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Unpünktlichkeit "Sorry, komme später" – Wie kann man gut damit umgehen?

Unpünktlichkeit: Wie gut damit umgehen?
Unpünktliche Menschen stehlen uns Lebenszeit.
© New Africa / Adobe Stock
Unpünktliche Menschen kennt wohl jede:r. Was das mit Macht zu tun hat und wie man gut – und deutlich – damit umgehen kann.

Inhaltsverzeichnis

Ich sitze im Café, eigentlich wollte ich mich mit der Freundin davor treffen, aber nach fünf Minuten des ergebnislosen Wartens wurde mir das zu langweilig und der minütliche Blick auf die Uhr konnte mich auch nur begrenzt unterhalten. Nachdem ich bereits meinen Kaffee bestellt habe, vibriert mein Handy: "Komme 5 Minuten später, sorry." 

Am Ende sind es dann 20 Minuten und die Wut kocht in mir – denn das war natürlich bei weitem nicht das erste Mal. 

Nicht ganz korrekt, denke ich mir, schließlich ist die Freundin bereits 5 Minuten zu spät. Mit den weiteren und recht spät angekündigten 5 Minuten (es werden ohnehin mehr) sind wir schon bei 10. Am Ende sind es dann 20 und die Wut kocht in mir – denn das war natürlich bei weitem nicht das erste Mal. 

Ich komme mir dumm vor, schließlich habe ich mich abgehetzt, um pünktlich zu sein, habe die Küche nach dem Mittagessen im Chaos hinterlassen, das seelenruhig auf mich warten wird, bis ich wieder zu Hause bin. Und das, weil ich – naiv wie ich war – dachte, die Freundin käme pünktlich, und ich könne es mir nicht erlauben, jetzt noch "eben schnell" aufzuräumen.

So ziemlich jeder Mensch dürfte eine Person in seinem Umfeld haben, bei der Verabredungen auf ähnliche Weise ablaufen wie in dem genannten Beispiel. Unpünktlichkeit ist nervtötend – allerdings nicht für die Unpünktlichen. Was das Ganze mit Respekt und Macht zu tun hat, und – vor allem – wie du das nächste Mal auf die Verspätung einer chronisch unpünktlichen Person reagieren kannst, haben wir zusammengefasst.

Unpünktlichkeit ist kein Kavaliersdelikt

Andere Menschen ständig warten zu lassen, ist keine Kleinigkeit
Andere Menschen ständig warten zu lassen, ist keine Kleinigkeit
© A_B_C / Adobe Stock

Es gibt viele Aspekte, die beim Thema Unpünktlichkeit ärgerlich sind. Da wäre zum Beispiel das zweierlei Maß, mit dem gemessen wird, wie Student André im Interview mit "Deutschlandfunk" sagt: "Niemand kommt zu spät zu einem Vorstellungsgespräch bei einem Job, der wirklich wichtig ist. Bei der Geburt des eigenen Kindes würde auch niemand zu spät kommen." 

Doch wenn es um einen gemeinsamen Ausflug geht, einen Spaziergang, einen Kaffee oder eine Party, scheinen die notorischen Zuspätkommer:innen keinerlei Motivation aufbringen zu können, sich rechtzeitig aufzuraffen. "Wenn etwas extrem wichtig ist, dann können es auch die notorisch Unpünktlichen schaffen. Genau diese Diskrepanz führt dazu, dass die Leute im Umfeld gekränkt reagieren, wenn sie mal wieder auf die Person warten müssen", sagt Marc Wittmann, Forscher zum Thema Zeitempfinden im Interview mit der "Zeit". 

Ich investiere mehr in die Beziehung als die andere Person

Wer selbst pünktlich komme, so Wittmann weiter, fühle sich schnell missachtet, wenn der:die andere sich verspätet. "Denn man selbst hat ja einiges darangesetzt, um zur verabredeten Zeit zu erscheinen, sich abgehetzt, vielleicht eine Tätigkeit unterbrochen. Wenn der andere einen dann stehen lässt, nimmt man eine Dissonanz in der Beziehung wahr: dass man selbst mehr investiert als die andere Person."

Kurzum: Es geht um ein Machtgefälle. Da ist die unpünktliche Person, die Macht ausübt, indem sie die Zeit einer anderen Person für sich in Anspruch nimmt – ohne anwesend zu sein. Die "Karrierebibel" bringt es auf den Punkt: "Wiederholte Unpünktlichkeit ist kein Schicksal, sondern unverschämt, eine subtile Form von Arroganz. Denn eine Wiederholung lässt sich entweder gewollt vermeiden – oder ist eine Entscheidung." Die Aussage dahinter: "Anderes ist mir wichtiger. Und ich bin so wichtig, dass ich euch warten lassen kann. Ich muss mein Verhalten nicht euch anpassen, sondern umgekehrt."

Wer wiederholt bei der Arbeit zu spät kommt, dem:der drohen Abmahnungen, es kann sogar zur Kündigung führen. Doch wie ist es im sozialen Umfeld? Kündigen wir Freund:innenschaften wegen der "akademischen Viertelstunde"?

