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Nicole Jäger Im Gespräch mit Guido

Nicole Jäger: Nicole Jäger und Guido
© Andreas Sibler
Sie nahm 160 Kilo ab und schrieb ein Buch. Dadurch wurde Nicole Jäger, 39, als Autorin bekannt und schließlich auch als Comedian. Dann verliebte sie sich in einen Mann, der gewalttätig war. Mit Guido spricht sie darüber, warum sie so lange nicht aus dieser Beziehung rauskam.

Liebe Nicole, ich freue mich sehr, dass du da bist! Du machst ja mittlerweile wahnsinnig viele tolle Sachen. Angefangen hat alles mit deinem Buch "Die Fettlöserin" vor sechs Jahren. Aber als Erstes würde mich mal interessieren: Wo kommst du eigentlich her? Wie warst du so als Kind? 
Ich war schon immer das Sorgenkind der Familie. Das fing damit an, dass ich auf die Welt kam und kurz aufhörte zu atmen. Und ich war auch schon immer ein bisschen mehr und relativ groß. Mir ist erst sehr viel später bewusst geworden, dass ich wahrscheinlich schon von klein auf an essgestört war.

Wie hat sich das damals geäußert? 
Weil ich immer etwas pummelig war, hatten meine Eltern schon früh ein Augenmerk darauf, was und wie viel ich esse. Deshalb war ich im Alter von fünf Jahren das allererste Mal für sechs Wochen auf einer Abnehmkur. 

Das kann doch nicht funktionieren!
Nein, es war schrecklich. Es war überhaupt schrecklich, weil ich immer eine Sonderstellung hatte. Meine Eltern und meine Schwester haben normal Abendbrot gegessen, ich musste am Knäckebrot knabbern. Meine Schwester bekam Eis, ich nicht. So ging es all die Jahre.

Du hast mit Mitte 20 über 300 Kilo gewogen. Wie kam es dazu?
Ich habe schon als Kind Leistungssport gemacht. Bodenturnen, Zehnkampf und Trampolin. Mit 14 hatte ich dann einen sehr dramatischen Sportunfall, landete im Rollstuhl. Ich hatte mir die Hüfte gebrochen, musste diverse OPs ertragen und dann wieder laufen lernen. Das hat insgesamt ein paar Jahre gedauert. Und da ich immer alles exzessiv gemacht habe – auch den Sport – habe ich da halt angefangen exzessiv zu essen. Das war wie eine Sucht.

War das nicht vor allem ein Schrei nach Liebe?
Ja klar, das war ein Kompensationsmechanismus. Es geht bei Menschen mit starkem Übergewicht nie ums Essen. Ich bin weder zu blöd, zu verstehen, dass zu viel Essen fett macht, noch weiß ich nicht, dass Schokolade mehr Kalorien hat als ein Apfel. Übergewicht ist keine Krankheit, das ist oft ein Symptom für eine seelische Dysbalance. Und das kompensierst du so lange mit Essen, bis du es vermeintlich ausgeglichen hast. 

Was genau hat dir gefehlt? 
Ich habe mich lange als nicht genug geliebt wahrgenommen, hatte immer das Gefühl, nicht zu genügen. 

Wann konntest du das so klar für dich formulieren? 
Ich war irgendwann bei 340 Kilo, konnte das Haus nicht mehr verlassen und musste etwas unternehmen. 

Was genau hat dich bewogen, den Schalter umzulegen? Was war der Moment?
Ich bin morgens aufgewacht und dachte, ich hätte einen Herzinfarkt. Es war nur eine Panikattacke, aber das wusste ich damals nicht. 

Aber 300 Kilo bekommt man doch nicht allein runter … was war die innere Kraft, die dich auf den Weg gebracht hat?
Bei mir war und ist es bis heute so, dass ich mich eigentlich mag. Ganz tief in meinem Innern fand ich mich immer okay. Ich war damals Mitte 20 und wollte noch nicht sterben. Ich bin dann los, zu Ärzten, und hab versucht, mir Hilfe zu holen – und keine bekommen. Schließlich habe ich mich ins Thema reingefuchst und über die Jahre bis heute 190 Kilo abgenommen, indem ich aufgehört habe, Diäten zu machen. 

