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Anastasia Biefang Im Gespräch mit Guido

Anastasia Biefang: Im Gespräch mit Guido
© Enver Hirsch
Was, wenn man als Oberstleutnant bei der Bundeswehr arbeitet und eine Geschlechtsangleichung zur Frau plant? Anastasia Biefang hat es gewagt. Sie wurde zu Deutschlands erster trans Kommandeurin und spricht mit Guido über die Reaktion ihrer Kolleg:innen und die Kunst, nicht in Schubladen zu denken.

Liebe Anastasia, was für ein Geschenk, dass du hier bist. Ich habe deine Geschichte gelesen, du als trans Frau beim Bund – einer Welt, wo man das ja nun gar nicht vermutet. Als ich gemustert wurde und sagte: “Ich bin schwul“, hieß es nur: “Nee, dann lassen wir das lieber!“
Ja, bis Ende der 90er hat die Bundeswehr noch aktiv gegen Homosexualität diskriminiert. Als ich 1994 als Mann für den Wehrdienst eingezogen wurde, gab es auch noch gar keine Frauen in den Streitkräften. Die waren höchstens im Sanitätsdienst. Da hat sich bis heute zum Glück einiges verändert.

Du bist danach bei der Bundeswehr geblieben, hast dort studiert und Karriere gemacht. Wann hast du denn gemerkt: Ich bin in Wahrheit eine Frau?
Vieles weiß ich erst rückblickend, nach vielen Gesprächen mit meinem Therapeuten. Angefangen hat das mit 17. Damals fand ich mich am Kleiderschrank meiner Mutter wieder, habe deren Kleider angezogen, und das fühlte sich einfach stimmig an. Mode war also mein erstes Ventil. Aber was da in mir los war, konnte ich mit Worten noch gar nicht beschreiben. Heute, 2022 und mit Google, ist es einfach, Gleichgesinnte zu finden. 1991 war das noch nicht so. Ich habe es damals niemandem gesagt.

Kein Wunder: Wenn damals eine trans Frau im Fernsehen gezeigt wurde, zum Beispiel in Krimis, war das meist die Mörderin …
Eher noch das Opfer. In der Regel haben trans Frauen keine 90 Minuten überlebt. Es wurde öffentlich immer suggeriert: Solche Menschen sind falsch im Kopf oder gar gestört. Ich dachte deshalb auch lange, dass mit mir irgendwas nicht stimmt. Ich war ja verheiratet, arbeitete beim Bund, und beide Welten sagten mir gefühlt: “Sei Mann!“ Nur mein Empfinden war: “Ich bin aber keiner!“ Ich spürte mit der Zeit, wie ich an dieser Zerrissenheit zugrunde ging.

Warum bist du denn überhaupt als Junge, der früh schon so empfand, beruflich in eine solch reglementierte Männerwelt gegangen?
Wenn ich das alles schon mit 18 durchdacht hätte, wäre ich sehr reflektiert gewesen. Die Bundeswehr und meine Angst davor, zu mir zu stehen, passten auf eine ungute Weise sehr gut zusammen. Ich konnte dieses Gefühl dort erst mal verdrängen, aber es ploppte eben immer wieder auf. Auch daran ist meine erste Ehe irgendwann gescheitert. Doch die Trennung war der Beginn meiner Befreiung hin zu mir.

Du hattest dein Coming-out erst 2015, mit 41. Bereust du heute, so lange gewartet zu haben?
Ich hatte unfassbare Angst vor den Konsequenzen: Würde ich Liebgewonnenes verlieren? Kann ich den Job noch ausüben? Wie reagieren meine Eltern? Aber als es so weit war, konnten mich meine Eltern tatsächlich so annehmen, wie ich bin. Sie haben nach dem Outing sogar all ihren Freunden geschrieben: “Unser Sohn ist jetzt unsere Tochter. Wer damit ein Problem hat, kann uns aus dem Telefonbuch streichen.“

Wunderbare Aktion! Und was war bei der Bundeswehr los: Konnten dort die Soldaten mit der Neuigkeit umgehen?
Mein damaliger Referatsleiter hat großartig reagiert und gesagt: “Wir schaffen das gemeinsam.“ Später, als ich zur Kommandeurin ernannt wurde, worauf ich 23 Jahre hingearbeitet hatte, und mein eigenes Bataillon mit 500 Soldaten führen durfte, waren einige skeptisch. Kaum jemand hatte schon Kontakt zu einer trans Frau, und das Fremde weckt manchmal Ängste oder Irritationen. Aber die Soldaten durften mich alles dazu fragen. Und ich habe in der Kaserne auch für alle freiwillig den Dokumentarfilm “Ich bin Anastasia“* gezeigt, den Regisseur Thomas Ladenburger über mich und die Geschlechtsangleichung gedreht hatte. Dadurch hat es bei vielen Klick gemacht.

Den Film zeigst du ja auch immer wieder mal öffentlich mit anschließender Fragerunde. Warum hast du diesem sehr privaten Dreh zugestimmt?
Ich wollte Sichtbarkeit schaffen für eine Gruppe von Menschen, die bisher keine hatten. Dadurch kann ich hoffentlich mehr Akzeptanz erreichen.

Du machst damit auch das Licht an für all die armen Mäuse, die noch nicht wissen, wo sie hin wollen im Leben …
… und für deren Angehörige. Letztens saß bei meiner Filmvorführung in Berlin zum Beispiel eine Frau im Publikum, die mir später sagte: “Mein Sohn hat sich vor Kurzem als transgeschlechtlich geoutet. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Der Film hat mir Kraft gegeben: Das bekommen wir schon hin.“ Das war für mich die schönste Reaktion!

