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Die Frauen von Belarus "Dass diese Frauen so einen Mut zeigen, muss doch etwas mit euch machen?"

Friedliche Proteste in Belarus
© Ks7794 / Shutterstock
Wer sind die drei Frauen, die Belarus bei der Wahl 2020 in eine neue Zukunft führen wollten – und die gewaltsam unterdrückt wurden? Journalistin Alice Bota erzählt ihre Geschichte.

Rund ein Jahr ist vergangen: Am 9. August 2020 endete die Präsidentschaftswahl in Belarus, die das Land in eine neue Zukunft hätte führen können. Einen Tag dauerte es, bis Machthaber Lukaschenko verkündete, die Wahl mit 80 Prozent gewonnen zu haben. Keine 24 Stunden dauerte es, bis das Ergebnis international angezweifelt wurde. Keine Woche, bis die Menschen auf die Straßen gingen. Am 16.8. begannen die Massenproteste, die daraufhin international durch die Medien gingen. 

Für Alice Bota begann das Gefühl des Umschwungs im Land, das nur 1.000 Kilometer von Deutschland entfernt liegt, schon früher. Dabei gehörten gesellschaftliche Aufwallungen für die Korrespondentin für Osteuropa zum Alltag. Schon vor der Wahl schrieb die Journalistin eine Kolumne in der Zeit: "Achten Sie auf diese Frauen", lautete deren Titel. 

Diese Frauen, das waren Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo. Erstere trat als Oppositionskandidatin an, letztere unterstützten sie. In die Politik wollte keine von ihnen. Und doch wurden die Hausfrau, die Musikerin und die IT-Managerin zu Hoffnungsträgerinnen für eine neue Zukunft für Belarus – und zu Symbolfiguren eines friedlichen Protests, der gewaltsam beendet wurde. 

Kennen tun Hintergrundgeschichte des Trios hierzulande nur wenige. Dabei klingt sie "wie eine Netflix-Serie", findet Alice Bota. Mit uns hat sie über die außergewöhnlichen Frauen von Belarus gesprochen, mit denen sie seit einem Jahr in Kontakt steht und denen sie nun ein Buch gewidmet hat.

Drei Frauen vereinigen sich, die, die offiziell kandidieren darf, ist eine unerfahrene Hausfrau, die eigentlich gar nicht in die Politik will. Klingt wie eine Serie.

Frau Bota, wieso hatten Sie schon vor der Wahl das Gefühl, dass in Belarus etwas Besonderes passierte?

Alice Bota
Autorin Alice Bota
© Sebastian Bolesch / Pressestelle

"Ich bin Korrespondentin für ein Gebiet, in dem gesellschaftliche Aufwallungen zum journalistischen Alltag gehören. Aber Belarus hat mich gleich gepackt, weil es eine so außergewöhnliche Bewegung war: Drei Frauen vereinigen sich, die, die offiziell kandidieren darf, ist eine unerfahrene Hausfrau, die eigentlich gar nicht in die Politik will. Das klingt wie eine Serie. Selbst wenn man keinen Bezug zu Belarus hat, müssten sich doch viele dafür interessieren."

Richtig interessiert hat es die Menschen aber erst nach der Wahl, oder?

"Ja, denn was danach passierte, waren diese unglaublichen Proteste: Wie viele Menschen auf die Straße gingen. Und mit welcher skrupellosen und furchtbaren Gewalt der Staatsapparat gegen diese Menschen vorging. Das war etwas, was ich bislang so noch nie erlebt habe. Ich hatte das starke Bedürfnis, dranzubleiben und dem deutschen Publikum die Ereignisse näher zu bringen. Da passiert etwas Außergewöhnliches, bei dem Frauen so sichtbar sind und eine so große Rolle spielen.“

Wann hatten Sie zum ersten Mal von Swetlana Tichanowskaja gehört?

