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Selbstliebe Wie mir meine Community geholfen hat, mich und meine Asexualität zu verstehen und zu akzeptieren

Thema Asexualität: Vier Frauen essen gemeinsam Kuchen und posen in die Kamera
Einer der beliebtesten Sprüche unter Asexuellen (auch: "Aces" genannt) : Kuchen ist besser als Sex – und andere Aces verstehen das. "Ich würde lieber Kuchen essen", gibt es sogar als Aufdruck auf diversen T-Shirts.
© Drobot Dean / Adobe Stock
Gute Freund:innen geben uns ein Gefühl von Geborgenheit. Doch gerade für die LGBTIQ+-Community – und im Fall meiner Interviewpartnerinnen: asexuellen Frauen – sind andere Personen, die sie verstehen, besonders wichtig.

Wenn wir uns nicht verstanden fühlen oder immer wieder hören, dass unsere Gefühle nicht gerechtfertigt seien, dann macht das etwas mit uns: Wir zweifeln an uns selbst, an unseren Entscheidungen und der Art und Weise, wie wir uns selbst verstehen. Dieses Problem kennen meine Interviewpartnerinnen Nina Raap und Franziska Hörstgen.

Sie sind beide asexuell, verspüren also keine sexuelle Anziehung zu anderen Personen. Eine Tatsache, die Freund:innen am Anfang, bevor die zwei den Namen für ihre Sexualität gefunden hatten, oft nicht nachvollziehen konnten und die sie deshalb verunsichert hat.

Statt sie und ihre Bedürfnisse zu akzeptieren, hieß es oft, dass sie beispielsweise "nur noch nicht den Richtigen gefunden" oder "das Richtige ausprobiert" hätten. Ihre Sexualität wurde von nicht asexuellen Personen, auch Allosexuelle genannt, oft heruntergespielt oder nicht ernst genommen.

Die Ungewissheit über sich selbst

Lange Zeit haben Franziska und Nina keinen Ausdruck dafür, wie sie fühlen. Während Freund:innen von Erregung und den ersten sexuellen Erfahrungen mit ihren Partner:innen schwärmen, fühlen ihre Körper nicht so, wie es die anderen von ihnen erwarten. "Bei mir hat es mit meinen ersten Beziehungen angefangen", erzählt Franziska. Ihre damaligen Partnerschaften waren mit Allosexuellen. Obwohl sie selbst keine sexuelle Interaktion braucht, geht sie sie in ihren Beziehungen ein. Denn das gehört in den Augen der Personen, mit denen sie zusammen ist, dazu. "Sex war für mich okay, aber mehr auch nicht. Meine Freundinnen waren deswegen übelst verwirrt und meinten so etwas wie: ‘Wird dir nicht warm, wenn du an ihn denkst? Spürst du das nicht? Bei mir zieht sich dann was im Bauch zusammen!‘ – und ich war ganz verwirrt und habe gedacht: ‘Okay, dann ist irgendetwas bei mir kaputt.‘"

Das Wissen über Asexualität

Erst mit 19 lernt Franziska zufällig den Begriff Asexualität kennen und merkt, dass dieser zu ihren eigenen Erfahrungen und Gefühlen passt. Seitdem kann sie klar unterscheiden, was sie fühlt und was sie eben nicht fühlt: "Eine sexuelle Anziehung habe ich gar nicht. Eine ästhetische oder romantische Anziehung habe ich aber gegenüber allen Geschlechtern.“  Schon damals ist sie viel in queeren Communitys unterwegs. Ihre Freund:innen sind sehr akzeptierend und zeigen Verständnis für ihre sexuelle Orientierung. "Mit einer Freundin habe ich viele offene Gespräche darüber geführt, wie sich das für uns anfühlt auf den verschiedenen Ebenen“, erinnert sich Franziska „und das hat mir extrem weitergeholfen, diese Akzeptanz dieser Freundin."

Nina trifft bei einer Internetrecherche das erste Mal auf ihre Sexualität. Mit anderen asexuellen Personen, die sich in der Community "Aces" nennen, zu chatten, hilft ihr dabei, sich selbst besser zu verstehen. Außerdem kann sie das, was sie fühlt, nun besser akzeptieren. "Ich fühlte mich nicht mehr so fehl am Platz“, erklärt sie. Denn selbst in queeren Communitys hat sie teilweise erlebt, dass Asexualität nicht immer akzeptiert wird, beziehungsweise einige Menschen der Meinung sind, dass Aces nicht zur LGBTIQ+-Community gehören. "Ich habe online sehr viele Leute kennengelernt, sehr viele Gleichgesinnte und das finde ich extrem wichtig“, sagt Nina.