Respekt für deinen Einsatz. Du könntest ja auch sagen: “Wisst ihr was, Freunde, ich bin jetzt eine Frau. Seht mal selbst zu, was ihr draus macht …“
Dazu habe ich mir früher zu sehr eine Orientierungsperson gewünscht. Und dazu waren die Jahre bis zu meiner Entscheidung zu schmerzhaft. Dieses Leid treibt mich als Aktivistin heute noch an. Deshalb engagiere ich mich auch in dem privaten Verein QueerBw, der sich für einen wertschätzenden Umgang mit allen Queers in der Bundeswehr einsetzt, Vorträge anbietet und Ansprechpartner ist für Betroffene oder deren Angehörige. Auch für Menschen, die vielleicht erst überlegen, zum Bund zu gehen. Bei uns kann jeder seine Ängste loswerden.

Gerade die Entscheidung für geschlechtsangleichende OPs ist ja oft schwierig und langwierig … Wie hast du eigentlich den Moment erlebt, als deine OPs dann vollbracht waren?
Unglaublich emotional. Vier Tage nach der OP saß ich auf einem gynäkologischen Stuhl, bekam einen Spiegel in die Hand und sah erstmals meine Vagina. Ich habe geweint, die Ärztin und meine jetzige Frau Samanta auch. Da war nun der Körper, den ich innerlich schon immer hatte. Ich war Anastasia, nun endlich auch äußerlich.

Anastasia ist übrigens ein toller russischer Name! Eine Frau namens Anastasia wird doch durchs Leben getragen … ich kenne eine trans Frau, die sich Elke nennen wollte, da meinte die Frau auf dem Amt, die den neuen Namen eintragen sollte: “Oooch, nicht Elke! Sie haben doch die freie Auswahl …“ Eine Elke wird nicht getragen, die muss alles selber machen.
(lacht) Als ich den Namen vor vielen Jahren aussuchte, war ich nur in Chats als Frau unterwegs. Da hatte er noch was von: Zu schön, um wahr zu sein.

Um Geschlecht sowie Namen im deutschen Personenstandsregister ändern zu lassen, muss man ja immer noch einige Hürden nehmen …
Ja, das liegt am Transsexuellengesetz, das längst abgeschafft gehört. Ich musste deshalb erst zwei Gutachter davon überzeugen, dass ich mich wie eine Frau fühle. Diese mir fremden Menschen haben dann darüber entschieden, ob ich meinen Namen ändern darf – und das kostet dann auch noch 2.500 Euro. Es ist höchste Zeit für ein Selbstbestimmungsgesetz. Und bei unserer jetzigen Regierung haben wir gute Chancen, dass es endlich durchkommt.

Du sagtest es eben – du hast nach deinem Coming-out wieder eine Frau geheiratet. Haben da vorher nicht viele gedacht: Als Frau wird sie sich jetzt wohl einen Mann angeln?
Einer hat sogar gesagt: “Wenn du jetzt weiter Frauen datest, hat sich das doch gar nicht gelohnt.“ Die verstehen dann nicht den Unterschied zwischen sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität.

Deine Frau und du leben in einer offenen Beziehung. Wie ich den Medien entnommen habe, wurde das von der Bundeswehr etwas reglementiert, weil ihr auf Tinder nach sexuellen Bekanntschaften gesucht habt, Geschlecht egal. Das war der Bundeswehr dann doch zu viel!
Oh ja, es hieß, mein Sexualleben dürfe nicht wahllos sein, und ich erhielt einen Verweis. Dabei geht unser Lebensmodell ja wohl nur meine Frau und mich etwas an. Ich hoffe, dass der Fall bis vor das Verfassungsgericht geht. Auch Sven Lehmann, der Queerbeauftragte der Bundeswehr, sagte dazu, so sehr dürfe man nicht in das Privatleben eingreifen. Ich wollte nie einen Rechtsstreit mit meinem Arbeitgeber erleben, aber das geht wirklich zu weit.

Du sprengst ständig neue Grenzen. Ich finde dich unfassbar modern: Hier sitzt du heute vor mir als androgyner Typ. Du brauchst für dich offenbar keine 20 Zentimeter langen Wimpern oder andere Insignien des Frauseins.
Es ist an der Zeit, alte Zöpfe abzuschneiden. Am Anfang hatte ich auch ein eher weibliches Aussehen, aber dann habe ich das wieder durchbrochen. Ich möchte nicht mehr in starren Rollen leben. Also rüttele ich bewusst an Stereotypen. Zum Beispiel habe ich mir letztens mal einen Bart wachsen lassen.

Oha, da dachten doch sicher alle: Was ist jetzt schon wieder los mit ihr?
Mein Bart wächst halt, wenn ich ihn nicht rasiere. Er nimmt aber nichts von meiner Identität als Frau. Wenn du das so einordnest, sind das deine Geschlechtskategorien. Wer darf denn festlegen, wie ich als Frau auszusehen habe? Und wieso denkt jemand, sein Lebensmodell sei automatisch besser als meins?

Manchmal frage ich mich: War diese Akzeptanz vielleicht früher ganz automatisch in uns drin, und verlernen wir diese Offenheit über die Erziehung und unsere Gesellschaft?
Das finde ich einen schönen Gedanken. Kann gut sein. Ich habe das auch an meiner kleinen Nichte erlebt. Als mein Bruder und meine Schwägerin ihr sagten, dass sie nun eine Tante hat, war ihre einzige Frage: “Hat Tante Ana denn genug Kleider?“ Ja, meinte mein Bruder, und das Kind sagte: “Dann ist ja alles in Ordnung.“ Ganz einfach. Wenn auch Erwachsene jeden Menschen, der anders lebt als sie selbst, so wertfrei annehmen könnten, hätten wir eine sehr schöne Welt.

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