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LGBTQ+-Repräsentation in Medien Warum wir Queeren gesehen werden müssen

LGBTQ+-Repräsentation in Medien: Warum wir Queeren gesehen werden müssen
Die LGBTQ+-Repräsentation in den Medien ist ausbausfähig – vor allem in Deutschland.
© Gorodenkoff / Adobe Stock
Als queere Person finde ich mich in den Medien kaum wieder – ganz besonders nicht in Deutschland. Warum mich das so aufregt und vor allem: Warum es so nicht weitergehen kann und darf.

Vor kurzem habe ich eine Serie auf Netflix gesehen, die mich auf tiefste Weise abgeholt, getriggert und noch lange nach der letzten Folge beschäftigt hat: "Heartstopper" hat mir eine Jugend gezeigt, die ich nie haben werde. Und auch, wenn das stark melancholische Emotionen in mir hervorgebracht hat, war und ist da auch ein Gefühl der Freude – darüber, dass so eine Serie überhaupt existiert.

Ich habe in der Zwischenzeit viele Reaktionen von anderen – meist queeren – Menschen beobachtet: Viele tun es mir gleich, betrachten die Serie gleichermaßen mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Andere empfinden gar ein wenig Neid gegenüber der jungen Generation, die mit der Coming-of-Age-Serie hauptsächlich angesprochen werden soll, darf sie doch eine Jugend erleben, in der Queerness keine Beleidigung ist, kein Grund für Scham und tiefste Verunsicherung. Zumindest ist das nur zu hoffen, viele Jugendliche dürften allerdings bestätigen, dass Queerness auch heute nicht überall und auf jedem Schulhof und Familienhaushalt mit offenen Armen empfangen wird.

Die meisten Medien sind für die heteronormative Mehrheitsgesellschaft gedacht – nicht für mich.

Auch ich habe erst durch diese Serie, die doch auf den ersten Blick so harmlos und charmant und fröhlich wirkt, erkennen müssen, was mir all die Jahre lang fehlte: Identifikationsfiguren. Nicht eine Serie, nicht ein Buch, nicht ein Film, auch kein Theaterstück oder sonst etwas in die Richtung in all den Jahren, die ich bereits Medien aller Art konsumiere, hat eine derart starke, ungefilterte emotionale Reaktion in mir hervorgerufen.

Wie auch, ist mir im Nachhinein klar geworden: All die anderen Medien, die ich bisher konsumiert habe, waren größtenteils für eine andere Zielgruppe gedacht. Die der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft, in welcher der Mensch heterosexuell, cis und "bestenfalls" weiß ist. Und selbst ich, der drei dieser Kategorien bedient, musste mit jedem Medium, das ich konsumierte, jedem Produkt aus der Filmschmiede Hollywoods und anderer, eine nicht unerhebliche Assoziationsarbeit leisten, um beim Konsum überhaupt etwas verspüren zu können. 

Die Bedeutung queerer Repräsentation scheint bis heute diskussionswürdig

Als Kind lag es an mir, mich in die Rolle der Disney-Prinzessin hineinzuversetzen, die auf der Suche nach der großen Liebe war und mit ihrer Art und ihrem Verhalten in ihrer direkten Umgebung aneckte ("Arielle, die Meerjungfrau" oder auch "Die Schöne und das Biest"). Später träumte ich mich auf die zum Untergang verdammte "Titanic" und hielt die erkaltende Hand von Leonardo DiCaprio, während um mich herum die Menschen um ihr Leben kämpften. Bis heute muss ich mich in andere Körper, andere Geschlechter hineinversetzen, wenn ich beim Schauen der meisten Mainstream-Produktionen eine emotionale Reaktion haben möchte.

Aus diesem Grund lautet mein Appell: Es braucht queere Repräsentation! Besonders für die Jugend, aber eben auch für die älteren Generationen – und sollte jemand anderer Meinung sein, dann werde ich gerne versuchen, diese Person im Laufe meiner Ausführungen vom Gegenteil zu überzeugen, denn es ist mir sehr wohl bekannt, dass queere Repräsentation auch bis heute, im Jahr 2022, noch immer ein Thema zu sein scheint, das für manche Leute diskussionswürdig ist und nicht etwa eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Queere Repräsentation ist immer noch die Ausnahme

Nachdem ich "Heartstopper" zu Ende geschaut hatte, war ich für kurze Zeit in einer queeren Traumblase. Eine schöne Zeit war das, denn in ihr war die Hoffnung groß, dass queere Repräsentation nun endlich im Mainstream angekommen ist. Doch dann genügte ein kurzer Blick auf die komplette Medienlandschaft, um festzustellen: Nein, wir sind noch lange nicht da. Natürlich erwarte ich nicht, dass jede einzelne Geschichte Queerness aufgreift – auch wenn Queerness bedeutend verbreiteter ist, als uns die Medien weismachen wollen. 

Schauen wir einmal kurz auf die Zahlen: Laut einer Studie aus 2021 sind lediglich 2 Prozent der Protagonist:innen in deutschen fiktionalen TV-Produktionen als homo- oder bisexuell lesbar. Das sind 24 von 1.329 untersuchten Figuren. Immerhin: 2016 waren es noch 9 Figuren. Schon mal etwas besser sieht es auf dem US-amerikanischen Markt aus, in dem laut einer Studie von 2021 sogar 12 Prozent der gezeigten Figuren erkennbar queer sind – im Jahr davor waren es noch 2,8 Prozent. Es ist also eine Entwicklung zu beobachten, was wundervoll ist – und dennoch ist Queerness immer noch die Ausnahme und es wird nur ein Bruchteil der facettenreichen queeren Community überhaupt dargestellt. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie oftmals vielmehr lediglich angedeutet wird.