Spannend ist ja, wie du mit deinen Themen umgehst. Dass du schließlich Künstlerin geworden bist, gesagt hast, ich schreibe darüber, setze mich auf Bühnen, rede darüber. Wann kam dieses Gefühl, auf eine Bühne zu wollen, in die Öffentlichkeit zu gehen?
Ich war in den schwierigsten Momenten in meinem Leben immer allein. Richtig allein. Und das ist das schlimmste Gefühl der Welt. Ich habe mir geschworen, wenn ich je die Gelegenheit habe, mit meinen Themen an die Öffentlichkeit zu gehen, mache ich das. Mit meinen verletzten Themen, denn ich bin ein verletzter Mensch. Wenn ich es irgendwie hinbekomme, werde ich darüber reden, damit sich andere nicht so fühlen müssen, wie ich mich gefühlt habe. Zuerst war es mein Gewicht, jetzt aktuell ist es häusliche Gewalt. 

Du hattest fünf Jahre lang eine Beziehung mit einem Mann, der dich nicht gut behandelt hat. So etwas hat ja oft einen Grund. Daher interessiert mich zunächst: Wie bist du denn als junge Frau überhaupt ins Beziehungsleben gestartet? 
Meine erste Liebe war ein Mann, der leider vergaß, mir zu erzählen, dass er eine feste Freundin hat. Auch meine weiteren Beziehungen waren selten gut und auf Augenhöhe. Es gab viel herablassendes Verhalten und Ablehnung. 

Wann hast du gemerkt, dass du dich in Beziehungen zu sehr aufgibst? 
Retrospektiv würde ich gern sagen: Das war mir von Anfang an klar. (lacht) Das war es aber leider nicht. 

Nicole Jäger: Buch "Unkaputtbar"
Das neue Buch von Nicole, in dem sie über ihre toxische Beziehung schreibt, heißt "Unkaputtbar" (256 Seiten, Rowohlt, 16 Euro). Mehr Infos unter nicole-jaeger.de.
© PR

Du bist ja sehr sensibel und feinstofflich, wie konntest du so lange zulassen, dass jemand dich nicht gut behandelt? 
Das ist die schwierigste Frage an dieser ganzen Thematik. Es ist die Standardfrage: Wenn es schlecht ist, warum gehst du nicht einfach? Aber man muss über jede Form von Gewaltbeziehung wissen, dass die nie mit Gewalt anfängt. Gewaltbeziehungen beginnen immer mit der ganz, ganz, ganz großen Liebe. Und die lässt man nicht mal eben so los, denn man ist am Anfang so unfassbar verliebt. Und es geht ja nicht um körperliche Gewalt. Die kommt später oft on top, aber die Grundlage ist immer psychische Gewalt. Und die passiert schleichend und sehr manipulativ. Denn dein Gegenüber ist ja kein normaler Typ, sondern jemand mit einer psychischen Krankheit, zum Beispiel einer narzisstischen Störung. 

Und wie genau hat es dann bei deinem Ex angefangen?
Am Anfang fand er alles toll, was ich gemacht habe, und plötzlich ging es los mit extremer Eifersucht. Er hat angefangen, mich zu kontrollieren und meinen Job schlechtzumachen. Mich als Mensch immer ein bisschen mehr herabzusetzen. Wenn ich auf Partys war, hat er mich »spontan« – kurz nach Beginn der Party – abgeholt. Oder mir immer das Gefühl gegeben, dass ich ohne ihn nichts schaffen würde. Man hat eigentlich keinen Moment innerer Ruhe mehr. 