„Es war mir gut sechs Wochen vorher klar, dass die Ereignisse nicht mit den üblichen politikwissenschaftlichen Maßstäben zu begreifen sind. Denn Swetlana Tichanowskaja ist eben keine natürliche Oppositionskandidatin, sie ist zu einer Politikerin wider Willen geworden. Das Besondere merkte man schon auf den Kundgebungen vor der Wahl: Es kamen Zigtausende, es herrschte eine unglaubliche Stimmung. Es war so friedlich. Sehr besonders. Sehr persönlich. Diese Frauen versuchten Nähe zu ihren Wähler:innen herzustellen.  Es ist nicht so, als hätte es vorher keine Oppositionsbewegung in Belarus gegeben. Aber es hat noch nie so einen Aufbruch gegeben.“

Sie waren eigentlich politische Konkurrentinnen, aber sie haben begriffen, dass sie sich zusammenschließen mussten, weil sie ein gemeinsames Ziel hatten: Nämlich endlich eine Alternative herbeizuführen.

Erzählen Sie doch mal kurz, wie sich diese drei Frauen überhaupt gefunden haben.

„Swetlana Tichanowskaja ist nur in die Politik gegangen, weil ihr Mann verhaftet wurde. Er wollte kandidieren. Sie war mit den Kindern zu Hause, war eigentlich Englischlehrerin. Sie hat aus Liebe und Respekt beschlossen, für ihn anzutreten. Das war die erste große Entscheidung in ihrer Beziehung, die sie allein getroffen hat. Ohne mit ihrem Mann darüber zu sprechen. Sie hatte nicht damit gerechnet, angenommen zu werden … und siehe da, das Regime hat sie zugelassen. Es sah in ihr irgendeine Hausfrau, die man nicht ernstnahm. Als alles seinen Lauf nahm, gab es mehrere Punkte, an denen sie hinschmeißen wollte. 

Da wiederum kamen ihr zwei andere Frauen zur Hilfe: Veronika Zepkalo, eine IT-Managerin, deren Mann ebenfalls kandidieren wollte und Drohungen bekam, dass man ihn festnehmen würde. Da sagte sie zu ihm: Du verlässt das Land mit den Kindern, ich mache weiter. 

Die dritte im Bunde, Maria Kolesnikowa, war schon immer die politischste von allen. Es mag überraschend klingen, dass eine Flötistin in die Politik geht. Sie selbst hatte keine politische Karriere angestrebt, aber sie wurde in den Stab von dem dritten Kandidaten geholt, der im Gefängnis sitzt und gerade zu 14 Jahren Lager verurteilt worden ist. Als er vor über einem Jahr verhaftet wurde, hat ebenfalls sie übernommen.“

Die Geschichte der Frauen ist dann ja sehr ähnlich: Drei Frauen, die für Männer antraten, die verhaftet wurden oder fliehen mussten. 

„Ja genau. Die drei Frauen repräsentierten unterschiedliche Kandidaten – sie sprangen alle für Männer ein. Dann trafen sie sich und wurden sich innerhalb von 15 Minuten über die entscheidenden Ziele einig. Sie waren eigentlich politische Konkurrentinnen, aber sie haben begriffen, dass sie sich zusammenschließen mussten, weil sie ein gemeinsames Ziel hatten: Nämlich endlich eine Alternative herbeizuführen.“

Alice Bota: Die Frauen von Belarus
Alice Bota: Die Frauen von Belarus – von Revolution, Mut und dem Drang nach Freiheit, Berlin Verlag, 18 Euro
© Piper Verlag / PR

Wenn Sie das so erzählen, klingt es wirklich wie im Hollywoodfilm, die Frauen als die drei Hoffnungsträgerinnen für eine neue Gesellschaft. Wann begann die Stimmung im Land zu kippen?

„Kurz nach der Wahl hatte ich ein Kommissionsmitglied am Telefon, das mitgeholfen hatte, die Wahl zu fälschen. Diese Person brach in Tränen aus und erzählte mir alles. Da war ich mir noch sicher, dass die Machtverhältnisse kippen und jetzt alles anders werden würde. Ich glaube, dieses Gefühl hatten viele Menschen, die sich damals ihrer eigenen Kraft bewusst wurden und begriffen, wie viele sie waren und wie bescheiden das war, was sie forderten. Sie wollten keine blutige Revolution. Sie wollten einfach, dass ihre Stimme zählte und Lukaschenko Platz für etwas Neues machte. Ich dachte, dieser friedliche Protest ließe sich nicht wieder einfangen. Und dann? Dann kam der für mich persönliche Wendepunkt, als im November Roman Bondarenko starb.“

Er ist einer der Menschen, die die Proteste mit ihrem Leben bezahlen mussten?

