahren verfolgt wurde. Im Verlauf der Studie gab es 871 Todesfälle und (unter Berücksichtigung statistischer Kontrollen) überlebten eher die Menschen, die das Altern mehr aus einer Gewinn- denn aus einer Verlustperspektive betrachteten. 

Hierbei wurde eine sehr einfache Messung genutzt, und zwar das subjektive Alter ("Wie alt fühlen Sie sich?") und die Selbstwahrnehmung des Alterns, also ob das Älterwerden für die Person eher einen Gewinn darstellt ("Altern bedeutet für mich, dass ich immer noch neue Dinge lernen kann") oder einen Verlust ("Älter werden bedeutet für mich, dass ich weniger gesund bin"). Überraschenderweise hatte das subjektive Empfinden des Alters keine Auswirkung bei den Menschen. Es war also ziemlich egal, ob sich eine Person wie 40 fühlte, aber eigentlich bereits 80 Jahre alt war.

Wir haben die Wahl, ob wir uns von den Verlusten im Alter entmutigen lassen oder der Welt mit derselben Offenheit und Neugierde begegnen wie in den ersten Jahren unseres Lebens.

Das Ergebnis zeigt: Diejenigen, die das Altern aus einer Gewinnperspektive betrachteten, also das Älterwerden als "nicht so schlimm" ansahen, lebten länger. "Konkret war die Sterblichkeit bei Personen, die das Altern als weniger mit einer fortschreitenden Entwicklung verbunden betrachteten, nach 20 Jahren etwa doppelt so hoch wie bei Personen mit einer eher gewinnorientierten Selbstwahrnehmung des Alterns", so die Autor:innen der Studie.

Wer also mit technischen Geräten Probleme hat, der:die kann sich einfach vergegenwärtigen, dass er:sie schon hunderte neue Geräte in der Hand hielt und am Ende verstand – wie auch dieses Gerät irgendwann verstanden wird. Jeder Mensch sammelt über die Jahrzehnte unzählige Erfahrungen, die nur mit dem Alter auftreten können. Sicherlich, genauso kommen mit der Zeit auch viele Verluste auf uns zu – doch wir haben die Wahl, ob wir uns von ihnen entmutigen lassen oder der Welt mit derselben Offenheit und Neugierde begegnen wie in den ersten Jahren unseres Lebens.

Verwendete Quellen: pubmed.gov, psychologytoday.com, who.int, rp-online.de, psycnet.apa.org

cs Guido

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