Aber noch mal: Was lässt dich da jahrelang bleiben?
Erstens Scham. Vor mir selbst und vor anderen. Zweitens musst du erst mal realisieren, dass du schlecht behandelt wirst. Du bekommst ja am Anfang dieses Lovebombing, und das ist genau das, was du dir ja so sehr gewünscht hast. Aber dann kommt irgendwann der Liebesentzug. Und das kannte ich ja von meinen Eltern. Ich bin damit groß geworden, dass die Männer in meinem Leben mir das Gefühl gaben, nicht viel wert zu sein, wenn ich etwas nicht "richtig" gemacht habe. Und wenn du etwas gewohnt bist, kannst du damit ziemlich lange leben – auch wenn es nicht gut für dich ist. Und zu guter Letzt ist Angst ein riesiger Faktor. 

Fängt psychischer Missbrauch eigentlich schon an, wenn jemand dich nicht mehr beachtet, nicht mehr mit dir spricht?
Ja ganz genau. Das ist toxisch. Das ist keine Art, wie man einem Menschen, den man mag oder sogar liebt, begegnet. Es gibt keinen Grund, sein Gegenüber herabsetzend oder ignorant zu behandeln. Nie, aber schon mal gar nicht in einer Beziehung. 

Der Dichter Klopstock hat gesagt: "Freundschaft und Liebe sind zwei Pflanzen einer Wurzel, Letztere hat nur einige Blüten mehr." Was musste kommen, bis eure Blüten alle welk waren? 
Irgendwann hat er versucht, mich umzubringen. 

Er hat versucht, dich umzubringen …?!?
Ja, er hat versucht, mich zu erwürgen. Und das ist etwas, was die meisten Menschen nicht wissen: Missbrauchsbeziehungen enden im schlimmsten Fall so, dass du es nicht überlebst. Und das lässt der Täter dich wissen, und zwar sehr lange. Aber selbst dann schaffst du häufig noch nicht den Absprung. Nicht weil du ihn immer noch toll findest, sondern aus purer Angst.

Du bist danach immer noch geblieben?
Ja, zwei Jahre noch. Um sein Leben zu fürchten ist ein ziemlich starker Motor. Aber irgendwann saß ich mit einem Messer in der Hand auf dem Sofa, während er mich von der Terrasse aus beschimpfte. In dem Moment wusste ich: Es geht nicht mehr. Und da habe ich angefangen, darüber zu reden.

Du hast vorher alles mit dir allein ausgemacht? Das ist ja Wahnsinn!
Aber genau das ist die "Magic" von häuslicher Gewalt. Sie passiert im Verborgenen, da wo man sie am wenigstens erwartet. Jede vierte Frau ist ein Opfer, und keine redet drüber – aus Scham. Das Erste, was wir immer gefragt werden: »Warum bist du nicht gegangen?« Aber genau diese Frage stellt man sich selber so lange und hat keine Antwort darauf. Weil man solche Angst hat.

Müsste man dann nicht sagen: Wehret den Anfängen? Welches Rüstzeug braucht eine Frau, damit es gar nicht erst so weit kommt?
Der erste wichtige Punkt ist: Erzieht eure Mädchen zu eigenständigen Frauen, die in der Lage sind, sich selbst zu lieben. Die nicht denken, nur gefallen zu müssen. Punkt zwei ist: Reden! Das Einzige, was dich aus einer solchen Beziehung löst, ist: Teile dich mit! Rede rechtzeitig mit Freunden. Behalte das nicht für dich. Deswegen stehe ich auch auf der Bühne. Ich glaube, wenn Menschen sich viel mehr mit offenem Herzen begegnen würden, hätten wir viel weniger Probleme.

Man spürt, wie sehr dir daran liegt, andere Frauen teilhaben zu lassen und ihnen so zu helfen. Welche drei Dinge möchtest du in deinem Leben denn noch erreichen? 
Ich will irgendwann in der ausverkauften Westfalenhalle stehen. Die große Liebe finden, eine gesunde Beziehung führen und insgesamt ein zufriedener Mensch sein. Ich glaube, Glücklichsein wird überschätzt. Aber Zufriedensein ist etwas, das sich sehr lange hält.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Guido Heft Nr. 10/2021.

Guido

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