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Jeannine Fasold Im Gespräch mit Guido

Jeannine Fasold: Jeannine und Guido posieren gemeinsam
© Enver Hirsch
Wenig Zeit, viel Druck, trotzdem auch Glück. Als Kinderkrankenschwester hat Jeannine Fasold, 49, täglich erlebt, was man alles bewegen kann. Aber auch, was Pflegenotstand wirklich bedeutet. Mit Guido spricht sie über ihre traurigsten Erfahrungen, die Pandemie und was es braucht, damit sich in der Pflege endlich grundlegend etwas ändert.

Liebe Jeannine, ich freue mich total, dass du da bist. Ich glaube, es wird viel zu wenig erzählt, was Menschen wie du leisten, die in der Pflege arbeiten. Du bist erst spät zu deiner Berufung gekommen, da warst du schon 40. Wie kam das?
Ich hatte vorher nie die Chance dazu. Dabei fand ich den Beruf schon immer spannend. Meine Mutter ist Krankenschwester. Sie hat mich schon als Kind immer mit in die Klinik genommen.

Das hat dich geprägt.
Und wie. Mit 16 war ich mit der Schule fertig. Eine Ausbildung zur Krankenschwester kam aber nicht infrage, dafür muss man 18 sein. Deswegen habe ich etwas anderes angefangen.

Und was war das genau?
Ich habe eine Ausbildung im Büro der Stadtverwaltung in Wuppertal begonnen. Im Tiefbauamt. Ich saß dort nur am Computer oder habe Postleitzahlen auf Kuverts geschrieben und sie auf eine Stadtkarte eingetragen. Das hat mich krank gemacht. Nach zwei Jahren habe ich gesagt: »Ich kann das nicht mehr«, und die Ausbildung abgebrochen.

Da sagen doch alle: Mein Gott, Jeannine, mach das bloß zu Ende, dann haste was Reelles.
Klar. Als Mutter würde ich das heute wohl auch sagen.

Was kam dann?
Ich bin in eine Fabrik gegangen und habe Kugellager für Fahrräder hergestellt.

Aber ist das nicht noch eintöniger und weiter weg vom Menschen?
Überhaupt nicht. Ich hatte mit vielen Menschen zu tun, die neben mir und um mich herum waren. Das war etwas ganz anderes. Als dann meine drei Kinder kamen, verschoben sich die Prioritäten.

Drei Kinder, da hat man erst mal genug zu tun.
Und wie! Und ich habe einen Sohn mit Behinderung. Der war ein Frühchen und hat durch den Sauerstoffmangel Spastiken bekommen. Wir waren dadurch oft im Krankenhaus. Da habe ich wieder gemerkt, wie sehr mich dieser Beruf fasziniert und dass ich unbedingt etwas in der Pflege machen möchte. Als die drei groß waren, sind sie die letzten zwei Jahre vor ihrer Ausbildung zu ihrem Papa nach Regensburg gezogen, wir waren da schon getrennt. Das war für mich der Punkt zu sagen: Ich geh das jetzt an.

Du bist zum Einstieg ungelernt in die Altenpflege. Sportlich!
Ich wollte einfach gucken, wie ist das überhaupt?

In der Altenpflege wird händeringend nach Personal gesucht. Da lernt man bestimmt, was Pflege bedeutet, aber auch, dass es ein System mit sehr wenig Zeit ist, oder?
Genau aus dem Grund bin ich nach sechs Monaten wieder raus. Die Arbeit im ambulanten Bereich hat mir das Herz gebrochen.

Wieso?
Weil es genauso ist, wie du sagst: Man hat so wenig Zeit, dass das Wichtigste verloren geht: die Menschlichkeit. Um jemandem Tabletten zu geben, hatte ich beispielsweise drei Minuten, dann musste ich schon wieder weiter.

Drei Minuten? Oh Gott, das reicht ja gerade mal für ein "Guten Tag, Frau Meyer, wie geht’s uns denn heute?" Nur bist du, bevor sie darauf antworten kann, leider längst wieder draußen …
Genau! Aber die Menschen hatten noch Bedürfnisse: Die wollten reden, Nähe erfahren oder haben sich einfach nur gewünscht, dass jemand noch eine Weile bei ihnen bleibt. Man wird niemandem gerecht. Und auf der Station im Altenheim war es auch nicht besser.

Was hast du da erlebt?
Mein erster Bewohner zum Beispiel war ein Mann, der nach einem Schlaganfall nur noch im Bett liegen konnte. Er hatte Druckgeschwüre an Fersen, Schultern und Ellenbogen. Ein Pflegefehler. Und ich als ungelernte Hilfskraft sollte ihn behandeln.

Du musstest also Dinge machen, zu denen du gar nicht in der Lage warst oder die Berechtigung hattest. Da war für dich klar: Ich muss das professionalisieren.
Richtig. Ich habe eine einjährige Ausbildung zur Pflegefachhelferin gemacht und dann die Kinderkrankenschwester-Ausbildung obendrauf gesetzt. Wegen meines Sohnes wollte ich unbedingt in diesem Bereich arbeiten, weil es großartig ist, was man bewirken, was für einen Unterschied man machen kann! Durch die richtige Betreuung kann man ganz viele Ressourcen freisetzen. Das zu sehen ist total erfüllend.

Verrückt, dass du das sagst. Mein Schwiegervater, Dr. Tom Mutters, der leider gestorben ist, hat genau aus diesem Grund die »Lebenshilfe« gegründet, die erste Selbsthilfeorganisation für geistig behinderte Menschen und ihre Familien.
Wirklich?

