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Nadhia Gulam Im Gespräch mit Guido

Nadhia Gulam: Im Gespräch mit Guido
© Privat
Die Afghanin Nadia Ghulam lebte unter der Taliban-Herrschaft zehn Jahre lang als Junge, um ihre Familie zu ernähren. Erst mit 21 Jahren konnte sie wieder Frau sein. Auf einem Event lernte Guido die 36-Jährige kennen und war so beeindruckt, dass er sie direkt interviewte.

GUIDO: Nadia, du hast die Auszeichnung "Woman of the Year" erhalten. Was für eine Ehre. Hättest du dir das jemals träumen lassen?
Nadia Ghulam: Nein, ich habe irgendwann aufgehört, daran zu glauben, dass ich jemals wieder als Frau, als Nadia, würde leben können. Selbst heute erscheint mir meine Geschichte manchmal unwirklich. Aber meine Narben erinnern mich daran, dass sie passiert ist.

Lass uns ganz von vorn beginnen. Und zwar in Afghanistan. Bevor der Krieg ausbrach, wart ihr eine glückliche Familie, oder?
Ja, das waren wir. Mein Vater war Apotheker, und wir hatten ein gutes Leben. Ich erinnere mich noch, dass wir häufig Bollywood-Filme geschaut haben. Sobald mir ein Kleid darin gefiel, kaufte meine Mutter mir es.

Du warst die Prinzessin der Familie! Und dann schlug eine Bombe in euer Haus ein und veränderte alles.
Ich war acht Jahre alt, als die Bombe unser Haus zerstörte. Ich erlitt starke Verbrennungen am ganzen Körper. Die ersten sechs Monate lag ich im Koma. Ich war in einem so schlechten Zustand, dass die Ärzte mich sterben lassen wollten. Aber meine Mutter kämpfte um mich. Und ich kämpfte auch. Zwei Jahre verbrachte ich in Krankenhäusern. Als ich wieder rauskam, war die Welt eine andere.

Die Taliban waren an der Macht. Mit ihnen kam der Frieden und der Verlust der Freiheit. 
Frauen verloren all ihre Rechte. Sie durften nicht mehr arbeiten oder allein auf die Straße gehen. Mädchen wurde verboten, die Schule zu besuchen. Kabul, meine Heimat, lag in Schutt und Asche. Jeder, den wir kannten, war geflohen oder im Krieg gestorben. So wie mein Bruder, der erschossen wurde. Mein Vater litt danach am Posttraumatischen Stresssyndrom und konnte nicht mehr arbeiten. So wurde ich das Familienoberhaupt und der Ernährer der Familie. Damals war ich zehn Jahre alt. 

Was für eine Verantwortung. Du warst ja noch ein Kind! Wie war das, als du dir zum ersten Mal Männerklamotten angezogen hast?
Meine Mutter hat nur geweint. Aber es gab keine andere Option. Mein Vater konnte nicht für uns sorgen, meine Mutter durfte nicht. Meine Schwester war zu jung, um verheiratet zu werden. Und mich wollte wegen der Verbrennungen keiner. Wir hatten nichts. Also habe ich getan, was ich tun musste. 

Ich wollte kein Opfer sein, ich wollte meine Freiheit.

Du hast die Identität deines verstorbenen Bruders Zelmai angenommen. War das nicht schwierig, zu Hause die Tochter und draußen der Bruder zu sein?
Mich, die Tochter, gab es nicht mehr. Auch nicht zu Hause. Ich habe die Rolle zu 100 Prozent angenommen. Ich schlief sogar in Jungenkleidung. Anfangs hat meine Mutter mich noch ständig Nadia genannt. "Du bringt mich in Lebensgefahr! Du musst damit aufhören", habe ich sie angeschrien. Eines Morgens bin ich aufgewacht und hörte, wie sie unentwegt meinen neuen Namen rief: "Zelmai, Zelmai, Zelmai …" Ich hatte panische Angst. Ich dachte, die Taliban wären gekommen, um mich zu holen. Ich rannte zu ihr. Doch sie war wie in ein Gebet versunken. "Was tust du, Mutter?", habe ich sie gefragt. Und sie antwortete: "Mein Sohn, ich übe deinen Namen." Noch heute nennt sie mich Zelmai, wenn ich sie aus Spanien anrufe. Sie kann jetzt einfach nicht mehr zurückschalten.

Wie hast du Geld verdient?
Ich habe rund um die Uhr gearbeitet. Ich habe bei einem Bauern auf dem Feld ausgeholfen und Brunnen gegraben, bis zu 50 Meter tief. Keiner wollte diese Arbeit machen. Sie war enorm anstrengend und gefährlich. Aber ich mochte sie. Da unten war ich allein und hatte weniger Angst, entdeckt zu werden. Hätten sie mich erwischt, wäre ich gesteinigt worden.

Du warst so mutig. Es muss ein Kraftakt gewesen sein, deine wahre Identität zu verbergen. Das Erste, was mir an dir aufgefallen ist, sind deine Augen. Die sind wunderschön und feminin. Haben die anderen die nicht bemerkt?
Einmal hat mich ein Freund darauf angesprochen. Deswegen habe ich mir die Wimpern abgeschnitten. Ich habe alles getan, um weniger weiblich zu wirken. Ich habe gelernt, wie ein Junge zu sprechen und mich wie einer zu bewegen. Und ich hatte meine Ausreden. Wenn mich jemand fragte, warum ich nicht in den Stimmbruch komme, sagte ich: "Siehst du nicht, dass mein Hals verbrannt ist?!?"