So kannst du mit notorischer Unpünktlichkeit umgehen

Es ist wichtig, ständig unpünktliche Menschen zu konfrontieren
Es ist wichtig, ständig unpünktliche Menschen zu konfrontieren
© bernardbodo / Adobe Stock

Ganz klar: Wer sich einmal verspätet oder einen Grund hat, auf den er:sie keinen Einfluss hatte, dem:der sollte man nicht unbedingt den ganzen angesammelten Frust an den Kopf werfen. Das ist generell selten eine konstruktive Lösung. 

Doch wer ständig zu spät kommt – egal, ob er:sie einfach zu optimistisch mit der Zeitvorstellung ist oder ein narzisstischer Aufmerksamkeits-Junkie, der alle Blicke auf sich haben möchte – dem:der sollten irgendwann Grenzen aufgezeigt werden. Welchen Grund hätte die Person sonst, etwas an ihrem Verhalten zu ändern? Hier ein paar Tipps.

Vor dem Treffen

  • Die Pläne von der Person unabhängig machen: Wer einen Geburtstag feiert, sollte einer unpünktlichen Person nicht den Auftrag geben, die Torte rechtzeitig zu bringen, wer Fahrer:innen braucht, gibt der stetig zu spät kommenden Person nicht diese Rolle. Kurzum: Der Plan sollte nicht stehen und fallen mit dem Menschen, der gerne mal zu spät kommt.
  • Frühere Zeit nennen: Das mag vielleicht etwas fies sein, aber wenn eine Veranstaltung um 18 Uhr beginnt, lohnt es sich, der unpünktlichen Person zu sagen, die Veranstaltung begänne um 17:45 Uhr. Sollte sie tatsächlich pünktlich erscheinen und warten müssen, ist das schlicht Karma.
  • Die Person von bestimmten Dingen ausschließen: Wer unzuverlässig ist, der:die hat bei zeitsensiblen Situationen vielleicht einfach nichts zu suchen. Es gibt genug Aktivitäten (Treffen am Strand, Party), bei der Pünktlichkeit nicht wichtig ist – und das ist wohl die einzige Art von Verabredung, die mit dieser Person möglich ist.

Während du wartest

  • Sei produktiv mit deiner Zeit: Wenn du doch mal warten musst, bringt es wenig, wütend zu sein. Nutze die Zeit lieber produktiv und mache sie dir damit wieder zu eigen. Lies ein Buch, Mails, hilfreiche Artikel wie diesen hier, höre Musik, telefoniere mit jemandem, beantworte Nachrichten … Alles ist besser, als in die Leere zu starren und sich der Wut hinzugeben.

Menschen, die tendenziell immer pünktlich sind, haben einen stärkeren Fokus auf die Zeit als Menschen, die es nicht sind und eher "erlebnisorientiert" leben, wie Marc Wittmann im "Zeit"-Interview erklärt. "Man könnte sagen, Menschen, die sehr stark uhrzeitorientiert sind, fehlt ein bisschen die Fokussierung auf das Hier und Jetzt. Da kann die Spontanität zu kurz kommen, das Lebensfrohe, das Emotionale."

Nutze also die Gelegenheit, schaue dir die schönen Blumen am Wegesrand an, setze dich auf eine Bank und beobachte andere Menschen – genieß diesen Moment in der Gegenwart, in der keine Pläne und Aufgaben warten, schließlich hast du gerade die Zeit dafür.

Beim Treffen

Mag sein, dass du deine Wartezeit gut für dich genutzt hast, mag sein, dass die Person nicht mit böser Absicht (ständig) zu spät kommt – so oder so verhält sie sich dir gegenüber respektlos und das sollte sie wissen.

  • Geh in die Konfrontation: "Es fühlt sich für mich so an, als würdest du meine Zeit nicht wertschätzen", "Ich fühle mich nicht respektvoll behandelt, wenn du ständig zu spät zu unseren Verabredungen kommst, ich nehme mir die Zeit für dich und möchte, dass du das auch tust." – nur zwei mögliche Sätze, um mit der unpünktlichen Person ins Gespräch zu kommen. Denn oftmals merken die anderen gar nicht, was ihr Verhalten bei ihren Mitmenschen auslöst.
  • Setze zeitliche Grenzen: Für das nächste Treffen kannst du klar kommunizieren: "Ich warte 15/30 Minuten auf dich. Wenn du bis dahin nicht am verabredeten Ort bist, gehe ich nach Hause/ohne dich los." Wichtig ist dann natürlich, das dann auch wirklich durchzuziehen. 
  • Besprich das Problem: "Mir ist aufgefallen, dass du dich oft verspätest. Woran liegt das?" Verbalisiere das Zuspätkommen als Problem. Vielleicht könnt ihr gemeinsam eine Lösung für zukünftige Verabredungen finden.
  • Notfalls ist es besser, sich zu distanzieren: Kommt die Person regelmäßig und trotz klarer Ansagen von deiner Seite zu spät, und du ärgerst dich jedes Mal aufs Neue, ist es vielleicht besser, sich zu distanzieren. Würde es sich um ein Arbeitsverhältnis handeln, wäre die unpünktliche Person an dieser Stelle wohl entlassen worden.

Verwendete Quellen: deutschlandfunknova.de, personalwissen.de, strussundclaussen.de, karrierebibel.de, wikihow.com, zeit.de

Brigitte

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