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Manuela Buyny Im Gespräch mit Guido

Manuela Buyny: Mit Guido im Gespräch
© Clara Behnke / Guido
"Glaubt ihr, Behinderte mögen keine schönen Klamotten?", fragte uns Manuela Buyny, 60, per Leserbrief. Aufgrund einer Skoliose ist ihr Körper verdreht. Toll angezogen will sie trotzdem sein – und vermisst Gehandicapte in den Modestrecken. Guido lud sie daraufhin ein.

Guido: Manuela, als ich deine Mail las, kamen mir die Tränen.


Manuela Buyny: Oh, ehrlich? Aber warum das denn?

Das hat mich so abgeholt. Ich musste sofort Frank anrufen und ihm deine Worte vorlesen: „Manche fragen: Warum kleidet die sich nicht in gedeckten Farben? Aber auch ich möchte wahrgenommen werden, wie alle anderen. Seelen sind nun mal nicht schief und haben auch keine Falten.“ Für mich ein Satz fürs Bundesverdienstkreuz.
Ja, außen gibt es dieses Handicap, aber innen habe ich dieselben Bedürfnisse wie jede andere Frau. Ich möchte auch schön sein! Deshalb musste ich dir schreiben: Alle bekommen in Magazinen ein Forum – Dicke, Dünne, Große, Kleine, aber Menschen mit Handicap sieht man so gut wie nie.

Das stimmt. Wir Gesunde vergessen zu oft, wie viele Menschen körperliche Probleme haben. Erzähl doch mal, was dir als Kind passiert ist.
Bei mir kam die Skoliose, eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule, im Alter von zehn Jahren quasi über Nacht: Zu Ostern war ich noch völlig gerade, im Sommer war mein ganzer Körper schief. Nicht mal mein Bauchnabel saß noch da, wo er sollte. Ich hatte unterschiedlich hohe Schultern und einen Rippenbuckel. Gegen mich war der Glöckner von Notre-Dame nichts.

Manuela Buyny: Manuela als Jugendliche
Weil sie als Kind nie lange still saß, trug sie den Spitznamen "Frosch". Mit der Erkrankung wurde Manuela, hier 13, jede Art von Sport verboten.
© Privat

Wahnsinn. Wie ging es dir damit: Hast du dich selbst als Enttäuschung erlebt? Man will doch als kleines Mädchen so aussehen wie alle …
Ich bekam damals ein Korsett als Stütze, das war mir furchtbar peinlich. Vor der Schule stopfte ich es immer ins Gebüsch. Aber der größte Einschnitt kam für mich mit 13. Damals ging ich allein zu einem Chirurgen, weil meine Mutter Schichtdienst hatte. Ich weiß noch, dass ich mich schick gemacht hatte, mit Hosenanzug und meinen ersten hohen Schuhen. So lief ich ganz stolz in die Praxis, da sagte der Arzt: „Na, Mädchen, dann lass dich mal ins Buch der Krüppel einschreiben.“

Das kann er doch nicht gesagt haben! Das brennt sich doch wie ein Tattoo in die Seele.
Oh ja. Ich habe später an der Straßenbahnhaltestelle gestanden und mich gefragt, ob ich mich nicht vor die nächste Bahn werfe. Dieser Satz hat mich Jahrzehnte verfolgt. Danach kaufte ich mir Kleidungsstücke oft drei Nummern zu groß, um mich darin zu verstecken.

Damals kamst du doch gerade in die Pubertät, und dann nimmt dir der Arzt jede Basis. So nach dem Motto: „Wie will die Krumme je einen Typen finden?“ Unmöglich.
Mir ging es danach psychisch nicht gut. Mit 14 kam ich ein Jahr ins Krankenhaus in ein Streckbett, mit 15 wurde ich zehn Stunden operiert. Dabei ist meine Wirbelsäule mit einem Metallstab begradigt und zum Teil versteift worden. Danach war ich weniger schief und der Buckel deutlich kleiner.

Was für eine Erlösung!
Auf jeden Fall. Ab da konnte ich mir gut mit Kleidung helfen. Meine Mutter war Damenschneiderin, sie hat mir passende Kleider genäht und mir zum Beispiel gezeigt, dass ich gerader wirke, wenn ich nur auf einer Seite ein Schulterpolster trage. Mode hat mir immer sehr geholfen, normal zu wirken.

