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Kunstnothilfe Kultur ist kein Luxusgut

Kunstnothilfe: Teja Vaittinen auf der Bühne
© Mari Vass
Kultur gilt in der Krise als verzichtbar. Das sieht die "Kunstnothilfe" anders und unterstützt Musiker, Newcomer und Schauspieler, die seit über einem Jahr kein Geld verdienen.

Sie stöhnten und schrien. Sie seufzten und jauchzten. Sie verrenkten sich auf dem Boden und vor dem Mikrofon. Das Theater war ausverkauft, 150 Menschen schauten den drei Frauen auf der Bühne zu. Sie alle waren gekommen um "We Can Do It Moaning" zu sehen, eine Performance des Kollektivs Aba Naia. Oder einfach: Kunst.

Der Abend im Februar 2020 war die Premiere des Stücks – und zugleich die letzte Vorstellung. Kurz darauf erreichte das Coronavirus Deutschland. Die Theater mussten schließen, Konzerte wurden abgesagt, und keiner ging mehr in Ausstellungen oder Museen. Seitdem ist die Finnin Teija Vaittinen, 35, eine der Frauen auf der Bühne, ohne Arbeit.

Drei Jahre hatte sie mit den anderen Frauen ihres Kollektivs an der Performance gearbeitet, zwei Monate vor der Premiere haben sie nichts anderes mehr getan als geprobt. Umsonst. "Einfach alles wurde abgesagt", erzählt Teija Vaittinen, "ich war wie im Schockzustand." Sie verdient Geld mit ihrer Kunst, doch das blieb nun aus. Und weil man »nur von Performance nicht leicht leben kann«, arbeitete sie auch als Theater- und Zirkuspädagogin. Zum Beispiel in Schulen. Aber die Schulen schlossen ja auch. Was blieb ihr da also übrig? Sie meldet sich beim Jobcenter. So wie viele. Sie beantragt Soforthilfen. Aber die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Und die Rechnungen warten nicht. 

Ungefähr zur selben Zeit passt Lukas Kunert, 30, auf seine Kinder auf, die nicht in den Kindergarten können, und fragt sich, wer wohl in dieser Krise am dringendsten Hilfe brauchen würde. Und auch wenn das Ausmaß zu dem Zeitpunkt wohl kaum jemand absehen konnte, ahnt er: "Die Menschen werden die Kunst am verzichtbarsten finden." 

Lukas Kunert ist der Gründer von "Elinor", eine digitale Plattform, über die Menschen gemeinsam und demokratisch Geld verwalten können. Etwa die Klimaaktivistinnen von Fridays for Future, die damit Bußgeldforderungen für streikende Schüler solidarisch geteilt haben. Da müsste man doch etwas auf die Beine stellen können, denkt er sich, und ruft bei seiner Bank an mit der Idee, Künstlerinnen und Künstlern zu helfen. 

Die Kunstnothilfe hilft – schneller als andere

Offiziell sind sie nicht gemeinnützig. Das hilft in der Krise: "Wir konnten viel schneller reagieren, weil wir Schenkungen weiterschenken", erklärt Lukas Kunert. Keine komplexe Bedürftigkeitsprüfung, keine begründete Förderung von Ausnahmetalenten. "Wie sollen die Menschen Bedürftigkeit nachweisen? Bis vor Kurzem waren sie ja noch nicht arm", beschreibt Kunert das Problem, das am Anfang der Krise überall herrschte.

Im Frühjahr 2020 schafften sie einen Rat aus sieben Menschen, die selber als Galerist, Schauspieler oder bildende Künstlerin arbeiten und die das Geld vergeben dürfen. "Wir haben alle unsere Netzwerke abtelefoniert und von der 'KunstNothilfe' erzählt", sagt Kunert. Künstler starteten Aktionen für die "Nothilfe". Das Team der ARD-Serie "Ausgebremst" spendete seine Gagen, Schriftsteller verzichteten auf ihre Buchtantiemen und Künstler spendeten ihre Werke für eine Auktion. In nur fünf Wochen bekamen sie 100 000 Euro zusammen, die sie weiterschenkten.

Lukas Kunert ist Teil des Rats, der entscheidet, wer Geld bekommt. Was schreiben die Menschen? "Das geht von der Mutter mit drei Kindern, deren Hilfen aufgebraucht sind, bis zum Mann, der Geld für die Heizrechnung braucht." Jedes Ratsmitglied bekommt einen Stapel Bewerbungen und entscheidet allein. "Wir wollen keine Not gegeneinander aufwiegen", sagt Kunert. Wenn der Rat zusammenkommt und jeder vorstellt, wer Geld bekommen soll, stellen sie oft fest: Einer fördert dieses Mal vor allem neue Künstler, eine vor allem Musikerinnen, jemand anderes Familien. Bisher konnten sie über 500 Menschen helfen. Immerhin – oder nur: Vier von fünf Bewerbungen müssen sie ablehnen. "Wir sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Kunert. "Und trotzdem werden wir gebraucht." 

Im Oktober hatten sie fast die Hoffnung, dass es auch ohne sie wieder weitergehen würde. Als es wenigstens für ein paar Wochen so schien, als würde alles langsam normal anlaufen. Aber die Euphorie dauerte nicht lange an. Denn dann kamen plötzlich wieder mehr Bewerbungen rein. Sie starten neue Aktionen, um neues Geld zusammenzubekommen. Immer donnerstags öffnen Musiker ihre Fenster und geben ein kleines Konzert, so werden Menschen auf die "Nothilfe" aufmerksam. "Wir bekommen die Finanzzyklen der Menschen mit: Gerade scheinen viele ihre Versicherungen bezahlen zu müssen." 

Teija Vaittinen ist eine von den Glücklichen, die von der "KunstNothilfe" unterstützt werden. Freunde hatten ihr davon erzählt. "Als Künstler ist man es gewohnt, vergessen zu werden", sagt sie. Sie schrieb eine Bewerbung, zu verlieren hatte sie schließlich nichts. "Als der Bescheid kam, dass ich die Hilfe bekomme, konnte ich endlich wieder atmen. Ich dachte: Vielleicht wird es doch irgendwie gehen." Sie bekommt jetzt 500 Euro pro Monat. Das reicht erst mal. Und danach erhält sie doch noch die staatliche Soforthilfe. Denn es wird wohl dauern, bis sie endlich wieder voll arbeiten kann. 

Das Kollektiv probt jetzt digital für ein neues Projekt, in dem es ums Scheitern geht, nur manchmal sehen sich die Frauen persönlich. Sie machen viel Papierkram: Sie bewerben sich für Festivals, für Stipendien, für weitere Förderungen. Vielleicht stöhnen sie dabei manchmal. Doch gerade nicht wegen der Kunst.

Guido

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