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Frank Weber Der Tierheim-Held

Frank Weber: Der Moderator mit seinen Hunden
© Ilona Habben / Guido
Frank Weber leitet das Franziskus-Tierheim in Hamburg. Der Tierschützer und TV-Moderator über Tiervermittlung in Corona-Zeiten, illegalen Welpenhandel und die absurde Anspruchshaltung mancher Besucher.

Man erwartet Hunde oder Katzen, doch die ersten Tiere, denen wir im "Franziskus-Tierheim" in Hamburg-Lokstedt begegnen, sind Waschbären. Einer der drolligen Kerle rollt gerade ein hart gekochtes Ei zwischen seinen filigranen Pfoten hin und her, der andere sitzt in einem Wasserkübel und macht seinem Namen alle Ehre. "Die sind bei uns aufgewachsen", erklärt Frank Weber, der Leiter des Hauses, das vom Verein "Bund gegen Missbrauch der Tiere" betrieben wird. Die Waschbären wurden hier als Babys abgegeben und teilweise von den Pflegern mit nach Hause genommen und dort aufgezogen. So viel persönlichen Einsatz erlebt man wirklich selten!

Plötzlich wollten alle ein Tier haben

Es ist ein warmer Junitag und das Tierheim so leer wie noch nie. Normalerweise kommen hier bis zu 30 Hunde, doppelt so viele Katzen, dazu Mäuse, Meerschweinchen, Sittiche und Co. unter. Aber im Moment sind es nur ein paar Kleintiere und eine Handvoll Hunde aus der Türkei, Rumänien und Fuerteventura, die jeden Besucher lautstark begrüßen.

"Dass es hier so leer ist, hat eindeutig mit der Pandemie zu tun. Plötzlich wollten alle ein Tier haben, sodass wir momentan überwiegend Hunde aus dem Ausland vermitteln", sagt Frank Weber. Wie zum Beispiel die zwei süßen Pointermixe Ela und Enna und den niedlichen struwweligen Pino aus Rumänien, die in ihren tipptopp sauberen Boxen mit Spielzeug und Hundebetten darauf warten, dass sich jemand in sie verliebt und mit nach Hause nimmt. Die Chancen stehen gut, denn die drei sehen gesund und munter aus – und vor allem bildhübsch. "Die Optik spielt bei der Adoptionsentscheidung eine große Rolle", erklärt Heimleiter Weber, und man sieht ihm deutlich an, wie er dazu steht.

Wir sehen schon auf uns zukommen, dass es hier bald wieder sehr voll wird

Man könnte denken, ein leer gefegtes Tierheim sei eine erfreuliche Bilanz, doch Frank Weber äußert Bedenken: "Wir sehen schon auf uns zukommen, dass es hier bald wieder sehr voll sein wird", meint er. Denn sobald der normale Berufsalltag zurück ist und viele der frisch gebackenen Hundebesitzer feststellen, dass sie sich eben doch nicht so um die Tiere kümmern können, wie es in einem Jahr mit Homeoffice möglich war, dürften sich die Boxen wieder füllen. "Dazu kommen noch die vielen Hunde aus dem illegalen Welpenhandel, der während der Pandemie auf Plattformen wie Ebay geradezu explodiert ist", sagt Weber. Besonders schlimm ist es mit Französischen Bulldoggen, die sind mega in, aber rassebedingt oft krank und werden wieder abgegeben, sobald Tierarztkosten entstehen.

Frank Weber ist Tierschützer durch und durch. Seit 17 Jahren leitet der Heidelberger das "Franziskus-Tierheim" nun schon – mit Herz und Verstand. Und nicht nur das: Viele kennen den 53-Jährigen als Moderator der Fernsehsendung "hundkatzemaus" bei VOX, wo er sich für Haus- oder Nutztiere in schwierigen Situationen einsetzt und sie liebevoll in andere Hände vermittelt. So sehr Webers Herz für Tiere schlägt: Er ist sich selbstverständlich darüber im Klaren, dass ein Tierheim auch wirtschaften muss und mit reiner Tierliebe kein Geld in die Kassen kommt. Ein Hund kostet das Heim beispielsweise rund 600 Euro an Arzt- und Haltungskosten, für 300 Euro wird er abgegeben. Ohne Spenden geht es also nicht, und Weber ist dankbar, dass das "Franziskus-Tierheim" im vergangenen Jahr eine größere Erbschaft gemacht hat. Denn alle zehn Tierheime des Dachvereins tragen sich zu 85 Prozent aus Spendeneinnahmen.

Im Laufe seines Arbeitslebens hat Frank Weber viel erlebt und gesehen, es gibt kein Tierschutzthema, bei dem er nicht in Fahrt kommt. Richtig wütend wird er aber über die Anspruchshaltung mancher seiner Besucher: "Früher holte man sich ein Tier aus dem Heim, um etwas Gutes zu tun. Heute fühle ich mich wie ein Gebrauchtwagenhändler", sagt er. Die Leute wollen möglichst eine Garantie auf alles. Deshalb sieht Weber den Schwerpunkt seiner Arbeit auch darin, aufzuklären und zu beraten. Denn wer ein Tier aus dem Heim aufnimmt, trägt immer auch ein Restrisiko: Die Tiere werden zwar untersucht und ärztlich betreut, aber niemand weiß, was sie in ihrem Vorleben mitgemacht haben oder welche Krankheiten sie entwickeln können. Darum ist es auch so wichtig, dass die Menschen, die ihre Tiere im Heim zur Weitervermittlung abgeben, ehrlich bei der Angabe der Gründe sind. "Leider trauen die meisten sich nicht, zu sagen, dass sie einfach überfordert sind oder das Tier nicht mehr zu ihren Lebensumständen passt", so Weber. Tierhaarallergie, Trennung oder Beißattacken werden dann einfach vorgeschoben. Besonders Letzteres ist für die Zukunft eines Hundes dramatisch, weil er dann fast nicht mehr vermittelbar ist und kaum eine Chance hat, einen neuen Besitzer zu finden.

Im Schnitt kommen die Tiere zwischen drei Tagen und drei Monaten im "Franziskus-Tierheim" unter. Sechs fest angestellte Pfleger, einige 450-Euro-Kräfte und zahlreiche Freiwillige kümmern sich mit Hingabe um das Wohl der jeweiligen Bewohner. Ihr Tag beginnt morgens um neun, dann wird Gassi gegangen, gefüttert, die Käfige werden gereinigt und Medikamente ausgegeben. Um 13 Uhr steht die nächste Gassirunde an, und von 15 bis 17.30 Uhr ist das Heim offen für Besucher und Interessenten. Dann werden Fragen beantwortet, Tiere gestreichelt und sich gegenseitig auf der großen Auslauffläche beschnuppert. Hat ein Hund zum Beispiel jemandes Herz erobert, wird die Person erst mal auf Herz und Nieren geprüft. Mehrfaches Gassigehen mit dem potenziellen neuen Schützling inklusive. Frank Weber möchte, dass seine Tiere auch wirklich ein liebevolles Zuhause finden – und zwar für den Rest ihres Lebens. 

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Guido Heft Nr. 10/2021.

Guido

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