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Mirjam Weingärtner Im Gespräch mit Guido: "Ich musste alles neu lernen"

Mirjam Weingärtner: Im Gespräch mit Guido
© Andreas Sibler
Mirjam Weingärtner, 43, ist Stewardess und liebt zu reisen – bis sie auf einem Mädelstrip nach Ibiza einen Schlaganfall bekommt. Mit Guido spricht sie darüber, wie es ist, sich von Träumen zu verabschieden, und wie viel Kraft es braucht, ein neues Leben zu beginnen.

GUIDO: Mirjam, ich freue mich total, dass du da bist! Du bist ein Vorbild für so viele. Du hast das Schlimmste erlebt und dich wieder ins Leben zurückgekämpft. Erzähl einmal, wie war das damals eigentlich ganz genau?
Mirjam Weingärtner:
Direkt vor dem Urlaub mit meinen Freundinnen bin ich noch eine Langstrecke nach Toronto geflogen. Deswegen habe ich mir keine großen Gedanken gemacht, als ich mich an unserem ersten Tag auf Ibiza müde fühlte und mir schwindelig war.

Klar, du hast das auf den Flug geschoben …
Ja, und auf die Aufregung. Dann, am Abend, war meine Sprache plötzlich weg. Mir ist das gar nicht aufgefallen. Aber eine Freundin meinte: "Mirjam, du klingst ganz verwirrt, deine Worte kommen nicht raus, wir müssen ins Krankenhaus. Das ist wie bei meinem Opa – und der hatte einen Schlaganfall."

Und dann?
Im Krankenhaus hat der Arzt nur gelacht und gesagt, mit 34 sei ich zu jung für einen Schlaganfall. Er dachte, ich hätte Drogen genommen.

Ich habe ja fünf Jahre auf Ibiza gelebt. Da habe ich auch den ein oder anderen gesehen, der multitox war und nicht mehr sprechen konnte. Die Partyinsel ist wohl der schlechteste Ort der Welt, um einen Schlaganfall zu bekommen …
Wahrscheinlich. Der Arzt hat mir nur eine Beruhigungstablette gegeben. Kurz darauf bin ich ins Koma gefallen. Eine Arterie zum Kopf war durch Gewebe verstopft. Erst zwei Tage später haben sie mich operiert. Drei Wochen danach wurde ich noch im Koma nach Deutschland geflogen

Hast du Erinnerungen an diese Zeit?
Nein, ich habe geschlafen. Es war einfach schwarz. In der Uniklinik in Gießen bin ich wieder aufgewacht. 

Wie war dieser erste Moment für dich?
Ich war noch stark unter Medikamenten. Aber mir war klar, hier stimmt etwas nicht. Ich habe aus dem Fenster geschaut, und alles war grün. Ich wusste, das kann nicht Ibiza sein. Dass meine Sprache nicht mehr da war, war mir anfangs gar nicht bewusst. In meinem Kopf klang alles ganz normal.

Das ist ja erst mal ein Geschenk …
(Lacht) Und wie! Ich habe mich aber gefragt, wieso machen die denn nicht, was ich will? Ich sag doch »Ja« oder »Nein«. Aber es kommt eben nur Blablabla raus. Da fühlt man sich ganz schön verloren.

Und wie ging es dir sonst?
Meine linke Seite war gelähmt. Ich konnte weder das Bein noch den Arm bewegen.

Wie ist das, wenn man die Diagnose erhält und damit die Realität einschlägt?
Irreal. Meine Mutter hat mir erklärt, was passiert ist. Sie hat gesagt: »Du musst jetzt stark sein, und du musst üben, üben, üben. Dein ganzes Leben lang.« Da wusste ich aber noch nicht, was das bedeuten würde.

Woher hast du die Kraft gezogen, gleich loszulegen?
Für mich war das Wichtigste, dass ich überhaupt noch am Leben war. Das habe ich als großes Glück empfunden. Und meine Familie hat mich aufgefangen.

Und trotzdem: Du konntest nicht sprechen, dich nicht richtig bewegen. Fühlt man sich da nicht unendlich hilflos?
Die erste Zeit war sehr, sehr hart. Ich hatte Depressionen. Ich bin morgens aufgewacht, habe geheult und gedacht: Was mache ich jetzt nur?!? Ich kann nicht allein für mich sorgen, kein Auto mehr fahren, kein Essen kochen, nicht mehr arbeiten. Mit 34 steht man normalerweise an einem ganz anderen Punkt in seinem Leben. Viele meiner Freundinnen haben geheiratet oder Kinder bekommen – und ich musste wieder bei meinen Eltern einziehen und mir bei allem helfen lassen.

Man darf sich nicht verstecken, auch wenn das viel leichter fällt.

Für jemanden wie dich, für den das Leben vorher so leicht war, muss das doch der totale Albtraum gewesen sein …Guido, es war schrecklich! (lacht) Aber ich habe zum Glück ganz viel Kraft in mir und bin aus dem Tief wieder rausgekommen. Ich bin zu einer Psychologin gegangen, die mich aufgebaut hat. Und meine jüngere Schwester hat mich überall mit hingenommen und mich ins Leben geschmissen. Kontakte zu anderen sind essenziell. Und genauso, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Über das Internet habe ich die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe gefunden. Die bieten Selbsthilfegruppen auch für Jüngere an. Auf einmal waren da Menschen wie ich, die ich alles fragen konnte. Das hat mir Halt gegeben.