Manuela Buyna: Manuela mit Guido
© Clara Behnke / Guido

Manche sagen ja, Mode sei überflüssig. So ein Quatsch! In dem Fall kann Mode einen retten. Heute trägst du zum Beispiel einen Plisseerock. Der ist toll für dich, weil er so schön durch die Welt springt. Die Unruhe lenkt super ab von allem anderen.
Ja, jetzt kenne ich die Tricks: Ich weiß, dass ich meine Taille nicht betonen sollte und über einem Rock am besten ein Jäckchen trage. Breite Gürtel oder ein tiefer Rückenausschnitt gehen nicht. Und figurbetonte Kleidung tut auch nichts für mich.

Die haben immer gesagt: "Kinder kriegen dürfen Sie nie!" Ich habe es trotzdem gemacht, und die Schwangerschaft verlief sehr gut.

Klasse wäre dagegen eine Marlenehose. Oder sind Hosen für dich schlecht anzuziehen?
Hosen gehen. Schwieriger ist es, im Winter in eine Strumpfhose reinzukommen. Meine Zehen sind für mich ja leider ferne Galaxien.

Und wie machst du das dann beim Schuhkauf?
Da muss ich immer jemanden mitnehmen, weil ich das allein nicht kann. Es gibt ja keine Fachverkäuferinnen mehr, die einem im Geschäft helfen.

So einen Al Bundy mit Bänkchen … kaufst du also nur Schuhe zum Reinschlüpfen?
Nein. Wenn ich Sneaker möchte, nehme ich dazu elastische Schuhbänder und mache mir die rein. Zu Hause habe ich eine Greifzange, mit der ich die Schuhe allein anziehen kann.

Alles praktisch gelöst. Und du erzählst das so vergnügt. Wenn ich dir zuhöre, zeigt sich mal wieder: Die wirklich große Freiheit steckt in einem selbst – ob du akzeptierst, dass du bist, wie du bist. Darauf kommt’s an.
Das war für mich aber nicht einfach. Es gab viele Aufs und Abs: Ich saß zum Beispiel 2017/2018 sogar im Rollstuhl, weil ich vor Schmerzen nicht mehr laufen konnte.

Ich habe 40 -jahre meines Lebens daran verschwendet, normal aussehen zu wollen.

Ständig Schmerzen zu haben ist furchtbar. Ich kenne das von Frank, der leider die Arthrose seiner Mutter geerbt hat.
Damals erzählte mir ein Arzt, meine Schmerzen seien chronisch, die würden nie mehr weggehen. Ich habe mich vor zwei Jahren aber ein zweites Mal stundenlang operieren lassen. Seitdem ist meine Wirbelsäule ganz versteift, aber ich kann laufen und bin schmerzfrei! Nach der zweiten OP bin ich nur noch grinsend durch die Welt gelaufen.

Du hast viel gewuppt. Heute sieht man dir ja gar nichts mehr an. Also mir fällt jedenfalls zuerst dein feines Gesicht auf, das aus einem anderen Jahrhundert stammen könnte. Mit deinen Löckchen hättest du auch hervorragend in Versailles mit einer Praline rumhängen können..
Na, wenn ich gleich aufstehe und gehe, wirst du schon sehen, dass ich mich anders halte. Wie Robot-Woman.

Ach, aus dir ist doch eine schöne und selbstbewusste Frau geworden
Heute ja. Aber ich habe 40 Jahre meines Lebens daran verschwendet, normal aussehen zu wollen. Niemand sollte mir was anmerken. Erst mit über 50 hat es bei mir Klick gemacht. Als Beamtin in der Verwaltung des Deutschen Bundestags musste ich eines Tages mit großen, sportlichen Kollegen rüber zum Reichstagsgebäude. Als die flott losmarschierten, habe ich gerufen: „Verdammt noch mal, jetzt geht bitte langsamer! Ich bin behindert und kann nicht schneller. Nehmt Rücksicht, oder ich komme in einer halben Stunde nach.“

Ja, halleluja! Das ist der Vorteil am Älterwerden: Man wird nicht schöner oder straffer, aber man kann plötzlich anderen Menschen sagen, was einem gut passt und was nicht.
Seitdem ich mich so annehme, wie ich bin, habe ich kontinuierlich 15 Kilo abgenommen, ohne was dafür zu tun. Da brauchte ich keinen Schutzpanzer mehr. Irgendwann kapiert man: Jeder hat ein Manko und mag irgendwas nicht an sich. Wer nur wenig Busen hat oder einen zu dicken Hintern, der kaschiert das ja auch.