Denn Queerness ist generell in vielen Bereichen unterrepräsentiert. Es wird seltener über andere Sexualitäten als die heterosexuelle Norm berichtet. Egal ob im Fernsehen, in Büchern oder im Internet. Bei Asexuellen, die selbst unter Menschen der LGBTIQ+-Community nicht immer auf Offenheit stoßen, ist das öffentliche Bild von Asexualität noch viel drastischer. Hauptcharaktere im asexuellen Spektrum? Eher nicht.

Warum Menschen mehr über das Spektrum lernen sollten

Generell wird das Spektrum oft falsch oder sehr reduziert dargestellt oder mit veralteten Vorurteilen wie Sexualstörungen oder einem Tumor, der die Lust unterdrückt. "Das ist ein Problem, weil es so viele Menschen gibt, die denken, irgendetwas stimmt mit ihnen nicht. Die fragen sich dann: ‘Warum will ich denn keinen Sex haben? Habe ich nicht den richtigen Partner oder bin ich irgendwie kaputt?‘", mit diesem Vorurteil hatten sowohl sie als auch Franziska bereits zu tun. Stattdessen würde sich Nina wünschen, dass ihre Sexualität auf weniger Ratschläge und Unglauben stoßen würde: "Asexualität ist vollkommen okay, embrace it (zu Deutsch: „Lass dich darauf ein“). Es ist etwas, das existent und nichts Schlechtes ist!", so die 21-Jährige.

Von Allosexuellen werden die beiden Frauen oft verurteilt, so Nina. "Sie fragen dann: ‚Hattest du überhaupt schon Sex? Wie kannst du wissen, dass du keinen Sex magst, wenn du ihn noch nicht hattest?" So etwas passiere ihr in der Ace-Community nicht und das sei ungemein angenehm: "Da heißt es: Ich bin asexuell. Punkt. Da muss man kein großes Ding draus machen."

Influencer:innen und YouTuber:innen

Franziska ist nicht in Online-Communitys aktiv, folgt aber Ace-Influencer:innen und Filmprojekten, die sich mit ihrer Sexualität befassen und selbst Teil des Spektrums sind. "Yasmin Benoit ist eine ganz große Youtuberin und Model, die dazu viel macht und es gibt auch verschiedene YouTuber, die viel über das Thema aufklären", erzählt sie. "Das hat mir extrem geholfen, weil ich in meinem direkten Umfeld niemanden kannte, der asexuell ist."

Generell seien ihre Freund:innen super akzeptierend und unterstützend. Doch trotzdem: "Zu wissen: Aces sind da. Sie existieren, wir existieren. Wir: Es gibt mehr Leute wie mich", das sei eine große Stütze gewesen. "Zu wissen, dass man nicht allein ist, auch wenn einem da gerade niemand direkt gegenübersitzt. Das finde ich, haben viele Aces richtig gut gemacht." Nämlich über Social-Media-Accounts, auf denen andere sie online finden können, Allosexuelle und Aces über die Sexualität lernen können – Gleichgesinnte, die sie verstehen. "Menschen, die so sind wie du und bei denen du nicht irgendwie ausgeschlossen bist."

A_Sexualität – nicht alle Aces sind gleich

Die menschliche Sexualität ist vielfältig – und zwischen Asexualität und anderen Sexualitäten wie Hetero-, Homo-, Bi-/Pan-Sexualität liegt ein breites Spektrum. A_sexuelle Menschen können daher unterschiedlich sein. Also: Welche Formen von A_Sexualität gibt es?

  • Demisexualität: Menschen, die sexuelle Anziehung nur verspüren, wenn sie bereits eine tiefe Bindung zu einer anderen Person aufgebaut haben, nennt man demisexuell.
  • Gray- oder Grau-Sexualität: Menschen, die sexuelle Anziehung sehr selten verspüren, oder nur unterschwellig oder den Begriff für die Art und Weise, wie sie fühlen als nicht hilfreich empfinden.
  • Fraysexuell: Menschen, die sich nur zu anderen Personen sexuell hingezogen fühlen, wenn keine emotionale Bindung besteht.

Weitere Infos zum Thema A_Sexualität gibt es beispielsweise auf der Internetseite www.aktivista.net oder der englischen Plattform www.asexuality.org.

Verwendete Quellen: Aktivista, Asexuality.org, Funk

Guido

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