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Nachgefragt Nachhaltig reisen – geht das auch gemütlich?

Nachhaltig reisen: Frau im Urlaub
© PhotoSunnyDays / Shutterstock
Nachhaltig reisen – in der Theorie wollen wir das alle. In der Praxis stößt man dann auf die eine oder andere Hürde. Kann Nachhaltigkeit auch komfortabel sein? Und worauf muss ich überhaupt achten? Wir haben da mal nachgefragt.

Mein Partner und ich planen unseren Urlaub. In den Süden soll es gehen und nachhaltig sein. Schließlich haben wir in den letzten Jahren nicht nur gelernt, unser Umland zu schätzen, sondern auch die Folgen des Klimawandels zu spüren bekommen. Und da wir durch Corona ohnehin in unserer Reiseroutine gestört wurden, kann man diese gleich mal überdenken. Finde ich. Bis ich mich an die Recherche setze und kurze Zeit später den Kopf auf dem Tisch ablege.

Müssen wir wirklich Zug fahren? Und was, wenn wir zwölf Stunden fahren, die Unterkunft uns dann aber mit Plastikflaschen begrüßt? Ist das denn noch umweltbewusst? Was ist das überhaupt, nachhaltig? Und überhaupt, geht das bitte auch mit ein bisschen Komfort? Nicht dass ich nach dem Urlaub urlaubsreif bin!

Passenderweise habe ich am Tag darauf ein Interview mit Daniela Jahn geplant. Sie hat die Plattform "hiersein" gegründet, die nicht nur nachhaltige Unterkünfte in Deutschland vermittelt, sondern auch Rundum-Tipps gibt. Jetzt hat sie die verantwortungsvolle Aufgabe, meine Beziehung und meinen Urlaub zu retten – und ich löchere sie mit Fragen, die sie so locker-lachend beantwortet, dass ich meine Reiselust schnell wiederfinde. Puh!

Nachgefragt: Wie geht nachhaltig reisen – gemütlich?

Liebe Daniela, du kommst wie gerufen – ich bin gerade bei meiner Recherche für einen nachhaltigen Urlaub etwas verzweifelt. Wo warst du denn zuletzt?

"Also, es muss ja ehrlich gesagt nichtmal zwingend Deutschland sein. Mein Mann und ich haben uns in freudiger Erwartung, nachdem wir doppelt geimpft waren, jetzt zum Beispiel ein rustikales Häuschen in der Toskana gesucht. Was mir da wahnsinnig gut gefallen hat, war, dass Italien da mittlerweile durchaus einen Fokus auf Nachhaltigkeit hat: Die haben überall öffentliche Stellen, wo man sich kostenlos Trinkwasser zapfen kann. Das Wasser ist extra aufbereitet. Als wir in dem Haus ankamen, standen da bereits voll gefüllte Glasflaschen mit einer Beschreibung, wo wir sie wieder auffüllen können! Über die Jahre habe ich so einen Riecher bekommen, welche Unterkunft zu mir passt und meinen Werten entspricht."

Und wie bekommt man so einen Riecher, wenn man sich nicht beruflich damit beschäftigt? Hast du eine Art Checkliste bei der Reiseplanung?

"Es gibt mehrere Sachen, auf die ich bei der Suche nach einer Unterkunft achte. Zum Beispiel:

  • Sehe ich auf der Seite, dass der Gastgeber als Mensch vorgestellt wird? Auf meiner Seite geht es darum, bei echten Menschen zu schlafen und nicht in komplett durchgestylten Unterkünften, wie man sie oft auf den großen, anonymen Buchungsplattformen findet.
  • Hat die Person ein Händchen dafür, die Unterkunft einzurichten? Und wenn ja, wie? Ich schaue, dass nicht alles gleich aussieht. 
  • Wie ist das Haus gebaut? Ein Holzhaus spricht z.B. eher für eine nachhaltige Bauweise als ein Betonblock, für den schon alleine in der Herstellung des Baustoffs richtig viel Energie aufgebracht wird.
  • Was schreiben die Gastgeber? Manche sagen z.B. gleich, dass sie Solarpanele haben und teils eigenen Strom produzieren.

Es gibt aber auch Dinge, bei denen ich skeptisch wäre, wenn das Thema zu sehr propagiert wird."

Es gibt also auch ein "zu viel"? 

"Zum Beispiel, wenn Unterkünfte sehr stark auf dem Bio-Thema herumreiten und man ziemlich bald das Gefühl bekommt, da steckt eigentlich nur Werbesprech dahinter. Ich habe zum Beispiel kürzlich wieder so ein selbst ernanntes Bio-Hotel gesehen mit einem Foto vom Frühstück, auf dem das gesamte No-Go-Sortiment aus Marmelade in Plastikschalen, einzeln abgepackter Butter und Südfrüchten abgebildet war. Da hab ich es lieber, wenn jemand sagt, ich hab ne Streuobstwiese und stell die selbstgemachte Marmelade auf den Tisch."

Und nach welchen Kriterien suchst du dann nachhaltige Unterkünfte aus?

"Ich habe einen Fragebogen, in dem ich vier Bereiche abfrage:

  • Natur und Umwelt: Wie wird mit dem Garten umgegangen? Wurden insektenfreundliche Blumen oder Stauden für mehr Artenvielfalt angepflanzt? Gibt es vielleicht so etwas wie ein Bienenvolk? Wie wird mit Energie und Wasser umgegangen? Wie sieht die Mülltrennung und Plastikvermeidung aus?
  • Essen: Wo kommen die Lebensmittel her, die angeboten werden? Stammen die Lieferanten aus der Region?
  • Haus: Woraus ist es gebaut? Kamen bei der Sanierung natürliche, ökologischen Materialien zum Einsatz? Wie sieht es mit der Isolierung und dem Heizen aus? Viele haben zum Beispiel im Lehmputz integrierte Wandheizungen, die die Wärme viel länger speichern und abgeben können.
  • Mensch: Wie wird mit den Mitarbeiter:innen umgegangen? Gibt es vielleicht ein soziales Engagement im Dorf oder Projekte?

Und dann versuche ich natürlich, mich persönlich davon zu überzeugen. Letztendlich merkt man im Gespräch mit den Gastgebern, wie authentisch das wirklich ist."

Da ist ja ganz schön viel zu beachten. Kann man denn auch komfortabel UND nachhaltig reisen?

"Ich muss so lachen, denn es haftet immer noch das Bild der filzenden und häkelnden Gastgeberin an der Nachhaltigkeit. Aber ja: Es gibt die gesamte Bandbreite. Von der Campingunterkunft bis zur 150qm-Unterkunft, die auch nachhaltig sein kann, wenn z.B. richtig mit dem Heizen umgegangen wird. Das versuche ich zu verbreiten: Nachhaltig reisen muss kein Verzicht, sondern kann ein Gewinn sein. Es kann auch eine Inspiration für zu Hause sein, wie ich mit Gewinn nachhaltig leben kann."

Vielen lieben Dank für das Gespräch!

Guido

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