Irgendwann kommt ja der Alltag und damit die Frage: Was will ich beruflich tun? Wie war das bei dir?
Um meinen Job habe ich sehr getrauert. Um die Welt reisen, Neues entdecken, das war total meins. Deswegen habe ich mich anfangs auch eingepfercht gefühlt. Aber es ist, wie es ist.

Was war dein Plan B?
Bevor ich Stewardess wurde, habe ich eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. Ich musste mich also gar nicht lange umorientieren. Jetzt arbeite ich einmal die Woche auf 450-Euro-Basis in einer Kita und bekomme nebenher die Erwerbsminderungsrente

Du warst ja damals auch noch Single, oder?
Ja, und ich habe mir natürlich oft die Frage gestellt: Bin ich als Frau mit Sprachproblemen, die am Stock geht, noch attraktiv für einen Mann? Trotz Zweifeln habe ich mich auf einem Datingportal angemeldet und mich mit zwei Männern verabredet

Wie aufregend! Hast du den Schlaganfall in deinem Profil erwähnt?
Nein. Deswegen war mir auch bewusst, dass die Männer wohl erst mal vorsichtig reagieren würden.

Ist es etwas mit einem der beiden geworden?
Nein. Aber für mich war es trotzdem gut, dass ich diesen Schritt gegangen bin.

An dieser Stelle grüßen wir die beiden jetzt recht herzlich und sagen: Selber schuld!
(Lacht) Danach bin ich das Ganze entspannter angegangen. Ich dachte: Wenn die Liebe kommt, ist es gut. Und wenn nicht, ist es auch in Ordnung. Und dann kam sie plötzlich und unerwartet.

Erzähl! Das wollen wir genauer wissen.
Der Hessische Rundfunk wollte einen Bericht mit einer Schlaganfall-Betroffenen drehen. Und weil ich mich in der Schlaganfall-Hilfe engagiere, haben die meinen Kontakt weitergegeben. Zwei Tage lang war ein Fernsehteam bei mir und meinen Eltern. Und einer im Team war der Wolfgang, der Tontechniker.

Der Ton geht immer ran! Die kommen den Leuten mit ihren Kabeln und Mikros am nächsten. Wenn die noch charmant sind, sind das die Ersten am Set, die weggefischt werden. Hast du sofort gespürt, da ist was?
Ich fand Wolfgang sehr interessant. Und am Tag nach dem Dreh hat er mir gefehlt. Aber wir hatten Nummern ausgetauscht. Er hatte Fotos gemacht, die ich haben wollte. Also habe ich ihn einfach angeschrieben. Wir haben uns getroffen, und es wurde mehr draus. Wolfgang hat mich nie als krank gesehen. Er hat immer gesagt: "Ich will dich so, wie du bist, Mirjam!" Wir sind jetzt seit sechs Jahren ein Paar und wohnen zusammen. Es ist wunderbar.

Mirjam Weingärtner: Mirjam mit Partner Wolfgang
Mirjam und Wolfgang fliegen heute auf Wolke sieben. Früher war Miri als Stewardess allein über den Wolken unterwegs.
© Privat

Das zeigt: Überall wartet ein Happy End! Und du bist das beste Beispiel dafür. Ich erinnere mich an einen Rosenball der Schlaganfall-Hilfe, die meine Herzensfreundin Liz Mohn vor fast 30 Jahren gegründet hat. Du standest in einem Abendkleid auf der Bühne, hast deine Geschichte erzählt, und alle haben dir applaudiert. Das war ein Gänsehautmoment, weil man die Wertschätzung spüren konnte, die dir entgegengebracht wurde.
Mir hat es das Gefühl gegeben, wichtig zu sein. Man darf sich nicht verstecken, auch wenn das viel leichter fällt. Es gibt viele Hindernisse, und ich bin oft gestolpert. Aber man muss immer wieder aufstehen und versuchen, alles aus sich rauszuholen. Das Leben ist ein Gewinn! Und jede Situation ist eine Chance. Das wollte ich anderen mit auf den Weg geben.

Was ist dein größter Wunsch für die Zukunft?
Ich bin glücklich mit meinem Leben – genau so, wie es jetzt ist. Und trotzdem werde ich alles daransetzen, um meine Sprache und Beweglichkeit noch weiter zu verbessern. Um dem Ganzen noch eine Krone aufzusetzen, wäre es schön, irgendwann einmal zu heiraten.

Mit Schleier, Kirche, Kutsche und allem?
Nein, ich bin ja keine 25 mehr. Ganz ungezwungen und auf dem Standesamt.

Da muss der Wolfgang wohl mal einen kleinen Tipp kriegen. Ich könnte dir ein weißes Kleid schicken, dann muss er nur noch "Ja" sagen. Ein Kinderspiel!

Guido

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