Was ich nicht verstehe … die Leute haben vergessen, dass Unterschiedlichkeit ein Geschenk ist. Deshalb: Wenn du einen zu dicken Hintern hast, wackel damit, statt ihn zu verbergen. Binde dir lieber einen Gürtel um die Taille und ab dafür.
Ich habe erst gestern einen Instagram-Account gesehen von einer Frau, die vor zwei Jahren ihre Beine verlor. Eine Schönheit, die sich auf ihr neues Leben eingelassen hat und heute über ihr Handicap postet.

Toll! Wenn ich mir die heile Insta-Welt sonst angucke, bin ich ja nach zehn Minuten schlecht drauf. Ich denke dann immer: „Guido, wie siehst du nur aus? Du kannst nicht rückwärts die Wand hochlaufen oder mit deiner Mutter Breakdance machen …“ Was für eine Fake Welt! Denn die Wahrheit ist doch: Dann habe ich eben dicke Beinchen, aber wenn die mich überallhin tragen, muss ich nicht traurig sein. Da würde jeder Rollifahrer gern sofort mit meinen Beinen tauschen wollen, das glaub mal!
Klar, denen wäre auch jede Cellulite egal, wenn sie nur laufen könnten. Daran sollten Gesunde vielleicht denken, wenn sie sich mal wieder nicht perfekt genug finden für irgendeinen Mann.

Manuela Buyny: Manuela ihrer Familie
Manuela (rechts, 33) mit ihrer Mutter und Tochter: Die Stärke liegt in den Genen.
© Privat

Wie war das überhaupt für dich in Richtung Liebe? Hast du je einen Mann angesprochen?
Ich habe mich nie auf einen wirklich gut aussehenden Typen eingelassen, weil ich immer dachte: Was will so einer schon von mir? Meine Freundin meinte dann oft: „Hast du dir wieder einen aus dem Gruselkabinett geangelt?“ Dabei war für Männer mein Rücken nie ein Thema. Aktuell bin ich Single und pflege meine 87-jährige Mutter. Keine Zeit für einen Mann.

Ohne den blöden Arzt hättest du vielleicht einen gefunden, der heute noch an dir rumspringen würde. Aber du hast doch eine Tochter, oder?
Ja, gegen jeden Rat der Ärzte. Die haben immer gesagt: „Kinder kriegen dürfen Sie nie!“ Ich habe es trotzdem gemacht, und die Schwangerschaft verlief sehr gut.

Was macht deine Tochter beruflich?
Sie ist Ärztin geworden, arbeitet als Anästhesistin auf der Intensivstation und im OP. Früher war sie lange Leistungssportlerin im Eiskunstlauf.

Ach, wie schön! Da ist sie die Kür gelaufen, die du nicht laufen konntest …
Nein, ich selbst wäre lieber Rollschuh gelaufen, wenn ich gedurft hätte. Bei meiner Tochter ist als Kind auch Skoliose diagnostiziert worden, und da meinte der Arzt: „Schicken Sie sie zum Eiskunstlaufen. Da muss sie Balance halten, das hilft.“ Und so war es: Die Skoliose ist heute weg. Mir hatte man als Kind Sport verboten.

Aber du hast nie aufgegeben. Und deshalb wollte ich dich treffen. Ich glaube nämlich, es geht nicht darum, ob ich Mode für Rollis abbilde. Es geht darum, zu zeigen, wie wichtig es ist, sein Schicksal anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Du kannst für viele ein Vorbild sein. Auch auf Instagram. Gibt es da schon Skoliosegruppen?
Ja, aber darin geht es nur um ernsthafte Dinge wie die richtige Behandlung, die beste Matratze, welcher Bürostuhl usw. Nicht um Modetipps, was schade ist.

Das wär doch eine Aufgabe für dich! Mode kann so viel verändern. Damit zeigst du allen, dass du dazugehörst … danke, dass du diese Tür für uns geöffnet hast.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Guido Heft Nr. 11/2021.

Guido

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