Als Junge in Afghanistan hatte ich ein freies Leben.

Also haben deine Verletzungen dich sogar geschützt. Aber irgendwann verändert sich ein Körper, wie konntest du das verbergen? 
Als ich 14 war, fing es an. Ich habe ein halbes Jahr nur so viel gegessen, dass ich nicht sterben würde. Ich bestand nur noch aus Haut und Knochen. Aber dafür sah man keine Brust oder breitere Hüften. 

Kam irgendwann trotzdem dieser Moment, an dem du dachtest: Jetzt ist alles aus?
Oh ja, immer mal wieder. Es gab da zum Beispiel einen Jungen, der hasste mich bis aufs Blut. Eines Tages verrutschte bei der Arbeit mein Turban, und er sah diese eine lange Strähne, die einzige, die ich trotz Verbrennungen hatte. Ich liebte sie. Sie war das Symbol meiner Weiblichkeit. Aber ich wusste: Dieser Junge wird mich verraten. Ich rannte nach Hause und rasierte sie ab. 

Das muss so hart gewesen sein.
Als ich wieder zurückkam, hatte er die Männer versammelt. Er rief: "Zelmai hat ein Geheimnis. Er ist kein Junge. Nimm den Turban ab!" Ich tat, was er wollte. Und zum Vorschein kamen eine Glatze und vernarbte Haut. Dieses Mal war es gut gegangen. Aber am nächsten Tag kam ich nicht mehr zu Arbeit. 

Lass uns über die Liebe reden. Denn irgendwann erwischt es einen, ob man will oder nicht. Wie war das bei dir? 
Ich habe mich in einen Jungen verliebt, als ich 16 war. Er hieß Atman. Wenn wir zusammen waren, vergaß ich alles um mich herum.

Und war er auch in dich verliebt?
Er hatte auch Gefühle für mich. Aber er wusste nicht, dass ich eine Frau bin. Ein Jahr lang habe ich mit mir gerungen, ob ich ihm die Wahrheit erzählen kann. Und an dem Tag, an dem ich mich endlich dazu entschlossen hatte, hatte er einen Unfall und starb.

So viel Tragödie in einem Leben! Wie hast du es nur geschafft, nie aufzugeben und immer nach vorn zu schauen? Du warst Analphabetin und hast trotzdem deinen Master gemacht und vier Bücher geschrieben. Das schaffen die wenigsten, selbst wenn sie mit viel besseren Voraussetzungen ins Leben starten. 
Ich hatte diesen unbändigen Hunger nach Bildung. Wenn ich auf dem Feld arbeitete und die Jungen nach der Schule vorbeikamen, sagte ich: "Bitte, darf ich eure Bücher berühren?" Sie nannten mich "den Verrückten". Aber das war mir egal. Als Junge in Afghanistan hatte ich ein freies Leben. Ich konnte etwa in die Moschee gehen. Dort lernte ich lesen. Und als die Schreckensherrschaft der Taliban zu Ende war, nutzte ich die erste Möglichkeit, zur Schule zu gehen.

Wie bist du mit 20 nach Spanien gekommen?
Ein Lehrer, dem ich mich anvertraut hatte, hat meine Geschichte einer spanischen Journalistin erzählt. Die hat mir letztendlich zusammen mit einer NGO aus Kabul die Reise nach Barcelona ermöglicht. 

Jeder, den wir kannten, war geflohen oder im Krieg gestorben. So wie mein Bruder, der erschossen wurde.

Und wie waren deine ersten Tage als Frau in der neuen Welt? Erzähl!
Unglaublich. Alles war so neu und unkompliziert. Ich bin mit dem Fahrrad gefahren und habe gerufen: "Schaut alle her! Ich bin eine Frau und fahre Rad!" Ich konnte die Freiheit kaum fassen. 

Das hätte ich zu gern gesehen! Du hast dir in Spanien ein neues Leben aufgebaut. Bist von einer Familie aufgenommen und adoptiert worden, die dich liebt wie ihre eigene Tochter, bist erfolgreiche Autorin: Ist Spanien eine neue Heimat für dich geworden? 
Schon, aber ich vermisse Afghanistan. Eines Tages will ich wieder zurück. Ich möchte dort als Nadia Gutes tun. Aber seit die Taliban im vergangenen August wieder an die Macht gekommen sind, ist das Land kein sicherer Ort mehr. Jeden Tag habe ich Angst um meine Familie. 

Warum holst du sie denn nicht zu dir nach Spanien?
Ich habe alles versucht, aber es ist unmöglich. Meine Familie hat keine Dokumente: weder Ausweis noch Reisepass. Und ohne die dürfen sie nicht einreisen.

Ich hoffe so sehr für dich, deine Familie und deine Landsleute, dass Afghanistan eines Tages wieder so wird, wie es einmal war: liberal, weltoffen und wunderschön. Wenn du auf dein Leben zurückschaust: Was wäre deine Botschaft an alle Mädchen und Frauen?
Lasst euch von nichts und niemandem aufhalten. Glaubt an euch und eure Stärke! Alles ist möglich, wenn ihr es euch nur doll genug wünscht. Ich wollte kein Opfer sein, ich wollte meine Freiheit. Und ich habe immer dafür gekämpft. Und schaut mich heute an.

Guido

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