Ja, das war nach dem Krieg. Da hat er sich um viele behinderte Kinder von ehemaligen KZ- Häftlingen oder Zwangsarbeitern gekümmert, deren Eltern umgebracht oder die von ihren Eltern zurückgelassen worden waren. Die behinderten Kinder galten damals ja als "Idioten", als bildungsunfähig. Sie waren in Heimen untergebracht, wo sich niemand um sie kümmerte. Aber Franks Vater wusste damals schon, wie lernfähig diese Kinder sind. Er hat Wohngruppen aufgebaut und gezeigt, dass behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammen in die Schule gehen können. Er hat Inklusion auf die gesellschaftliche und politische Agenda gesetzt. Wie wichtig war für dich als Mutter eines behinderten Kindes der Austausch mit anderen? War das auch ein Grund, den Job zu wählen?
Definitiv. Als mein Sohn geboren war, habe ich einen Blog für ihn gemacht und viel Resonanz bekommen. Da sieht man, man ist nicht allein, stärkt dadurch sich und andere. In meinem Job ist es das Gleiche.

Was macht den Beruf für dich so besonders?
Jeder Tag ist anders. Ich arbeite auf einer Station mit Kindern und erwachsenen Menschen mit Behinderung. Da bekommt man unglaublich viel zurück. Von den Eltern, den Angehörigen und vor allem den Kindern. Die sind so unfassbar ehrlich und authentisch. Selbst wenn es viele Momente gibt, die dich an deine Grenzen bringen, sind da auch so viele gute: besonders wenn ein Kind wieder nach Hause kann und du weißt: Du warst daran beteiligt, dass das möglich ist.

Wann hast du zum ersten Mal erlebt, was Pflegenotstand ist und welche Auswirkungen er hat?
Das war ein schleichender Prozess. Ich habe auf der Station, wo ich bis jetzt gearbeitet habe, schon mein Examen gemacht. Mit der Zeit wird einem erst richtig bewusst, was Pflege bedeutet. Nämlich mehr als nur Maschinen bedienen und Medikamente geben. Pflege ist Nähe, Kommunikation und Vertrauen, weil wir es mit sehr intimen Situationen zu tun haben. Aber das alles findet nicht mehr statt. Manche Kolleginnen können ihre Patienten nicht einmal mehr beim Sterben begleiten, weil sie sich um andere kümmern müssen. Stattdessen legen sie ihnen mit warmem Wasser gefüllte Gummihandschuhe in die Hände, damit sie wenigs-tens das Gefühl haben, da ist jemand.

Und die Pandemie hat alles noch verschlimmert. Manchmal braucht es ja diesen großen Moment, damit man sieht, dass sich Dinge ändern müssen. Was ist passiert, außer dass die Menschen für euch geklatscht haben?
Nichts. Es gab ja diesen Pflegebonus, mein Hasswort des Jahres 2021. Der wird aber nur an die Mitarbeiter der Intensivstationen ausgezahlt. Hilfskräfte, Servicekräfte, Reinigungskräfte wurden dabei vergessen. Genauso wie die Menschen auf den normalen Stationen, die ganz viel auffangen müssen. Wir wollen aber gar keinen Bonus, wir wollen, dass sich grundlegend etwas ändert! Wir brauchen eine Reform des Gesundheitssystems, und zwar schnell, aber keiner tut etwas.

Ich habe als Jugendlicher viele Jahre in der Pflege gearbeitet und war jedes Wochenende im Krankenhaus. Deswegen weiß ich, wie wichtig es ist, dass endlich etwas passiert. Wenn du drei Dinge sofort verändern könntest, was wäre das?
Ich würde die Privatisierung der Krankenhäuser abschaffen. Solange wir über Gewinnmaximierung reden und Aktionäre im Spiel sind, wird sich nichts ändern. Ich würde ein Einstiegsgehalt für Pflegekräfte von 4000 Euro festlegen. Und ich würde ein Mitspracherecht von Pflegekräften in der Politik etablieren.

Jetzt hast du für dich selber einen Strich gezogen und deinen Job in der Klinik zu Ende März gekündigt. Warum?
Ich bin der Meinung, dass wir dieses System, so wie es ist, nicht mehr mittragen dürfen. Das ist natürlich ein Paradoxon, weil ich sage "Pflege ist geil" und trotzdem das Krankenhaus verlasse.

Aber ist nicht gerade jetzt jeder Einzelne wichtig?
Wir können nicht immer nur meckern und trotzdem so weitermachen wie bisher. Damit sich das System verändert, müssen wir uns selbst bewegen. Solange es Menschen gibt, die sich aufopfern, wird sich nichts ändern. Deswegen wechsele ich in die Öffentlichkeitsarbeit, um zu zeigen, was Pflege alles kann.

Was wünschst du dir für dich, wenn du irgendwann selber alt oder krank bist?
Ich möchte frei und selbstbestimmt leben können. Nicht um sieben Uhr aufstehen müssen, obwohl ich noch im Tiefschlaf bin, um acht frühstücken, obwohl ich keinen Hunger habe, und um elf aufs Klo, obwohl ich nicht muss. Meine Kinder haben mir versprochen, das kriegen wir hin. Meine Tochter ist Krankenschwester – ich bin guter Dinge.

Auf die Freiheit! Mein Motto fürs Alter heißt ja: oben wach, unten dicht. Und wenn es doch anders kommt, wünsche ich mir Hilfe zur Selbsthilfe. Das muss doch wohl bitteschön drin sein.

Guido

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