Queerness wird selten offen gezeigt

Wenn eine Serie oder ein Film eine queere Figur oder Beziehung lediglich andeutet, dann spricht man von "Queerbaiting". Queere Menschen werden mit den Andeutungen wie ein Fisch mit einem Köder angelockt. Auch wenn der Begriff inzwischen inflationär und in teils falschen Kontexten verwendet wird: Die Problematik ist absolut real. Denn große Filmstudios wie beispielsweise Disney, die Meister des Queerbaiting sind, machen es sich damit besonders einfach: Auf der einen Seite wird das queere Publikum angelockt (das gerade bei Disney eine nicht zu unterschätzende Größe hat), auf der anderen Seite werden die konservativeren Zuschauer:innen nicht abgeschreckt. 

Über die Queerness einer Figur wird im Film kein Wort verloren.

Ein aktuelles Beispiel aus dem Mainstream ist die Figur America Chavez aus dem Marvel-Film "Dr. Strange in the Multiverse of Madness", die in der Comicvorlage eindeutig queer ist – im Film hat es nur noch für einen LGBTQ+-Anstecker gereicht und den verblichenen Satz "Amor es amor es amor" (zu Deutsch: "Liebe ist Liebe ist Liebe") auf ihrer Jacke. Nicht ein Wort über ihre Homosexualität wird im Film selbst ausgesprochen, wer nicht schon vorher weiß, dass sie überhaupt queer ist – durch den Film wird man es sicherlich nicht erfahren.

Und wie gesagt: America ist lediglich das aktuelle Beispiel. Bis heute tänzelt Disney um die sexuelle Orientierung von Elsa aus "Die Eiskönigin" herum, wobei sich gerade die asexuelle Community endlich eine Identifikationsfigur wünscht. Denn gerade – aber leider nicht nur – asexuelle Menschen vermissen so etwas in den Mainstream-Medien schmerzlich. Doch da kann ich sie schon hören, die Menschen, die der LGBTQ+-Community vorwerfen, sie würden Beziehungen zwischen Figuren hervorreden, wo keine seien, sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten zuschreiben, die mit keiner Silbe im Werk selbst bestätigt würden und dass sie ohnehin viel zu sexualisiert und auf Themen fixiert sei, die ja nicht einmal das Hauptthema vom Film, der Serie und so weiter wären.

Wo keine Repräsentation ist, muss sie "erdichtet" werden

Dazu einmal eine Frage: Wie oft ist denn bei einer entstehenden heterosexuellen Romanze besagte Romanze im Vordergrund des Werks? Sicherlich, Film-Genres wie der Liebesfilm haben genau das zum Thema, aber wie viele Action-, Thriller-, oder Horror-Filme gibt es, in denen sich eine Beziehung zwischen zwei Menschen entwickelt? Und wie oft sind diese Menschen hetero- und nicht etwa homo-, bi oder pansexuell? Wie oft sind sie cis und nicht trans? Wie oft nicht-binär? Und wenn der queeren Community vorgeworfen wird, sie würde Beziehungen und Figuren sexualisieren, würde Geschlechtsidentitäten "zuweisen", generell queere Themen erdichten, wo es keine gibt, da muss ich fragen: Selbst, wenn dem so sein sollte – was bliebe der Community denn anderes übrig?

Wenn wie im Fall von America und zig anderen Figuren lediglich Andeutungen in der Größe und Gewichtung eines Brotkrümels vor die Füße geworfen werden, wie soll ein queerer Mensch anders damit umgehen, wenn er doch wie jeder andere Mensch auf dieser Welt das innige Bedürfnis hat, gesehen, gehört, geliebt zu werden? Mal abgesehen davon, dass die "Andeutungen" innerhalb der Werke manches Mal so dermaßen eindeutig sind, das Queerbaiting derart dreist betrieben wird, dass kaum jemand ehrlich davon sprechen kann, sie seien nur rein zufällig im Werk aufgetaucht. Und doch spricht von offizieller Seite, von Seiten von Disney und Co., noch immer niemand darüber. Als wäre Queerness in ihren Werken nicht existent, eine Wahnvorstellung der Community.

Kein Mensch hat es verdient, ungesehen und ungehört sein Leben verbringen zu müssen.

Werke wie "Pose", "Please Like Me", "Call Me by Your Name", "Sex Education" und "Heartstopper" sind wichtige Meilensteine für die queere Community, weil sie Queerness als Grundpfeiler ihrer Geschichte haben, nicht als gedanklichen Nachgang, nicht als Pseudo-Akzeptanz der an dem Medium beteiligten Menschen, um möglichst viele Leute abzuholen und Geld zu generieren. Aber sie sind – und das muss ganz klar gesagt sein – immer noch und leider die absolute Ausnahme. Kein Mensch hat es verdient, ungesehen und ungehört sein Leben verbringen zu müssen. Und genau deswegen ist Repräsentation so wichtig, denn Medien sollen und müssen die Lebensrealität aller Menschen spiegeln.

Verwendete Quellen: bbc.com, glaad.org, lsvd.de, malisastiftung.org, themarysue.com

Guido

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