„Das war ein Künstler, ein junger Mann, 31 Jahre alt. Er lebte am Platz des Wandels, an dem sich die Nachbarn trafen und Tee tranken. Roman gab den Kindern Malunterricht und war sehr engagiert. Immer wieder wurden in dem Hinterhof weiß-rot-weiße Schleifen geknüpft (ein Symbol des friedlichen Protests gegen Lukaschenko, Anm. d. Redaktion), immer wieder kam jemand von der Stadt und entfernte sie. Eines Tages, als wieder Schleifen entfernt wurden, ging Roman runter. Maskierte Männer nahmen ihn mit und nach zwei, drei Stunden auf der Polizeistation tauchte er in der Notaufnahme eines Krankenhauses wieder auf. Er starb, erlag seinen Verletzungen.“

Weiß man, was mit ihm passiert ist?

„Eine Journalistin hat den medizinischen Untersuchungsbericht veröffentlicht. Der dokumentierte die schweren Verletzungen. Die Ermittler erzählten, er sei ein Trunkenbold gewesen, der Ärger gemacht und sich geprügelt hatte. Im Untersuchungsbericht ist dokumentiert, dass er 0,0 Promille hatte. Der behandelnde Arzt, der den Bericht weitergegeben hatte und die Journalistin sind später zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Daraufhin wurde der Platz des Wandels zu einer Art Pilgerstätte für Menschen aus dem ganzen Land, die kamen, um zu trauern, Blumen und Kerzen niederzulegen. Die Menschen waren wütend, traurig und hatten gleichzeitig das Gefühl, jeder könnte der nächste sein. Diese stille Stätte wurde geräumt. Mit Blendgranaten, Tränengas und Sondereinsatzkräften. Als das geschah, wusste ich, da kippt etwas. Das wird ein sehr langer Kampf.“

Das einzige, was Menschen halbwegs vor Folter bewahren kann, ist Aufmerksamkeit. Solidarität. Immer und immer wieder.

Und der dauert bis heute an. Wie geht es den Frauen denn aktuell?

„Swetlana Tichanowskaja wurde außer Landes gezwungen. Sie wird von dem Regime als Terroristin gesucht. Ihre ganze Geschichte wird sie erst erzählen, wenn ihr Mann frei ist. Sie hat sich in der litauischen Hauptstadt Vilnius einen Stab aufgebaut und kämpft von dort aus weiter als Anführerin eine freien Belarus, wie sie sich nennt.“

Und die anderen beiden?

„Maria Kolesnikowa hat sich geweigert, das Land zu verlassen. Sie wurde im September vergangenen Jahres mitten auf der Straße verschleppt. Das ist durchaus üblich in Belarus. Man hatte sie an die Grenze zur Ukraine gefahren und erklärt, wenn sie nicht bereit wäre, zu kooperieren, würde sie entweder zerstückelt oder für viele Jahre in ein Straflager gesteckt werden. Als sie dann im Wagen saß, entdeckte sie ihren Pass. Nahm ihn und zerriss ihn, kletterte aus dem Fenster der Rückbank und marschierte wieder Richtung Belarus. Daraufhin hat man sie festgenommen, seither sitzt sie im Gefängnis und wartet auf ihren Prozess. Die Dritte, Veronika Zepkalo, hatte schon am Wahltag selbst das Land verlassen, um bei ihrer Familie zu sein. Sie leben mittlerweile in Riga im Exil und sind als politische Flüchtlinge anerkannt.“

In Deutschland bekommt man derzeit nur vereinzelt immer wieder etwas davon mit, dabei passiert es ja quasi nebenan. Kann man hierzulande etwas tun? Was halten Sie von Social-Media-Aktionen, die immer wieder stattfinden?

"Alle, mit denen ich gesprochen habe, sind stets unglaublich froh über jegliches Interesse. Das ist eine unglaubliche Bescheidenheit und Dankbarkeit, dass man sie nicht vergisst. Aufmerksamkeit ist das einzige, was sie schützt, vor allem auch jene, die im Gefängnis sitzen. Das einzige, was Menschen halbwegs vor Folter bewahren kann, ist Aufmerksamkeit. Solidarität. Immer und immer wieder."

"Die Frauen von Belarus" von Alice Bota erscheint am 29.Juli im Berlin Verlag

Guido

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